Apotheker: Keine Zukunft in der Offizin | APOTHEKE ADHOC
Junge Pharmazeuten

Apotheker: Keine Zukunft in der Offizin

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Berlin -

Die Einzelapotheke hat ausgedient – zumindest bei den Berufsanfängern unter den Pharmazeuten. Nur 3 Prozent der Apotheker mit drei bis neun Jahren Berufserfahrung würde einen entsprechenden Weg wählen, bei Apothekerinnen liegt die Quote mit 9 Prozent etwas höher. Das geht aus einer Umfrage der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (Apobank) hervor. Das Ergebnis ist „alarmierend“: Fast die Hälfte glaubt nicht mehr an eine Zukunft in der Apotheke. Nicht weniger als ein Paradigmenwechsel ist zu erwarten: mit Heilberuflern, die als Angestellte in kommerziell ausgerichteten Ketten arbeiten.

40 Prozent der befragten Apotheker und 43 Prozent der Apothekerinnen sehen ihre Zukunft in der öffentlichen Apotheke. 17 Prozent der Männer und 9 Prozent der Frauen würden sich im Krankenhaus anstellen lassen. 43 beziehungsweise 49 sehen sich im Jahr 2030 in einer nicht kurativen Tätigkeit außerhalb der Apotheke, zum Beispiel in der Forschung oder Industrie. Zum Vergleich: Heute arbeiten 80 Prozent der Approbierten in der Offizin, 3,5 Prozent im Krankenhaus und 16 Prozent im nicht kurativen Bereich.

Was die Offizin angeht, präferieren Frauen eine Anstellung (23 Prozent). 9 Prozent würden Inhaberin einer Apotheke sein, 11 Prozent einen Verbund leiten. Männer zieht es eher in die Selbständigkeit, dann aber mit einem Apothekenverbund (20 Prozent) und nicht mit einer Einzelapotheke (3 Prozent). 17 Prozent würden sich in einer öffentlichen Apotheke anstellen lassen. Auch hier der Vergleich: Der Anteil der Selbstständigen unter allen Approbierten liegt bei 25 Prozent. Als Angestellte in der Apotheke arbeiten 55 Prozent aller Kollegen.

Eine Mehrheit von 87 Prozent der männlichen Approbierten will 2030 in Vollzeit arbeiten, bei den Frauen sind es nur 53 Prozent. Befragt nach den erwarteten Gehältern, geben Apotheker niedrigere Werte an als die übrigen Heilberufsgruppen: So sehen sowohl Männer als auch Frauen im Median ein Einkommen zwischen 61.000 und 80.000 Euro für das Jahr 2030 als realistisch an.

Die Studie verdeutliche einmal mehr, dass Deutschland in eine Versorgungslücke hineinlaufe, kommentiert Ulrich Sommer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Apobank. Zwar gehe man davon aus, dass die Digitalisierung Prozesse effizienter und effektiver mache und dabei helfe, heilberufliche Leistungen in Teilen auf andere Berufe im medizinischen Umfeld zu delegieren. Außerdem könnten sich an der Schnittstelle von ambulanter und stationärer Versorgung neue Arbeitsfelder für angehende Mediziner auftun. „Dies allein wird jedoch unseren steigenden Bedarf an Gesundheitsleistungen nicht decken – zu sehr treiben die Demografie, die steigende Multimorbidität und die Ansprüche der ‚Gesundheitskunden‘ die Nachfrage.“

„Speziell für die Apothekerschaft gilt es hier angesichts der Studienergebnisse rasch gegenzusteuern, wenn sich diese Versorgungslücke morgen nicht auftun soll“, so Sommer. „Wir brauchen also mehr Köpfe in den Heilberufen. Wenn wir die gewinnen möchten, müssen Politik und Standesorganisationen schon heute an anderen Rahmenbedingungen und Versorgungsstrukturen arbeiten.“

Über alle Heilberufsgruppen hinweg geht die überwiegende Mehrheit der Befragten davon aus, dass der Heilberufler im Jahr 2030 als Dienstleister wahrgenommen (83 Prozent), während das Image als „Halbgott in Weiß“ endgültig überholt sein wird (79 Prozent). Insgesamt aber zeichnen die Heilberufler ein selbstbewusstes Bild von sich: 71 Prozent sind sich sicher, dass sie auch im Jahr 2030 hohes Vertrauen in der Bevölkerung genießen werden.

91 Prozent der Ärzte, Zahnärzte und Apotheker rechnen damit, dass der Patient in Zukunft höhere Ansprüche an ihre Leistungen stellen wird. Nicht zuletzt dadurch, weil er im Jahr 2030 informierter sein wird als heute, davon sind 85 Prozent der Befragten überzeugt. Zudem halten es 59 Prozent für wahrscheinlich, dass der Patient auch häufiger bereit sein wird, für Gesundheitsleistungen selbst zu zahlen.

55 Prozent der Befragten sehen in der Einzelpraxis beziehungsweise der Einzelapotheke ein Auslaufmodell. Demnach wird sich auch in Zukunft der Trend zu Anstellung und Kooperation weiter fortsetzen. Die Versorgungslücke im ländlichen Bereich füllen nach Ansicht von zwei Dritteln der Heilberufler künftig Krankenhäuser, die als „Allrounder“ sowohl die stationäre als auch die ambulante Versorgung übernehmen werden.

65 Prozent der Befragten fürchten, dass es 2030 eine geringere Bindung zwischen Heilberuflern und Patienten beziehungsweise Kunden geben wird. Dazu trägt auch die sich wandelnde Struktur der ambulanten Versorgung mit weniger Einzelpraxen und mehr Kooperationen bei: Sie führt häufiger zu einem Wechsel des Arztes und infolgedessen auch zu einer geringeren sozialen Verbundenheit mit diesem. Jeder zweite Heilberufler geht zudem davon aus, dass der Patient künftig aktiv mehr Eigenverantwortung für seine Gesundheit übernehmen und vermehrt Präventionsmaßnahmen betreiben wird als heute.

