APOSCOPE

Das grüne Missverständnis

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Berlin -

Die Grünen haben einen eigenen Vorschlag für eine Apothekenreform in den Bundestag eingebracht. Unter anderem sieht die Fraktion eine Honorarumverteilung zwischen großen und kleinen Apotheken vor, die Einführung von Höchstpreisen sowie eine Ausweitung der Filialisierung. Die Apotheker sind eher skeptisch mit Blick auf das Gesamtpaket, können mehreren Einzelvorschlägen aber durchaus etwas abgewinnen.

Das Verhältnis der Apotheker zu den Grünen ist historisch bedingt nicht das Beste. Seit dem Kuschelkurs der Partei mit Celesio in der Hochphase der Kettendebatte herrscht ein gewisses Misstrauen gegenüber der Ökopartei. Immer wieder haben sich Vertreter auch im Nachgang kritisch zum Fremdbesitzverbot oder der Preisbindung geäußert. Bei Wahlumfragen unter Apothekern schneiden die Grünen regelmäßig schlechter ab als im Bundesdurchschnitt. Dies als Hintergrund für die Interpretation der aktuellen APOSCOPE-Umfrage.

Ein Kernstück des grünen Vorschlags ist eine Honorarkürzung für sehr große Apotheken. In der Begründung des Antrags findet sich folgende Beispielrechnung: Würde das Honorar der 10 Prozent umsatzstärksten Apotheken um einen Euro gekürzt, könnte ein dreistelliger Millionenbetrag umverteilt werden. Etwas mehr als jeder Dritte (36 Prozent) könnte diesem konkreten Modell etwas abgewinnen.

Allgemein spaltet der Vorschlag einer Honorarumverteilung die Umfrageteilnehmer aber: 49 Prozent sind dafür, 47 Prozent dagegen, der Rest unentschlossen. Zudem hält eine Mehrheit eine Umverteilung für gar nicht umsetzbar. Deutlich positiver wird in diesem Zusammenhang die Idee eines Sicherstellungsfonds für Apotheken gesehen, den 74 Prozent für sinnvoll halten würden. Im Konzept der Grünen würde dieser allerdings aus der Umverteilung finanziert.

Aus einem alten Antrag der Grünen übernommen wurde der Vorschlag, das Festpreissystem gegen ein Höchstpreissystem zu ersetzen. Allerdings gibt es intern auch die Haltung, dass diese Maßnahme mit der Honorarumverteilung überflüssig würde. Die Apotheker halten jedenfalls gar nichts von dieser Form der Preisfreigabe: 84 Prozent sind dagegen.

Die Grünen schlagen vor, die Anzahl der Filialapotheken von derzeit maximal drei zu erhöhen. Der Vorschlag kommt vor allem bei den Inhabern unter den Teilnehmern nicht gut an: 93 Prozent sind dagegen, zwei Drittel davon finden den Vorschlag „überhaupt nicht sinnvoll“. Wenig überraschend sind die befragten Filialleiter der Idee gegenüber aufgeschlossener: 40 Prozent fänden eine Ausweitung der Filialisierung sinnvoll. Bei den vorgeschlagenen Erleichterungen für den Betrieb von OHG-Apotheken zeichnet sich ein ähnliches Bild (s. Grafiken).

Um den Betrieb kleiner Landapotheken zu erleichtern, schlagen die Grünen zudem vor, die Anforderungen an die Standorte zu reduzieren, etwa mit Blick auf Labor oder Rezeptur. Eine Mehrheit von 53 Prozent ist dafür, unter den angestellten Apothekern sind es sogar knapp zwei Drittel. Positiv wird auch der Vorschlag der Grünen bewertet, das Konzept ARMIN als Vorbild für ein vergütetes Medikationsmanagement. Dasselbe gilt für den Ausbau des Botendienstes sowie strengere Temperaturvorschriften für Botendienst und Versandhandel.

Das Fazit der 201 Befragten fällt gemischt aus: 43 Prozent bewerten den Vorschlag der Grünen als insgesamt positiv, wobei 27 Prozent daraus das Paket auch nur als „eher gut“ sehen. Eine Mehrheit von 57 Prozent ist kritisch, und hiervon gaben 12 Prozent das Negativurteil „sehr schlecht“. Immerhin: 38 Prozent finden das Konzept besser als den Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), knapp die Hälfte (47 Prozent) findet den Entwurf des Ministers besser.

Und bei den letzten Fragen der Umfrage zeigt sich, dass das Misstrauen auf Seiten der Apotheker noch immer recht groß ist. 89 Prozent stimmen der Aussage zu: „Bei der Sicherstellung der flächendeckenden Versorgung ist den Grünen die inhabergeführte Apotheke nicht so wichtig.“ Immerhin 71 Prozent sind es bei der Aussage: „Die Grünen setzen sich für Apothekenketten und Versandhändler ein.“ Entsprechend glauben auch 66 Prozent, dass von dem aktuellen Vorschlag der Grünen vor allem die Versandhändler profitieren würden. Das dürfte vor allem mit dem Vorschlag bezüglich der Höchstpreise zusammenhängen, denn bei der Umverteilung wollen die Grünen die Versandapotheken explizit in die Pflicht nehmen.

An der Befragung nahmen am 16. April insgesamt 201 Apotheker teil, darunter 61 Inhaber, 40 Filialleiter und 100 angestellten Apotheker. Das Panel von APOSCOPE besteht aus mehr als 2000 verifizierten Apothekerinnen, Apothekern und PTA.

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