Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) hat den Handlungsbedarf in puncto Versandhandel erkannt – doch wann und wie wird er reagieren? Darüber diskutierten Thomas Preis (Abda), Marcus Freitag (Phagro) und Bernhard Seidenath (CSU) beim APOTHEKE LIVE. Fazit: Wird die Politik nicht endlich aktiv, dann kippt der Markt irgendwann.
Laut Preis war es wichtig, dass Linnemann auf dem Apothekertag eingeräumt habe, dass es ein Problem gebe: Die ausländischen Versender seien dem Rahmenvertrag beigetreten, hielten sich aber nicht an die Regeln. Deshalb sei es jetzt wichtig, dass die Politik endlich reagiere – und die Versender beispielsweise von der Versorgung ausschließe. „Es gibt schon Verschärfungen, aber jetzt gilt es, dass diese Regelungen auch überprüft werden.“ Deutsche Apotheken würden kontrolliert, bei den ausländischen Versendern hätten die Behörden nur bedingt Zugriff.
„Wenn die Regeln eingehalten werden, dann werden wir auch mit dem Versandhandel umgehen können.“ Das betreffe einerseits die Lieferbedingungen, aber das große Thema sei die Einziehung der Zuzahlung. Hier werde sich das Problem im Januar verschärfen. „Die Steuerung wird durch die Versandhändler ausgehebelt. Hier tanzt der Versandhandel der Politik auf der Nase herum, deshalb muss sich das ändern.“
Freitag rechnete vor, dass Phoenix hierzulande Transportkosten im dreistelligen Millionenbereich habe. Das sei auch der GDP-konformen Auslieferung geschuldet. „Das machen die ausländischen Versender nicht.“ Außerdem stelle man fest, dass im Versandhandel Rosinenpickerei betrieben werde. „Es werden weniger die aufwändigen, kühlkettenpflichtigen Produkte ausgeliefert und vielmehr lukrative Medikamente.“ Dadurch gehe die Mischkalkulation verloren.
Man müsse der Politik die Frage stellen, wie die Politik sicherstellen wolle, dass mit gleichen Lanzen gekämpft werde. „Meine Befürchtung ist, dass die Politik nicht reagieren wird und dass die niedergelassene Apotheke in Deutschland und damit auch der Großhandel darunter leiden werden.“
„Wir sind da in Bayern sehr klar“, sagte Seidenath. Sowohl im Landtag als auch innerhalb der Partei sei das Rx-Versandverbot Beschlusslage. „Das haben wir seit 2013 immer wieder klar gemacht, das bleibt eine offene Flanke, das wollen wir wirklich durchsetzen.“ Es genüge nicht, das Thema in den Koalitionsvertrag zu schreiben. „Das Klarste, das Allereinfachste wäre ein EU-Versandverbot.“
Man habe sich 2018 auch mit dem damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gezofft. Der habe ihm eine SMS geschrieben: „Ihr reitet einen toten Gaul. Nenn mir eine Apotheke, die wegen des Versandhandels geschlossen hat.“ Er habe mehrere nennen können.
Zentrale Frage des Koalitionsvertrages sei gewesen: Vor-Ort- oder Versandapotheke? Man habe sich klar für die Apotheke vor Ort entschieden, dem müssten jetzt Taten folgen. Europarechtlich könne es gar keine Probleme geben, weil ein Großteil der Mitgliedstaaten den Rx-Versand gar nicht erlaubt habe. Man sei päpstlicher als der Papst und habe Angst vor Gerichtsentscheidungen.
So wie man sich kein Hackfleisch per Versandhandel liefern lassen würde, müssten auch Medikamente ausgeschlossen sein. „Da ist das Versandhandelsverbot das klarste Statement, dass nichts passieren kann. Das ist eine Maximalforderung, würde aber auch endlich Klarheit in den Bereich bringen.“
Man würde sich schon freuen, wenn alleine die GDP-konforme Auslieferung geregelt sei, so Freitag. „Dann sind die Kosten dermaßen hoch, dass es sich kaufmännisch nicht mehr rechnet. Dann haben Sie faktisch ein Sterben des Versandhandels aus Holland.“ Das würde im ersten Schritt schon einmal ausreichen: „Dann glauben wir, wird der Rx-Versandhandel automatisch klein bleiben oder auch verschwinden.“
„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, räumte Freitag die Sorgen der Politik vor Brüssel ab. „Meine Einschätzung ist: Es fehlt der klare politische Wille.“ Warum? Ein Großteil der Bevölkerung finde den Versandhandel positiv, die Politik habe das Ziel, wiedergewählt zu werden.
