Nach dem Aus der Erstattung von Cannabisblüten durch die gesetzlichen Krankenkassen gibt es die erste große Insolvenz in der Apothekenbranche. Der auf medizinisches Cannabis spezialisierte Apotheker Tobias Loder ist pleite. Seine Hürther Apotheke Lux 99 wird in Eigenverwaltung weitergeführt.
Loder meldete für seine Apotheke Lux 99 Insolvenz an. Der Betrieb gehört laut Unternehmensangaben zu den führenden Apotheken für die Versorgung mit medizinischem Cannabis in Deutschland. „Über unseren spezialisierten Bereich Cannabis-Apotheke erhalten Patientinnen und Patienten Zugang zu einem umfangreichen Sortiment an Cannabisblüten und -extrakten, einem Live-Bestand mit aktuellen Verfügbarkeiten sowie einer einfachen Online-Rezepteinlösung.“
Doch zuletzt sorgte die Regierung mit der Streichung medizinischer Cannabisblüten als Kassenleistung für einen Umbruch. Denn seit Ende Juli werden diese mit Inkrafttreten des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes nicht mehr erstattet. Für Praxen besteht ein Regressrisiko, wenn sie weiterhin verordnet werden, warnte unlängst die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Stattdessen sollten zugelassene cannabishaltige Fertigarzneimittel im Rahmen eines sechsmonatigen Therapieversuchs verschrieben werden, bevor beispielsweise ein Cannabisextrakt oder eine Rezeptur verordnet werden könne.
Die Sparmaßnahme wurde von verschiedenen Seiten heftig kritisiert. Ein Bündnis aus Herstellern, Apothekern und Organisationen ließ über die Initiative „Versorgung sichern“ die Betroffenen im Rahmen einer Kampagne zu Wort kommen. Hinter dem Projekt stand unter anderem auch die Apotheke von Loder sowie der Verband der Cannabis versorgenden Apotheken (VCA), dessen stellvertretender Vorstandsvorsitzender er ist. Auch andere Cannabis-versorgende Apotheker verwiesen auf die Folgen für die Patientinnen und Patienten.
Als Grund für die Insolvenz nennt Loder auf Anfrage das Spargesetz: „Die Umsetzung des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes Ende Juli 2026 und die damit verbundene Streichung von Cannabisblüten aus dem GKV-Leistungskatalog“ hätten zur Zahlungsunfähigkeit geführt, sagt er. „Wir sind beziehungsweise waren auf sehr kranke Patienten spezialisiert, die sich überwiegend über die inhalative Anwendung von Cannabisblüten therapiert haben.“
Diese Kundschaft habe den Großteil ausgemacht. Deshalb sei ein Großteil des Umsatzes weggefallen. Doch Loder will die Apotheke nicht aufgeben: „Die Apotheke wird in Eigenverwaltung weitergeführt“, sagt er. Insgesamt beschäftigt er mehr als 80 Angestellte nur für medizinisches Cannabis, darunter 20 approbierte Apothekerinnen und Apotheker. „Ich musste mich im Rahmen einer Massenentlassung von 49 hochqualifizierten und spezialisierten Arbeitskräften trennen, die nun arbeitslos sind, wir arbeiten jetzt mit 22 Mitarbeitern weiter.“
Im April zeigte sich Loder trotz der Sparpläne noch zuversichtlich: „Wir als Apotheke kommen einigermaßen klar damit, denn die Patienten brauchen diese Art der Medikation und würden sie zur Not aus eigener Tasche bezahlen“, sagte er. Gleichzeitig kritisierte er das Vorhaben: „Ich finde es dennoch unmöglich, den Nutzen dieser Therapieoption in Frage zu stellen. Man erinnere sich, zu den Zeiten, als Cannabis noch als Betäubungsmittel eingestuft worden ist, musste der Arzt nachweisen, dass der Patient im herkömmlichen Sinne austherapiert ist. Erst dann durften Cannabisblüten verordnet werden, die dann auch von den Kassen übernommen worden sind. Auch nicht immer, aber doch häufig durch eine nicht zu hinterfragende Argumentation seitens der Verordner.“
Seien die Menschen jetzt nicht mehr austherapiert und hilflos, fragte er. „Ich finde das absolut unmenschlich, was dort vorgeschlagen wird. Leider auch von ahnungslosen Verfassern, denn Blüten können eben einfach nicht durch Extrakte ersetzt werden, Stichwort Pharmakodynamik und -kinetik. Wir kennen aus eigener Erfahrung endlos viele Patienten, die auf die Inhalation von Blüten angewiesen sind.“
Loder übernahm 2000 die Kristall-Apotheke von seiner Mutter Ulla Loder, die den Betrieb 1977 gegründet und 23 Jahre geführt hatte. Vier Jahre später eröffnete er seine erste Filiale. Seit 2014 ist er in der Cannabisbranche aktiv: „Dank einer Ausnahmegenehmigung der Bundesopiumstelle des BfArM konnten wir bereits im Jahre 2014 die ersten Patientinnen und Patienten mit Cannabispräparaten versorgen und sie im Therapieverlauf begleiten.“
2023 folgte die Fokussierung auf das Cannabis-Geschäft. Die Apotheke, die zwischenzeitlich in Lux 99 umbenannt wurde, zieht um. Am neuen Standort in Hürth wurde in neuen, größeren Räumen Platz für mehr Beratung, Labore und eine Telemedizinbox geschaffen. Im August zogen in das Gebäude eine Ärztin und ein Arzt ein. Ein Schwerpunkt der „LuxDocs“ ist die Cannabinoidtherapie für Selbstzahler und Privatversicherte.
Auch andere Cannabis-Anbieter spüren den Wegfall der Erstattung: Synbiotic etwa kündigte an, ebenfalls Insolvenz anmelden zu müssen. Der Betrieb ist nach eigenen Angaben „Europas führende Unternehmensgruppe für Medizinalcannabis und Industriehanf“.