Apotheke in Aktion

Geburtstag mit Petticoats und Zuckerstangen

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Berlin -

Zu ihrem Sechzigsten warf eine Apotheke die Zeitmaschine an und versetzte ihre Kunden in die Ära von Rock'n Roll und Wirtschaftswunder. Auf unserer Rundreise durch die Apotheken zeigen wir, wie das funktionierte.

Schmalztolle zur Kaffeetafel: Im September 1958 eröffnete die Glückauf-Apotheke in Essen-Kray ihre Pforten. Den 60. Jubeltag feierte das Team um Katrin Coßmann ganz im Stil des Gründungsjahrzehnts. Die Offizin wurde im Fifties Style dekoriert. Das Team warf sich ins dazu passende Outfit. Coßmann bediente in Bluse und Jeans, ihre Mitarbeiterinnen trugen fesche Petticoats und der damaligen Mode entsprechende Frisuren. Der einzige Mann im Team bekam eine Schmalztolle und eine Lederjacke verpasst. Als Goodies für die kleinen Kunden lockten Leckmuscheln und Zuckerstangen.

Zur Eröffnung der Geburtstagswoche stiegen eigens kreierte goldfarbene Luftballons in die Essener Lüfte. Daran befestigt war ein Los der Geburtstagstombola. „Unsere Kunden haben uns angesprochen, dass sie überall gesehen wurden, das war sehr öffentlichkeitswirksam. Allerdings kritisierte der eine oder andere ihr das biologisch nicht abbaubare Material“, räumt die Apothekerin ein. Zur Tombola stifteten die überwiegend von Frauen geführten Einzelhandelsgeschäfte 188 Gewinne mit einem Wert bis zu 50 Euro. Die Erlöse aus dem Verkauf der 800 Lose kamen der Initiative „Jessica Dorndorf hilft“ zugute. „Sie unterstützt Familien in Not. Das passt zu uns, denn die Apotheke liegt in einem sozial schwachen Ortsteil.“

Das Ende der Feierwoche zelebrierten die Mitarbeiterinnen mit einer zünftigen Kaffee- und Kuchentafel. Hier gab es noch einmal reichlich Gelegenheit, Geschichten auszutauschen. 14 der 60 Jahre hat Coßmann selbst miterlebt, davon elf als Besitzerin. „Wir haben schon viele tolle Anekdoten gehört“, freut sie sich. „Manche konnte sich sogar an den ersten Tag der Apotheke erinnern.“

Ein Herz für herrenlose Tiere: Um Hunde und Katze vornehmlich aus der Mittelmeerregion sorgt sich Joannis Ntentes von der Montclair-Apotheke im saarländischen Merzig. „Vor Jahren haben wir selbst Mischlinge aus Spanien adoptiert.“ Mit Sonderaktionen wie dem Weihnachtswichteln unterstützt der Inhaber nicht nur die Merziger Tafel oder das SOS-Kinderdorf, sondern auch Initiativen, die Hunden aus den Heimen eine neue Heimat in Deutschland geben. Vielfach werden sie so vor dem sicheren Tod bewahrt.

Nicht nur neue Adoptiveltern werden gesucht. Immer willkommen seien auch Flugpaten. „Wer zum Beispiel nach Mallorca reist, kann auf dem Rückweg bis zu vier Tiere mitnehmen“, sagt Ntentes. „Sie müssen nur einem Passagier zugeordnet werden. Den Transport zahlen die Tierschutzinitiativen.“ Logistisch etwas schwerer werde es allerdings beim schon viele Jahre unterstützten Tierheim Stray Paws of Pyrgos. „Das liegt in einer schlecht erschlossenen Gegend von Griechenland.“ Vor kurzem erst sei seine Frau wieder auf eigene Kosten in die Gegend gereist, um weitere Tiere abzuholen.

Gerade erst hat sich die Apotheke erstmals in Rumänien engagiert. Dem Heim in Miroslava stifteten sie eine Waschmaschine. „Auf manchen Decken, auf denen die Hunde liegen, finde sich Haare und Rückstände von Exkrementen“, so Ntentes. „Dabei muss gerade in solchen Einrichtungen sehr auf Hygiene geachtet werden, damit sich keine Krankheiten verbreiten.“ Der Pharmazeut freut sich, wie viel Anklang Postings über solche und ähnliche Aktionen auf Facebook finden. „Sogar die Lokalpresse ist darauf aufmerksam geworden.“ Der Zuspruch ermuntert ihn zum Weitermachen.

Schaufenster wirbt für Hilfe zur Selbsthilfe: Eine ungewohnte Dekoration ziert derzeit die Auslage der Apotheke am Grauturm im unterfränkischen Ebern. Für die nächsten sechs Wochen informieren Betroffene über Multiple Sklerose (MS). Gunter Zimmerhackl hat selbst Patienten in seinem Kundenkreis. „Wir wollen dazu ermuntern, sich lieber in Selbsthilfegruppen als nur im Internet zu informieren“, sagt der Inhaber. „Hilfe zur Selbsthilfe ist für Betroffene das beste, was es gibt.“

„Die Diagnose lähmt Betroffene oft in mehrfacher Weise: körperlich, seelisch und sozial“, sagt Rosemarie Pischel, die Leiterin von „Multiple Sklerose in den Haßbergen“. Die Gruppe wolle anderen Erkrankten dabei helfen, sich „mit Verständnis, Informationen und Erfahrungsaustausch, Fröhlichkeit und Lebenslust“ aus der Isolation zu befreien. Um immer auf dem neuesten Stand zu bleiben, organisiert die Initiative Vorträge von Ärzten oder Physiotherapeuten. Um den ersten Schritt zu den Treffen zu erleichtern, liegen in der Offizin Broschüren und Infoflyer aus.

Zimmerhackls Auslage ist Teil der Aktion „Selbsthilfegruppen gestalten Apothekenschaufenster“ der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe am Landratsamt Haßberge. Zuvor weckte er bereits ein Bewusstsein für Rheuma und chronische Schmerzen. „Die Aktion wandert durch die gesamte Region, auch meine Kollegen beteiligen sich“, berichtet der Pharmazeut. So haben sich die Einhorn-Apotheke und die Hasenapotheke in Haßfurt, die Haßgau-Apotheke in Hofheim, die Marienapotheke in Eltmann, die Christophorus-Apotheke in Sand und die Stadt-Apotheke in Königsberg beteiligt.

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