Preis widersprach: Gerade junge Menschen hätten ein Interesse an der Apotheke; das Image habe sich verbessert und man werde in den kommenden Jahren noch mehr sehen, dass die Apotheke ein Rückgrat der Versorgung sei. Die Politik habe erkannt, dass der Versandhandel hier nicht zielführend sei. „Deshalb haben wir da schon einen Wechsel: Man braucht ein sicheres Apothekennetz, um die Versorgung zu sichern.“ Der Versandhandel helfe nicht weiter in Notsituationen, „da braucht man Apotheken vor Ort“.
Seidenath stimmte zu: Die Menschen wüssten, was sie an der Apotheke vor Ort hätten. Womöglich habe die Politik früher andere Ansichten gehabt, gerade bei Spahn habe das womöglich auch andere Gründe gehabt. Auch die Kassen witterten womöglich, dass sie es im Versandhandel günstiger hätten. Aber man müsse sich klar machen, dass man weiter täglich Apotheken verliere. „Aus meiner Sicht braucht es das Versandhandelsverbot.“ Als Landtag könne man nur die Staatsregierung auffordern, sich dafür einzusetzen. Er sei zuversichtlich, dass Linnemann das Problem verstehe. Man brauche auch kein Geld, um diese Maßnahme umzusetzen.
Preis sagte, man werde morgen bei der Anhörung zum Digitalgesetz (GeDIG) erneut fordern, dass mit einem Änderungsantrag in § 43c Sozialgesetzbuch (SGB V) verboten werden soll, dass Versender die Zuzahlung erlassen und dafür werben. „Die paritätische Stelle ist ein zahnloser Tiger.“ Man werde mit einem Gutachten noch einmal klarstellen, dass man als Verband nicht dafür haften könne, wofür der Staat verantwortlich sei.“ Beispiel: Radarkontrolle, Führerscheinentzug. „Das macht auch niemand privat auf eigene Rechnung.“
Auch die Kassen müssten in die Pflicht genommen werden. Aber am Ende sei die Politik in der Pflicht, dies jetzt scharf zu schalten. Die paritätische Stelle müsse eine staatliche Stelle sein.
Wie viel Umsatz in Folge der höheren Zuzahlung verloren gehen werde, wollte er nicht sagen. Aber es sei ein Konjunkturprogramm für den Versandhandel. „Das ist nicht in Ordnung.“ Er bezeichnete die Zulassung des Versandhandels als „waghalsiges Versorgungsexperiment, das heute die Apotheken gefährdet“. Bis heute schreibe kein Versandhändler schwarze Zahlen, das werde auch dm noch merken.
Spahn habe die Brücke gebaut, indem er die Preisbindung ins Sozialrecht überführt habe. Aber nach wie vor gebe es keine Handhabe, um die Versender hier zu stoppen. Preis verwies auf die Schwierigkeit, Strafgelder in den Niederlanden einzuziehen.
„Es will keiner Apotheken verlieren“, so Preis. Schon heute hänge man in Europa ganz hinten dran.
Steht die Pharmaindustrie noch hinter der Apotheke? Gerade bei Diabetesprodukten, die zur Gewichtsreduktion führten, versuche die Industrie längst Großhandel und Apotheke zu umgehen, räumte Freitag ein. Leider könne man hier als Branche wenig unternehmen. „Meine große Sorge ist, dass die Politik weder das Thema GDP noch Zuzahlung löst. Die Gefahr, die ich sehe, ist, dass immer mehr lukrative Produkte abwandern in andere Kanäle.“
Früher hätte die Apotheke 70 Prozent mit Rx umgesetzt, aber 50 Prozent des Ertrags aus dem OTC-Bereich gezogen. Heute liege das Verhältnis bei 90:10. Ein Beispiel sei Wobenzym, das es kaum noch in der Apotheke gebe. „Da wird mit aggressiven Preisen geworben.“
Der Einstieg von dm habe eine neue Qualität, denn hier würden die Grenzen zwischen Online und Offline verwischt. „Bei all den Dingen, die derzeit nicht schlecht für die Apotheke laufen, sehen wir hier Gefahren, dass noch mehr Dinge abfließen aus der Apotheke.“
Man müsse weiter kämpfen, auch die Bekenntnisse zur Apotheke vor Ort nehme er wahr. Aber es müsse endlich etwas passieren. „Wir müssen der Politik klarmachen, dass die Versandhändler sich die Rosinen herauspicken, während Großhandel und Apotheke den ganzen ‚Mist‘ machen müssen.“ Die Mischkalkulation gehe verloren, das sei auch Spahn nie klar gewesen, der den Versandhandel forciert habe.
