Apotheken abschaffen, weil es die Kosten im Gesundheitswesen reduzieren würde? Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KV) hat mit der Frage, wozu es noch Apotheken braucht, vielerorts heftige Diskussionen ausgelöst. Auch Dr. Nojan Nejatian, Inhaber der Heegbach-Apotheke im hessischen Erzhausen, will sich „diesen radikalen Sparvorschlag“ nicht bieten lassen. Sein Motto: „Die Apotheken sind keine Konkurrenz zur ärztlichen Versorgung – sie sind Partner!“
Wenn man schon alles auf den Kopf stelle, dann sollte man auch radikale Ideen zulassen, so die KV in ihrem Sparvorschlag. „Anstatt Apotheken zu Arztpraxen light zu machen, wie es der Interessenvertretung der Apotheker und der Politik vorschwebt, sollten wir uns fragen, warum wir so viel Geld dafür ausgeben, dass in pharmazeutischen Verkaufsstellen (= Apotheken) 95 Prozent Fertigarzneimittel abgegeben werden“, so die Erklärung der Vorstandsvorsitzenden Frank Dastych und Armin Beck. Ihre Frage: „Wozu brauchen wir solche Apotheken also eigentlich noch?“
Mit großem Interesse habe man in der Apothekerschaft den „radikalen Sparvorschlag” der beiden KV-Vorstandsvorsitzenden zur Kenntnis genommen, erklärt Nejatian. „Ein mutiger Vorstoß: Apotheken abschaffen, Drogeriemärkte aufrüsten und fertig ist die Gesundheitsversorgung.“ Er empfindet dies als anmaßende Gedankenakrobatik.
Nejatian stellt klar: „Kein einziger Standesvertreter der Apothekerschaft hat je die Forderung nach venösen Blutabnahmen erhoben. Niemand.“ Er bezieht sich dabei auf die Aussage, dass Apotheken solche Aufgaben den Arztpraxen überlassen sollten. „Es wäre daher hilfreich – ja, vielleicht sogar professionell –, die Diskussion auf Basis tatsächlicher Vorschläge zu führen, und nicht auf Basis von Schreckensszenarien, die schlicht niemand gefordert hat“, so Nejatian weiter.
„Darüber hinaus möchten wir der KV Hessen ein paar freundliche Anregungen mit auf den Weg geben“, betont er. Denn offensichtlich liege ihr das Schulungswesen sehr am Herzen. „Vielleicht wäre es sinnvoll, die Energie zunächst in die eigenen Mitglieder zu investieren – zum Beispiel durch eine verbesserte telefonische Erreichbarkeit sowie häufigere und hochwertigere Fortbildungen. Das alles, bevor man sich daran macht, das Personal von Drogeriemärkten zu schulen“, so Nejatian.
Die Ärztevertreter hatten vorgeschlagen, dass Drogeriemärkte Abgabestellen bekommen. „Die Schulung des Personals würde die KV sogar übernehmen“, hieß es. „Und über die längst überfällige Möglichkeit für Ärztinnen und Ärzte, Medikamente abzugeben (Dispensierrecht), ließe sich eine durchgehende und flächendeckende Arzneimittelversorgung organisieren und gleichzeitig sehr viel Geld einsparen“, so die KV.
Nejatian stimmt das nachdenklich: „Jahrelang wurde kommuniziert, dass die niedergelassenen Kassenärztinnen und -ärzte an der absoluten Belastungsgrenze arbeiten – zu viele Patienten, zu wenig Zeit, zu viel Bürokratie. Wenn die Politik nun Entlastung schafft, ist es plötzlich falsch“, stellt er fest. „Was genau möchte die KV Hessen eigentlich?“ Eine klare Linie wäre laut Nejatian hilfreich: „Denn man kann nicht gleichzeitig über Überlastung klagen und jede Form der Unterstützung ablehnen“, macht er klar.
„Die Apotheken sind keine Konkurrenz zur ärztlichen Versorgung – sie sind Partner“, betont Nejatian. „Kein Apotheker und keine Apothekerin hat jemals das Ziel verfolgt, niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten ihre Arbeit wegzunehmen. Im Gegenteil: Wir sehen unsere Rolle darin, Therapien im Sinne der Patientinnen und Patienten zu verbessern, zu begleiten und zu modernisieren.“
Mehr noch: „Viele Menschen haben eine Stammapotheke. Nicht weil sie müssen, sondern weil sie uns Vertrauen schenken. Dieses Vertrauen ist nicht selbstverständlich, und es ist das Ergebnis täglicher pharmazeutischer Fachkompetenz“, so Nejatian.
Die Vorschläge der KV führen für ihn „leider nicht zu mehr Effizienz im Gesundheitssystem“, sondern zur Spaltung innerhalb der Heilberufe. „In einer Zeit, in der das Gesundheitssystem vor enormen Herausforderungen steht, brauchen wir keine Grabenkämpfe“, macht er deutlich. „Wir brauchen Dialog, gemeinsame Lösungen und den Mut, neue Wege miteinander zu gehen – für unsere Patientinnen und Patienten.“