Schmerztherapie

Schmerzpatienten: Sechs Jahre bis zum Therapeuten

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Homburg -

Die Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen weist nach Ansicht von Experten nach wie vor Lücken auf. „Leider müssen Schmerzpatienten durchschnittlich eine Odyssee von mehr als sechs Jahren hinter sich bringen, bis sie endlich einem Schmerztherapeuten vorgestellt werden“, sagte der Chefarzt am Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Uniklinikum des Saarlandes in Homburg, Professor Dr. Sven Gottschling.

Einer der Gründe sei, dass es viel zu wenige Schmerztherapeuten gebe. Das liege wiederum daran, dass diese pro Quartal nur 300 Patienten behandeln dürften. „Wenn man sich entscheidet, niedergelassener Schmerzarzt zu werden, bedeutet das schon fast einen wirtschaftlichen Totalschaden“, betonte Gottschling. Kein Wunder, dass es nur etwa 1000 Ärzte in Deutschland gebe, die als niedergelassene Schmerztherapeuten tätig seien. „Die Rahmenbedingungen sind total schlecht – für den Arzt und damit auch für den Patienten.“

Das bestätigt der Geschäftsführer der Deutschen Schmerzgesellschaft, Thomas Isenberg: „Wir brauchen eine andere Prioritätensetzung innerhalb des ärztlichen Honorierungssystems“, sagte er. „Die multimodale Schmerztherapie befindet sich am unteren Ende. Da muss im Haifischbecken Gesundheitswesen innerhalb der Ärzteschaft zum Wohle der Patienten umverteilt werden.“ Zudem fordert die Gesellschaft, dass für Krankenhäuser – ähnlich wie im Bereich Hygiene – gesetzlich ein Schmerzindikator eingeführt werde, um die Qualität der Akutschmerzbehandlung zu verbessern und die Kliniken vergleichbar zu machen.

Chefarzt Gottschling sagte, auf einen Termin beim Schmerztherapeuten müssten Betroffene sechs bis neun Monate warten. „Dann ist die Chronifizierung so weit vorangeschritten, dass Sie den Problemen hinterherrennen.“

Die Folge: Die Patienten lassen sich Tabletten verschreiben – darunter laut Gottschling oft „Hochrisiko-Medikamente, die den Patienten ernsthaft gefährden“. Oder sie griffen zu Schmerzmitteln, die sie sich aus der Apotheke rezeptfrei besorgen können. Das hält Gottschling für eine „völlige Katastrophe“, denn diese Substanzen könnten massiv Organe schädigen. Stattdessen begrüßt er den professionellen Einsatz von Morphin-Präparaten und auch – mit Einschränkungen – von Cannabis.

Defizite bei der Schmerz-Bekämpfung sieht Gottschling nicht nur in den finanziellen und gesetzlichen Rahmenbedingungen, sondern auch bei der Ausbildung der Mediziner und bei nicht ausreichend qualifiziertem Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen.

„Kein Mensch muss sich damit abfinden, dass er Schmerzen hat“, sagte Gottschling. „Natürlich können wir es nicht jedem versprechen, aber den meisten könnten wir mit relativ einfachen Mitteln exzellent helfen.“ Das Problem sei nur: Viele Betroffene und auch Ärzte wüssten gar nicht, welche Hilfen es gibt.

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