Immunisierung

Impfung: Gewissensfrage für Veganer

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Berlin -

Angesichts von Grippe- und Masernwelle in Deutschland wird aktuell darüber diskutiert, wie eine bessere Durchimpfung der Bevölkerung erreicht werden kann. Zwischen Vertretern einer Impfpflicht und radikalen Impfgegnern stehen viele Menschen, die sich noch keine abschließende Meinung gebildet haben. Dazu dürften auch viele Vegetarier und Veganer zählen, für die die Impfung zur Gewissensfrage werden kann.

Der Vegetarierbund (VeBu), die größte Interessenvertretung vegetarisch und vegan lebender Menschen in Deutschland, hat die Frage Ende Februar in einem Artikel diskutiert. Das Problem: Es gibt keine Impfstoffe für die vegetarische oder vegane Lebensweise.

Das bestätigen auch die Hersteller: „Spezielle Impfstoffe für Veganer oder Vegetarier gibt es derzeit nicht“, so Sanofi Pasteur MSD. Aufgrund des Herstellungsprozesses, der unter anderem die Anzucht der Saatviren in Zellkulturen oder zum Beispiel bei Grippeimpfstoffen in Hühnereiern umfasse, sei eine Herstellung von veganen oder vegetarischen Impfstoffen praktisch ausgeschlossen – zumindest nach derzeitigem Stand der Wissenschaft.

GlaxoSmithKline (GSK) erklärt: „Entweder werden schon im Produktionsprozess Produkte tierischer Herkunft eingesetzt, oder später als Zusatzstoffe, zum Beispiel Laktose als Stabilisator, hinzugefügt.“ Alle Lebendimpfstoffe würden ohnehin in tierischen Zellen produziert und es sei spontan kein GSK-Totimpfstoff bekannt, der nicht irgendwie mit tierischem Material in Berührung komme.

Die einzigen Vakzine, die im lebenden Organismus hergestellt werden und diesen zerstören, sind Grippeimpfstoffe. Die Viren werden in befruchteten Hühnereiern vermehrt. Die Eier werden zunächst elf Tage bebrütet, dann werden die Grippeviren eingespritzt. Anschließend werden die Eier zwei weitere Tage bei 36 Grad gelagert. Die Viren werden dann gesammelt und in mehreren Schritten aufbereitet.

Für die meisten Impfstoffe werden Zellkulturen verwendet. Die notwendigen Zellkulturen werden über Jahre weiter passagiert. Zum Beispiel die HeLa-Zellen, die 1951 aus dem Zervixkarzinom der US-Amerikanerin Henrietta Lacks entnommen worden: Aus den Zellen wurde eine permanente Zelllinie etabliert, die unter anderem bei der Entwicklung des ersten Impfstoffs gegen Polio verwendet wurde.

Eine Zellkultur aus Hundenieren, die sogenannten MDCK-Zellen, wird für die Herstellung des Grippeimpfstoffs Optaflu verwendet. Die Zelllinie stammt aus dem Jahr 1958. Die Herstellung von MMR-, Tollwut- und FSME-Impfstoffen findet auf Zellkulturen aus Hühnerfibroblasten statt.

Für Vegetarier und Veganer ist das problematisch: „Da es zu den Herstellungsverfahren bislang keine Alternativen gibt, kann kein Impfstoff die Kriterien für die Bezeichnung vegetarisch oder gar vegan erfüllen“, schreibt der VeBu. Denn tierfreie Impfstoffe seien noch Zukunftsmusik.

Allerdings gibt es bereits ein Vakzin auf Pflanzenbasis: 2006 hat die FDA einen Impfstoff gegen die Newcastle-Seuche bei Hühnern zugelassen, der in Tabakpflanzen hergestellt wird. Der Impfstoff des Herstellers Dow Agrosciences enthält ein Protein, das in pflanzlichen Zellkulturen wächst und vermehrt wird – ähnlich wie in klassischen Zellkulturen.

