Primärprävention

Statine werden zu häufig verschrieben

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Berlin -

Statine kommen zu häufig bei der Primärprävention zum Einsatz. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Universität Zürich, deren Ergbenisse im Fachjournal „Annals of Internal Medicine“ veröffentlicht wurden. Milo Puhan, Professor für Epidemiologie und Public Health, weist vor allem auf das Risiko von Nebenwirkungen hin, das von den gängigen Richtlinien vernachlässigt werde.

Statine gehören zu den Hemmern der HMG-CoA-Reduktase, dieses Enzym spielt eine Rolle in der Cholesterinneusynthese. Es unterdrückt die Bildung des Cholesterins, dies wird mit einer verstärkten Aufnahme aus dem Blutplasma kompensiert. Die Arzneimittel sind bei Hypercholesterinämie und zur Vorbeugung kardiovaskulärer Ereignisse indiziert. Eine Empfehlung zur Primärprävention für sonst Gesunde wird ausgesprochen, wenn die Betroffenen bestimmte Risikofaktoren aufweisen. Zum Einsatz kommen beispielsweise Simvastatin, Atorvastatin, Lovastatin, Fluvastatin und Pravastatin. Die Therapie mit Statinen bewirkt eine deutliche Reduktion an Herzinfarkten und Todesfällen.

Doch die Anwendung von Statinen für die Primärprävention werde seit Jahren in Fachkreisen heftig diskutiert, teilt die Universität Zürich mit. „Letztendlich trägt diese Maßnahme nur in wenigen Fällen dazu bei, Herzinfarkten oder Schlaganfällen vorzubeugen. Bei allen Personen, die Statine einnehmen, besteht jedoch das Risiko, dass Nebenwirkungen auftreten“, warnt Puhan.

Ärzte sprechen anhand einer Berechnung eine Empfehlung aus, wenn für die Patienten das Risiko besteht, in den nächsten zehn Jahren einen Herzinfarkt oder Hirnschlag zu erleiden. Die verschiedenen medizinische Richtlinien haben jedoch unterschiedliche Vorgaben, wann mit der Therapie begonnen werden soll. Die Schweizer Hausärztevereinigung legt den Schwellenwert auf 20 Prozent fest, andere Richtlinien empfehlen, die Behandlung bei einem Risiko von 10 Prozent oder 7,5 Prozent anzusetzen. Entsprechend der Empfehlungen müssten mehr als ein Drittel der 40- bis 75-Jährigen präventiv mit einem Cholesterinsenker behandelt werden. Die unerwünschten Arzneimittelwirkungen wie Muskelschmerzen, Grauer Star, Leberschäden oder Diabetes würden bei der Erstellung der Richtlinien nur kaum berücksichtigt. „Die Schwellenwerte wurden von den Experten ohne systematische Untersuchungen so festgelegt“, mahnt Puhan.

Nutzen und Risiko der Behandlung müssten abgewogen werden, so das Forscherteam. Für die Studie wurden Daten aus der Fachliteratur zusammengetragen, die Nutzen und Nebenwirkung einer präventiven Einnahme dokumentierten. Außerdem wurden die Ergebnisse einer Umfrage von gesunden Menschen in das Ergebnis einbezogen, welche Bedeutung Herzinfarkt, Hirnschlag und bestimmte unerwünschte Arzneimittelwirkungen haben. In der Folge wurde ein neuer Schwellenwert für Männer und Frauen in verschiedenen Altersgruppen zwischen 40 und 75 Jahren errechnet.

„Es hat sich gezeigt, dass Statine heute wohl deutlich zu häufig empfohlen werden“, so Puhan zu den Studienergebnissen. Die Zahl der Empfehlungen könne sich dank des neu errechneten Schwellenwerts schätzungsweise halbieren.

„Vor allem für Senioren wurde der Nutzen von Statinen bis jetzt anscheinend stark überschätzt“, schreibt die Universität Zürich. Der errechnete Schwellenwert für Personen zwischen 70 und 75 Jahren beträgt 21 Prozent. Demnach überwiegt der Nutzen der Statine erst ab einem Risiko von 21 Prozent, in den kommenden zehn Jahren eine Herzinfarkt oder Hirnschlag zu erleiden. Für die Altersgruppe 40 bis 45 wurden Schwellenwerte von 14 Prozent für Männer und 17 Prozent für Frauen errechnet. Puhan empfiehlt, dass individuelle Risiko der Betroffenen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu berechnen und mögliche Nebenwirkungen zu besprechen.

Statinen werden auch pleiotrope Effekte zugeschrieben, das heißt die gleichzeitige günstige Beeinflussung weiterer Parameter abgesehen von der bloßen Cholesterinsenkung. Experten diskutieren hier die Verbesserung der Funktion und des Schutzes des Gefäßendothels sowie antioxidative und antientzündliche Effekte. Daten zu klinisch relevanten Unterschieden hinsichtlich des Ausmaßes pleiotroper Effekte zwischen den verschiedenen Statinen liegen nicht vor. Statine senken den Spiegel des „bösen“ Cholesterins im Blut, dem LDL (Low-densitity Lipoprotein). LDL ist hauptverantwortlich für die meisten Cholesterin-bedingten Schäden des Körpers. Eine cholesterinreduzierte Diät erhöht die Effektivität der Senkung des Cholesterinspiegels.

Unter der Therapie mit Statinen können häufig Myalgien (Muskelschmerzen) und Myopathien (entzündliche oder degenerative Muskelerkrankungen) auftreten. Selten kann es zu einer Rhabdomyolyse führen. Dieser Begriff bezeichnet einen Muskelzelluntergang in der Skelett- und Herzmuskulatur. Mögliche Folgen sind akutes Nierenversagen. Das Risiko ist dabei dosisabhängig. Weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, gastrointestinale Beschwerden, Exantheme sowie Schlafstörungen. Bei Patienten mit Risikofaktoren für eine Rhabdomyolyse, Lebererkrankungen und erhöhten Serum-Transaminasewerten sind Statine kontraindiziert. Weitere Wechselwirkungen bestehen beispielsweise bei Amiodaron, Verapamil, Amlodipin und Diltiazem.

Statine sind während Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert. Sie sollten Frauen im gebärfähigen Alter nur dann verabreicht werden, wenn bei diesen Patientinnen der Eintritt einer Schwangerschaft unwahrscheinlich ist. Wenn eine Patientin plant schwanger zu werden oder schwanger wird, muss umgehend der Arzt informiert werden und das Arzneimittel wegen des potenziellen Risikos für den Fötus abgesetzt werden.

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