Lieferengpässe

Onkologen: Die Angst vor dem Austausch

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Berlin -

Solange Patienten noch versorgt werden können, sieht die Politik Lieferengpässe als unschönes, aber nicht dramatisches Problem. Apotheker und Ärzte sehen das anders: Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) warnt, dass das Vertrauen der Bevölkerung ins deutsche Gesundheitswesen schwindet – und dass dies auch auf die Genesung der Patienten schlagen kann. 

Sowohl Heilberufler als auch Patienten litten an den Lieferproblemen der Hersteller, so Professor Dr. Diana Lüfter, Onkologin an der Berliner Charité und Vorstandsmitglied der DGHO. Sie berichtet von zwei Krebspatientinnen, die nicht mit ihrem Medikament versorgt werden konnten und umgestellt wurden: „Die Verunsicherung führt zu einem Vertrauensverlust. Dadurch werden Ängste verstärkt und die Krankheitsverarbeitung gestört.“

Lieferengpässe seien derzeit gang und gäbe, sagt Professor Dr. Bernhard Wörmann, Medizinischer Leiter der DGHO. Er sieht die Krankenkassen in der Pflicht, bei kritischen Wirkstoffen auf Ausschreibungen zu verzichten oder wenigstens auf extreme Nachlässe zu verzichten. Denn: „Wenn es zu günstig wird, ist die Produktion nicht mehr attraktiv für die Unternehmen.”

Dr. Torsten Hoppe-Tichy vom Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) pflichtet ihm bei: Die Kassen machten Ausschreibungen, seien aber nicht verantwortlich für Ergebnisse. „Das kann nicht sein.” Der Krankenhausapotheker bestätigt, dass Engpässe zum Tagesgeschäft gehören. Der Export teurer Medikamente ins Ausland durch Großhändler und die Kontingentierung durch die Hersteller verschlechtere sich die Arzneimitteltherapiesicherheit genauso wie durch die Umstellung auf andere Wirkstoffe mit anderen Einnahmeintervallen.

Im Klinikalltag erfordere dieses Management zusätzliches Personal. Hoppe-Tichy sieht in der Lagerhaltungspflicht für Hersteller eine Lösung, denn bisher gilt sie nur für Apotheken und Großhändler. Eine Sanktionierung der Pharmafirmen müsse möglich sein.

Die DGHO schlägt ein ganzes Maßnahmenpaket vor, um Lieferengpässe zu verhindern. Dazu gehören eine Meldepflicht bei drohenden Lieferengpässen, verbunden mit der Angabe von therapeutischen Alternativen. Außerdem sollen die Kliniken analog zum Großhandel einen Belieferungsanspruch gegenüber der Industrie bekommen. Die Kassen sollten bei kritischen Wirkstoffen nur noch in begrenztem Umfang Rabatte aushandeln können.

Am häufigsten fehlen laut Professor Dr. Karl Broich, Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Onkologika, Antibiotika sowie ZNS-Therapeutika. Der umfassende Austausch mit allen Teilnehmern im Jour fixe und die freiwillige Lieferengpass-Liste seien bereits wichtige Schritte hin zu mehr Transparenz und Versorgungssicherheit für die Patienten. Broich fordert eine „Selbstdisziplinierung” der pharmazeutischen Industrie. Falls dies nicht umgesetzt werde, könne eine Meldepflicht für die Hersteller kommen.

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