Apotheker-Blog

Heilpflanzenwissen stärkt Eigenständigkeit

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Berlin -

Seit Jahrtausenden haben sich Menschen auf Heilpflanzen verlassen, um sich vor körperlichem Leid und Krankheit zu schützen. Dieses wertvolle Wissen ging jedoch vor allem seit der Industrialisierung zunehmend verloren. Der österreichische Apotheker Arnold Achmüller will es wieder zum Leben erwecken und für die Gegenwart adaptieren. An seine Kollegen appelliert er, ihre Position als kompetenteste Anlaufstelle zum Thema Pflanzenkunde nicht an andere Berufsgruppen abzugeben.

Bis vor 50 Jahren wurden allein im Alpenraum noch mehr als 400 verschiedene Heilpflanzen verwendet, führt der Apotheker vor Augen. Jedes größere Tal hätte seine individuellen, bevorzugten und als besonders heilsam geltenden Pflanzen. Mittlerweile würde in ganz Europa lediglich ein kleiner Teil dieser Heilpflanzen Anwendung finden, bedauert Achmüller, der in der Apotheke am Reumannplatz in Wien arbeitet.

Dieses verlorene Wissen schaffe Abhängigkeiten. Wissen um Nutzen und Risiko sowie die richtige Anwendung von schnell verfügbaren Hausmitteln und Heilpflanzen aus der näheren Umgebung ermögliche dagegen Eigenständigkeit. „Weiß man sich bei kleineren gesundheitlichen Problemen nicht selber zu helfen, wird man zum Konsumenten, der blind der gerade vorherrschenden Lehrmeinung und den Vorgaben aus der Werbeindustrie folgt“, betont der Apotheker mit Leidenschaft für Volksmedizin.

Daher habe er sich zum Ziel gesetzt, mit seinen Büchern und nicht zuletzt mit seinem Blog „Kraut und Wurzel“ eine Hilfestellung für Kräuterkundige und Kräuterinteressierte zu geben. Mit dem Blog will der Apotheker eine Plattform für wissenschaftlich fundierte Kenntnisse schaffen, in denen das traditionelle Kräuterwissen Europas thematisiert und unserer Zeit angepasst werden soll. Fragestellungen und Antworten zum Thema Heilpflanzen, Wildkräuter, Volksmedizin und vergessenes Heilwissen sollen einem breiteren Publikum zugänglich gemacht und so neu belebt werden.

Sein Interesse für Heilpflanzen sei bereits während des Pharmaziestudiums geweckt worden, erzählt Achmüller. „Meine Oma war Bergbäuerin und hatte viel mit Pflanzen zu tun“, so der Apotheker. Gewisse Pflanzen, die sie verwendete, kamen im Studium vor, andere wiederum nicht. Das hat Achmüller zum Anlass genommen, immer weiter nachzuforschen. Sogar seine Diplomarbeit widmete der damalige Student dem Thema Volksmedizin und Heilpflanzen. „So bin ich immer mehr in die Materie eingedrungen und komme bis heute nicht davon los“, lacht der Pharmazeut.

Natürlich habe es früher auch viele Anwendungen gegeben, die aus heutiger Sicht nicht mehr angewendet werden und sogar schädlich seien, räumt der Apotheker ein. So sei Arnika früher zum Desinfizieren gebraucht worden. „Das ist aus heutiger Sicht natürlich nicht sinnvoll, weil es schlicht viel bessere Alternativen gibt“, betont Achmüller.

Auch die Infektabwehr mit aromatischen Pflanzen wie beispielsweise Baldrianwurzel komme aus dem Mittelalter und sei nach heutigem Kenntnisstand nicht empfehlenswert. Einige Anwendungen aus der Signaturenlehre, wo beispielsweise empfohlen werde, Mehl auf eine Wunde zu streuen, seien sogar kontraproduktiv. Auch müsse man berücksichtigen, dass viele frühere Empfehlungen auf dem Aberglauben beruhten. Dagegen wirke Arnika etwa bei Entzündungen sehr gut. Auch Meerrettich helfe bei Harnwegsinfekten oder der Bronchitis. Ein Hustensirup aus Spitzwegerich wirke etwa leicht antibakteriell.

„Wenn die Menschen schon etwas selbst machen, dann sollen sie eine ordentliche Anleitung dazu haben“, betont der Apotheker. Denn noch sei das Wissen über Heilpflanzen häufig unsortiert, heterogen und teilweise auch widersprüchlich. Bei seinen Veröffentlichung achtet Achmüller nach eigenen Angaben penibel darauf, dass die Pflanzen, die er für die Rezepte verwendet, absolut unproblematisch sind und beispielsweise nicht überdosiert werden können. Großen Wert legt der Pharmazeut zudem auf die Hinweise, wann mit der Selbstmedikation Schluss ist und man zum Arzt gehen sollte.

„Pflanzenheilkunde wurde früher sehr stark belächelt und nicht ernst genommen“, sagt Achmüller. Das habe sich in den vergangenen Jahren immer mehr geändert. Das Interesse an Heilpflanzen sei stark gewachsen und steige immer weiter. Auch wenn in seinen Vorträgen noch überwiegend Menschen über 40 sitzen würden, sehe er immer häufiger jüngere Gesichter.

An seine Kollegen appelliert er, die Deutungshoheit über die Pflanzenheilkunde nicht aus der Hand geben und anderen Berufsgruppen zu überlassen. „Wir sind die Einzigen, die eine wissenschaftliche Ausbildung absolviert haben und damit fundiertes Wissen über diese Bereiche haben“, gibt er zu bedenken. Deshalb seien Apotheker die kompetenteste Anlaufstelle für Informationen über Heilpflanzen und sollten auch weiterhin als solche wahrgenommen werden.

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