Erst geschützt, später anfälliger

Drohen nach Corona mehr andere Infektionen? dpa/APOTHEKE ADHOC, 22.11.2020 08:26 Uhr

Berlin - Hygiene- und Abstandsregeln senken nicht nur die Verbreitung von Covid-19, sondern auch die von anderen Infektionskrankheiten wie etwa Grippe. Nach einer Simulationsstudie mahnen US-Forscher, der zeitweilig verringerte Kontakt zu anderen Erregern könnte dazu führen, dass Menschen für solche Infektionen später anfälliger seien. Unabhängige deutsche Experten betonen, die Arbeit enthalte viele Spekulationen.

Corona-Maßnahmen wie Abstandhalten und Maskentragen schützen nachweislich vor Covid-19, schreibt das Team um die Epidemiologin Rachel Baker von der Princeton Universität (USA) in den „Proceedings“ der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS). Das gelte auch für andere Infektionskrankheiten. „Ein Rückgang der Fallzahlen mehrerer respiratorischer Krankheitserreger wurde in letzter Zeit an vielen Orten weltweit beobachtet.“

Das Team um Baker geht davon aus, dass der verminderte Kontakt zu Krankheitserregern die Anfälligkeit der Bevölkerung für verschiedene Infektionen später erhöhen können. Es simulierte mit diversen Modellen, wie sich dies auf die Verbreitung von zwei Erregern auswirken könnte: Dem Grippevirus und dem RespiratorischenSynzytial-Virus (RSV), das Atemwegserkrankungen vor allem beiKleinkindern auslöst. Seiner Schätzung zufolge sank in den USA die Zahl der RSV-Infektionen seit Start der Maßnahmen um etwa 20 Prozent.

Aussagekraft nur eingeschränkt

Auf dieser Grundlage berechnen die Autoren, dass auch kurzzeitig geltende Maßnahmen zeitlich verzögert zu einem Anstieg der RSV-Infektionen und der Grippe führen könnten. Allerdings räumen sie selbst ein, dass Prognosen zu Grippewellen etwa aufgrund der Vielfalt dieser Viren problematisch seien. Dies sei tatsächlich ein Schwachpunkt der Studie, sagt auch die Virologin Gülsah Gabriel vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg. „Influenza-A-Viren sind wandelbar und anpassungsfähig.“

Auch der Infektiologe Bernd Salzberger vom Universitätsklinikum Regensburg wendet ein, derartige Dynamiken ließen sich in mathematischen Modellen kaum erfassen. Die Aussagen der Studie seien spekulativ. „Würden wir jetzt über drei Jahre alle Viren von uns fernhalten, dann wäre das sicher problematisch für unser Immunsystem“, betont Salzberger. Allerdings würden die meisten
Menschen nicht ständig etwa eine Maske tragen. Die Virologin Gabriel warnt insbesondere davor, die Modulation als Argument gegen die Corona-Maßnahmen fehlzuinterpretieren – etwa gegen das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes.

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