„Wir sind auf keinen Fall zufrieden und wir können uns auf nichts ausruhen“, räumte Preis ein und warnte: „Wir werden eine Beschleunigung des Versandhandels sehen.“ Es gebe keinerlei Nachteil mehr für den Versandhandel, wie ihn der EuGH vor zehn Jahren zugrunde gelegt habe.
Die Gefahr sei gewaltig: „Wenn wir 35 Prozent des Rx-Marktes abgeben, dann gibt es in Deutschland keine Apotheke mehr.“ Dann gebe es in der Stadt vielleicht noch vier Betriebe und auf dem Land alle 100 Kilometer. „Das war's.“ Das Netz sei absolut an der Grenze. Man sei jetzt auch in Brüssel gewesen, um die Positionen durchzusetzen.
Freitag stimmte zu. Mit dem Großhandelsverband GIRP sei man in der EU aktiv, das sei schwierig. Da werde viel lobbyiert, auch wenn die Wirklichkeit anders aussehe. „Es gibt gute Gründe, warum es keinen Rx-Versandhandel gibt.“
„Es gibt keinen politischen Willen, den Versandhandel zu stoppen oder GDP-konforme Auslieferung durchzusetzen.“ Vielleicht bekomme man bei der Zuzahlung etwas hin, aber: „Obwohl alle Argumente auf unserer Seite sind: Warum sind wir nicht in der Lage, hier etwas bewegt zu bekommen? Weil der politische Wille fehlt. Das ist der Grund.“
Seidenath konterte, dass sehr viel passiert sei für die Apotheke vor Ort: Fixum, pDL, Tests, Impfungen. „Das sind doch Punkte, die verdammt wichtig sind und für die Apotheken stabilisierend wirken.“ Er finde es nur schade, dass der Ton seitens der Ärzteschaft gegenüber den Apotheken rauer geworden sei. „Wir sitzen alle im selben Boot.“
Auch er sieht dm als schmerzhaften Einfluss, aber der Markt werde insgesamt größer, deswegen sei er auch nicht so skeptisch eingestellt. Preis hielt dagegen: Konzerne wie dm seien genauso Rosinenpicker wie die Versender.
Dass auch Apotheken Terminals aufstellen und Gesundheitsshops eröffnen, sieht Preis nicht als Problem: „Am Ende wird man die Menschen nicht mit Algorithmen behandeln können. Menschen brauchen einen persönlichen Kontakt.“ Die Beratungsgespräche würden immer länger, weil die Praxen nicht mehr genügend Zeit hätten, alle Fragen zu beantworten oder Impfungen durchzuführen. Ein stabiles Gesundheitssystem mit Apotheken vor Ort sei auch elementar für die Demokratie.
Freitag blieb kritisch: Player wie dm und Rossmann, die Millionen Kundinnen und Kunden angehen könnten, seien eine große Bedrohung für die stationäre Apotheke. Der Schritt, von Kosmetikprodukten auf Gesundheitsprodukte zu gehen, sei ein kleiner. Auch Amazon sei ein Problem: Der Konzern sei führend im Non-Rx-Bereich – und das obwohl es für die Apotheken aufgrund der Gebühren nicht lukrativ sei. „Das zeigt, welche Macht da entsteht und wie wenig Sie sich als Anbieter wehren können.“ Sobald es dem Versandhandel gelinge, im Rx-Bereich zu reüssieren, werde auch Amazon hier aufmerksam werden.
„Wir leben von der stationären Apotheke und wollen sie unterstützen“, so Freitag. Daher müsse man den Apotheken etwas anbieten, das sie wettbewerbsfähig mache. Als Beispiele nannte er sein Engagement bei Gesund.de und Linda. „Wir glauben, dass das Konsumentenverhalten sich verändern wird und dass Player wie dm versuchen werden, sich einen Teil des Kuchens zu nehmen.“ Nur als Gemeinschaft könne man sich hier erfolgreich behaupten.
„Ich glaube, wir brauchen keine Verbote, sondern gleiche Lanzen“, kam Freitag zu seiner Eingangsthese zurück. Man könnte ja auch sagen, der Großhandel und Apotheken müssten auch nicht mehr GDP-konform arbeiten. „Aber wenn Sie wissen, wie wir über Aufsichtsbehörden kontrolliert werden, welche Strafen es gibt und wie schnell Sie eine Niederlassung schließen müssen, dann können Sie nicht akzeptieren, dass woanders einfach unkontrolliert Päckchen an Abholstationen geliefert werden.“
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