Die Heilberufler sind sich weitgehend einig (90 Prozent), dass Spezialisierung künftig in allen Bereichen – ob Studium, Praxis oder Apotheke – eine notwendige Voraussetzung für den eigenen Erfolg darstellt. Zusätzlich erwarten 82 Prozent der Befragten eine zunehmende Kapitalisierung der Versorgungsstrukturen, bei der Praxen und Apotheken durch private Investoren aufgekauft und in bundesweiten Kettenkonzepten integriert werden. Mit 71 Prozent liegen die Apotheker unter dem Durchschnitt.

86 Prozent aller Heilberufler gehen davon aus, dass die Digitalisierung ihre Arbeit in Zukunft sinnvoll unterstützen wird. Lösungen bei der Verwaltung, die die „Zettelwirtschaft“ abnehmen – wie zum Beispiel digitale Abrechnungen zwischen Apotheken und Krankenkassen, elektronische Rezepte, computergestützte Diagnostik, digitales Management der Medikamenteneinnahme oder die Online-Gesundheitsakte – gehören 2030 nach Ansicht der überwiegenden Mehrheit zum Standard. 40 Prozent der Befragten glauben sogar, dass die Digitalisierung künftig den Heilberufler in Teilen ersetzen wird. Dass Online-Sprechstunde und Video-Apotheke kommen werden, glauben weniger Apotheker als Ärzte.

„Die Studie offenbart, dass sich das Rollenverständnis des Heilberuflers hin zum Berater, Dienstleister und Gesundheitsmanager wandelt. Ein neues Image entsteht, welches durchaus positiv besetzt und eine adäquate Antwort auf das gesteigerte Anspruchsverhalten der zu Gesundheitskunden emanzipierten Patienten sein kann“, sagt Daniel Zehnich, Direktor des Bereichs Gesundheitsmärkte und Gesundheitspolitik und Leiter der Studie. „Im Ergebnis sehen wir, dass Faktoren wie Digitalisierung, Spezialisierung, Kapitalisierung oder eben ein sich wandelndes Heilberufler-Patient-Verhältnis das ‚System Gesundheitsmarkt‘, wie wir es heute kennen, in den nächsten Jahren deutlich verändern werden.“

Die Befragung der Ärzte ergab vor allem unterschiedliche Präferenzen bei der Berufsausübung zwischen den Geschlechtern: So arbeitet die „typische“ Ärztin im Jahr 2030 als Angestellte im ambulanten Sektor: Die am häufigsten gewählte Berufsform bei den Frauen ist die Anstellung im MVZ (23 Prozent) – gefolgt von der Anstellung in einer Praxis (14 Prozent). 10 Prozent präferieren die Arbeit in der Klinik, 12 Prozent eine nicht kurative Tätigkeit. Selbstständig sein wollen 39 Prozent: 8 Prozent mit Einzelpraxis, 12 Prozent in einer Berufsausübungs- und 8 Prozent in einer Praxisgemeinschaft sowie 11 Prozent als Partner in einem MVZ.

Anders bei den männlichen Ärzten: 58 Prozent sehen sich selbständig: in der Berufsausübungs- (20 Prozent) oder Praxisgemeinschaft (16 Prozent), im MVZ (9 Prozent) sowie in der Einzelpraxis (13 Prozent). Im Krankenhaus wollen 19 Prozent angestellt sein, dies sind in der Regel die fachärztlichen Kollegen. In Industrie und Verwaltung zieht es 9 Prozent. Auch hier der Vergleich: Heute arbeiten 51 Prozent der knapp 379.000 Mediziner im Krankenhaus, 32 Prozent haben sich niedergelassen.

Immerhin ein Drittel der Männer kann sich vorstellen, im Jahr 2030 in Teilzeit zu arbeiten. Bei Frauen sind es doppelt so viele. Eine geschlechterspezifische Lücke tut sich auch bei den künftig erwarteten Gehältern auf: Frauen schätzen ihr Einkommen im Jahr 2030 im Median von 81.000 bis 100.000 Euro. Damit liegen sie um einiges niedriger als Männer mit 141.000 bis 160.000 Euro.

Die Befragung der Zahnärzte zeigt, dass sowohl Frauen als auch Männer die Selbständigkeit künftig als die attraktivste Berufsausübungsform sehen – am ehesten werden dabei Kooperationen gewählt: Sowohl Zahnärzte (35 Prozent) als auch Zahnärztinnen (23 Prozent) wollen vorrangig selbständig in einer Berufsausübungsgemeinschaft arbeiten.

Ähnlich wie die Ärztinnen gehen über 60 Prozent der weiblichen Zahnärzte davon aus, dass sie 2030 in Teilzeit arbeiten werden. Drei Viertel der Männer planen in Vollzeit tätig zu sein. Größere Abweichung zeigen sich auch bei den in 2030 erwarteten Gehältern: Zahnärztinnen schätzen – ähnlich wie die Ärztinnen – das Einkommen im Median mit 81.000 bis 100.000 Euro deutlich niedriger ein als ihre männlichen Kollegen mit 121.000 bis 140.000 Euro.

Die Apobank hatte mehr als 400 Ärzte, Zahnärzte und Apotheker im Alter von 25 bis 40 Jahren online befragt. Voraussetzung waren mindestens drei und maximal neun Jahre Berufserfahrung nach Abschluss des Studiums. Die Autoren wollten die Meinung jener Heilberufler, die 2030 eine tragende Rolle in der Gesundheitsversorgung spielen werden.

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