Auf diese Weise wird auch der Wirkstoff Taliglucerase aus Möhren gewonnen, der in dem Präparat Elelyso des israelischen Herstellers Protalix zur Behandlung von Morbus Gaucher eingesetzt wird. Das 2012 von der FDA zugelassene Medikament ist das erste für Menschen zugelassene Arzneimittel, das in gentechnisch veränderten Pflanzen produziert wird. Weitere Einsatzmöglichkeiten für das sogenannte „Molecular Farming“ werden derzeit untersucht, sowohl für Arzneimittel als auch Impfstoffe. Meist werden Tabak, Mais oder Kartoffeln verwendet.

Ein US-amerikanisches Team des Fraunhofer-Instituts hat 2013 eine erste komplett automatisierte Pflanzenfabrik mit einer Zulassung nach GMP-Kriterien entwickelt. Am Anfang stand der Auftrag der US-Regierung, nach Alternativen für die Impfstoffproduktion zu suchen. Ein Engpass während der Schweinegrippe 2009 hatte gezeigt: Die Produktion in Hühnereiern dauert bei einem weltweiten Notfall zu lange. Die Wissenschaftler verwenden Tabakpflanzen, in denen sich Virenvektoren besonders gut vervielfältigen können. In der Anlage können bis zu 300 Kilogramm Biomasse im Monat hergestellt werden – das entspricht 2,5 Millionen Impfstoffdosen.

Die Pflanzen wachsen vier Wochen lang heran – nicht in Erde, sondern in Hydrokulturen aus Mineralwolle. Dann wird der Virenvektor mittels Vakuuminfiltration eingebracht. Dafür werden die Pflanzen kopfüber in Wasser getaucht, das den biologischen Überträger mit den genetischen Informationen enthält. Anschließend kommen sie zurück ins Wachstumsregal und eine Woche später haben sie die Proteine produziert. Die Blätter werden in kleine Stücke geschnitten und homogenisiert. Aus diesem Gemisch werden die Proteine extrahiert.

Dieses Verfahren wird etwa bei dem Ebola-Medikament Zmapp angewendet, das von den kalifornischen Unternehmen Mapp Biopharmaceutical und LeafBio und dem kanadischen Hersteller Defyrus mit Unterstützung der US-Regierung und der kanadischen Gesundheitsbehörde entwickelt wurde. Das Mittel besteht aus drei Antikörpern, die an Ebola-Proteine binden und es dem Immunsystem so ermöglichen, infizierte Zellen zu eliminieren. Die Antikörper werden in Tabakpflanzen produziert. Das Präparat wird derzeit in Liberia getestet.

Einige Wissenschaftler gehen aber noch weiter: Sie forschen an Impfstoff-Pflanzen, die gegessen werden können und auf diese Weise immunisieren. Das ist besonders in der Veterinärmedizin interessant. An der Technischen Universität Darmstadt beispielsweise forscht Professor Dr. Heribert Warzecha an einem essbaren Impfstoff gegen Malaria, mit dem Moskitos immunisiert werden könnten, und einem Vakzin gegen Borreliose, das an wild lebende Mäuse verfüttert werden könnte.

Trotz aller Ansätze: „Derzeit ist kein in Pflanzen produzierter Impfstoff zugelassen“, so das Fazit bei GSK. Doch selbst wenn es einen vegetarischen oder veganen Impfstoff gäbe, „erfordert die Gesetzgebung die Durchführung von Tierstudien während der Entwicklung von Impfstoffen“. Geregelt ist das in der EU-Richtlinie über Versuche mit Arzneispezialitäten aus dem Jahr 1975, in der es heißt, Unschädlichkeit und lokale Verträglichkeit seien am Tier nachzuweisen.

Damit ist auch für den VeBu klar, dass die Entwicklung von Impfstoffen „nicht tierleidfrei abläuft“. Trotzdem spricht sich der Verband nicht gegen eine Impfung aus, denn die Entscheidung sollte im Einzelfall gut abgewogen werden – denn auch die Folgen einer Nicht-Impfung müssten bedacht werden. Im Falle einer Infektion erfolge die Therapie mit Medikamenten, die aufgrund ihrer Inhaltsstoffe und der Tierversuche nicht vegetarisch-vegan seien. Außerdem könnten andere Personen angesteckt werden, die aufgrund ihres Alters oder bestehender Vorerkrankungen nicht geimpft werden könnten. Dann „summiert sich das verursachte (Tier-)Leid“, so der VeBu.

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