Höhere Zuzahlungen

Brief an Linnemann: Verbieten Sie den Rx-Versand!

, Uhr
Berlin -

Als die damalige Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) im vergangenen Jahr eine Erhöhung des Fixums auf später verschoben hatte, war Dr. Mohammed Radman, Inhaber der Humanitas-Apotheke Leipzig, aus der CDU ausgetreten. Mittlerweile hat die Regierung die Fixumserhöhung zwar „halbherzig und mit erheblichen Abstrichen“ beschlossen, doch nach wie vor sehen sich die Vor-Ort-Apotheken durch ausländische Versender bedroht. Radman wendet sich daher in einem Brief an den neuen Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU).

Das Apothekenreformpaket ist abgeschlossen, doch die Vor-Ort-Apotheken haben bereits das nächste existenzbedrohende Problem, denn ab dem 1. Januar 2027 soll im Rahmen der Sparreform die Zuzahlung um 50 Prozent erhöht werden. „Gleichzeitig ist Ihnen sicherlich nicht entgangen, dass Arzneimittelversender ihren Kundinnen und Kunden finanzielle Vorteile anbieten, indem sie ihnen die gesetzliche Zuzahlung ganz oder teilweise erstatten“, erklärt Radman.

Versender sind keine Apotheken

Diese Unternehmen seien Arzneimittelversender und nicht mit Vor-Ort-Apotheken vergleichbar. „Denn während wir neben der persönlichen Beratung unserer Patientinnen und Patienten zahlreiche unverzichtbare Gemeinwohlaufgaben übernehmen – darunter Nacht- und Notdienste sowie die Herstellung individueller Rezepturen –, konzentrieren sich die Versandunternehmen überwiegend auf den wirtschaftlich attraktiven Teil der Arzneimittelversorgung“, erklärt er.

Auch das Argument aus dem Gerichtsurteil von 2016, wonach ausländische Arzneimittelversender durch die deutsche Preisbindung im Wettbewerb benachteiligt würden, müsse aus seiner Sicht angesichts der heutigen Rahmenbedingungen neu bewertet werden. Denn mit der Einführung des E-Rezepts hätten sich die Wettbewerbsbedingungen grundlegend verändert. „Versandapotheken können inzwischen unmittelbar und unkompliziert am deutschen Markt teilnehmen.“

Versender picken lukrative Bereiche

Bereits heute nehme man einen spürbaren Rückgang der Kundschaft in den Apotheken, insbesondere bei der Versorgung mit verschreibungspflichtigen Fertigarzneimitteln, wahr. „Viele Versicherte bestellen ihre Medikamente bei Versandunternehmen, weil sie dort finanzielle Vorteile erhalten. Den meisten ist dabei durchaus nicht bewusst, dass dieses Verhalten langfristig den Apotheken vor Ort schadet“, schreibt Radman.

Wenn dieselben Kundinnen und Kunden allerdings eine individuell angefertigte Salbe benötigten oder nachts beziehungsweise am Wochenende dringend ein Arzneimittel für ihr krankes Kind besorgen müssten, wendeten sie sich wieder an die Apotheke vor Ort. „Doch von solchen gelegentlichen Besuchen kann keine Apotheke wirtschaftlich überleben“, warnt er.

Die flächendeckende Arzneimittelversorgung lasse sich nur aufrechterhalten, wenn Vor-Ort-Apotheken nicht ausschließlich die aufwendigen und weniger rentablen Versorgungsaufgaben übernehmen müssten, während wirtschaftlich attraktive Bereiche zunehmend an den Versandhandel verloren gingen. Die Gemeinwohlaufgaben könnten Apotheken nur dauerhaft übernehmen, wenn sie auch weiterhin an der gesamten Breite der Arzneimittelversorgung beteiligt blieben.

Rx-Versandverbot

„Deshalb wende ich mich heute mit der dringenden Bitte an Sie, sich für ein Versandverbot verschreibungspflichtiger Arzneimittel (Rx-Versandverbot) einzusetzen oder zumindest wirksame gesetzliche Maßnahmen gegen die Erstattung beziehungsweise Umgehung der gesetzlichen Zuzahlung durch Arzneimittelversender voranzutreiben“, fordert der Apotheker.

Linnemann dürfe sich dabei nicht allein auf die zuständigen paritätisch besetzten Stellen oder auf langwierige Verfahren zur Durchsetzung bestehender Regelungen verlassen. „Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass Versandunternehmen rechtliche Auseinandersetzungen über mehrere Instanzen führen können. Bis endgültige Entscheidungen vorliegen, können für viele Vor-Ort-Apotheken bereits irreversible wirtschaftliche Schäden entstanden sein“, warnt Radman.

Politik muss jetzt handeln

Es gehe hierbei nicht nur um die wirtschaftliche Existenz einzelner Apotheken, sondern um die Zukunft einer wohnortnahen, zuverlässigen und flächendeckenden Arzneimittelversorgung in Deutschland.

„Wenn die Politik nicht rechtzeitig handelt, droht ein weiterer massiver Verlust an Vor-Ort-Apotheken – mit schwerwiegenden Folgen für die Patientinnen und Patienten, insbesondere in ländlichen Regionen sowie für ältere und chronisch kranke Menschen“, so Radman weiter.

„Ich hoffe sehr, dass Sie Ihren politischen Einfluss nutzen, um diese Entwicklung noch vor dem Jahreswechsel aufzuhalten und eine drohende Verschärfung der ohnehin angespannten Versorgungssituation zu verhindern.“

Jetzt kostenlos weiterlesen!
Einfach anmelden bei APOTHEKE ADHOC plus – komplett kostenfrei.
Weil guter Journalismus unbezahlbar ist.
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz