Arzneimittel und Russland-Krise

Pharmabosse vs. Putin: Versorgung vor Überzeugung

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Berlin -

Seit dem Angriff auf die Ukraine haben zahlreiche westliche Konzerne in Russland vorerst den Stecker gezogen. Die Pharmaindustrie tut sich schwer, klare Worte in Richtung Wladimir Putin zu senden. Das hat einerseits wirtschaftliche Gründe, andererseits aber auch mit der Verantwortung gegenüber den Patientinnen und Patienten im Land zu tun – auf die der Kremlherrscher keine Rücksicht nimmt. Der Fall zeigt, dass Putins Macht nichts mit Stärke zu tun hat, sondern alleine mit Skrupellosigkeit.

So wie Deutschland auf russisches Gas und Öl angewiesen ist, braucht Russland westliche Arzneimittel. Jede dritte Packung kommt laut dem russischen Marktforschungsunternehmen DSM Group aus dem Ausland. Nach Umsatz liegt der Anteil importierter Medikamente sogar bei 56 Prozent.

In absoluten Zahlen: Rund 1,9 Milliarden Packungen im Gesamtwert von 12,5 Milliarden Euro wurden 2020 aus dem Ausland nach Russland importiert. Und auch bei jenen Präparaten, die durch einheimische Firmen produziert werden, müssen in drei von vier Fällen Wirkstoffe oder andere Vorstufen jenseits der Grenze eingekauft werden.

Rund die Hälfte der 1100 in Russland aktiven Pharmafirmen stammt laut DSM Group aus dem Ausland, sie stellen jedoch 58 Prozent aller Marken aus dem Apothekensortiment. So sind unter den Top-20-Herstellern nach Umsatz nur fünf russische Anbieter: OTCpharm (Rang 3), Pharmstandard (14), Valenta Pharm (16), Ozon (19) und Vertex (20). Den Rest stellen westliche Konzerne: Bayer, Novartis, Sanofi, Stada, Teva, Servier, Krka, Menarini, GSK, Abbott, Gedeon Richter, Johnson & Johnson (J&J) und Pfizer. Außerdem sind Polpharma und der indische Hersteller Dr. Reddy‘s im Umsatzranking von DSM vertreten.

Kollaps ohne Importe

Nach Packung sieht der Markt zwar heterogener aus, doch auch sind zahlreiche internationale Hersteller führend. Nicht alle Präparate sind lebenswichtig, doch in der Breite würde bei einem Importstopp dem russischen Arzneimittelmarkt in kurzer Zeit der Kollaps drohen. Denn auch im Bereich der staatlichen Erstattungsprogramme sind importierte Präparate nicht zu ersetzen.

Entsprechend groß ist die Sorge, wie es mit der Versorgung weitergeht. Längst gab es Hamsterkäufe, in vielen Apotheken herrscht mittlerweile Leerstand, was westliche Waren angeht. Doch während andere Konzerne wie Apple, BMW, Ikea, Siemens oder Visa öffentlich im Konflikt positionieren und vom russischen Markt vorerst zurückziehen, schlagen die Pharmafirmen vorsichtige Töne an. Ein Boykott, wie in anderen Branchen gefordert, kommt für sie nicht in Frage.

Bayer hofft auf Swift-Ausnahme

Bayer-CEO Werner Baumann sprach als einer der wenigen Pharmamanager von einem „Angriffskrieg auf ein souveränes Land mitten in Europa“. „Das ist ein schwerer Schlag für die universellen Werte der Freiheit und der Demokratie“, sagte so der Konzernchef bei der Vorstellung der Bilanz für 2021. Ein Rückzug vom Markt kommt für ihn trotzdem nicht in Frage. Für Bayer geht es um 2 Prozent des Umsatzes, für die Menschen vor Ort aber um viel mehr: Viele Patienten seien auf diese Produkte angewiesen, so Baumann. Daher hoffe man darauf, als Pharmahersteller seine Geschäfte weiter über das Zahlungssystem Swift abwickeln zu können. Erst im vergangenen Mai hatte Bayer mit Relifpin ein in Russland entwickeltes Medikament gegen Hämorrhoiden der Firma NovaMedica lizenziert.

Noch schwieriger ist die Situation bei Stada. Der Konzern ist nach Packungen die Nummer 2 auf dem russischen Markt – und damit wichtig für die Belieferung mit Medikamenten in der Breite. Man setze die Versorgung der Patienten an die erste Stelle, unabhängig von der Nationalität oder der politischen Überzeugung, sagte CEO Peter Goldschmidt gegenüber dem Handelsblatt. Oberste Aufgabe sei es, die Arzneimittel zu den Menschen zu bringen. „Um dieses Ziel zu erreichen, müssen persönliche Gefühle und politische Überzeugungen im Job zurückstehen.“

Angst vor Verstaatlichung

Offene Kritik am Angriff Russlands auf das Nachbarland oder auch nur das Wort Krieg vermeidet Goldschmidt. Kein Wunder: Rund 14 Prozent des gesamten Konzernumsatzes von drei Milliarden Euro entfallen auf Russland – das Land ist einer der wichtigsten Märkte für den Konzern. Erst vor zwei Jahren hatte Stada ein großes OTC-Portfolio von Takeda übernommen. Dazu kommt, dass Stada anders als andere westliche Hersteller zwei große Fabriken vor Ort betreibt – die nach der Logik der russischen Machthaber jederzeit verstaatlicht werden könnten, zumal in den Verträgen verschiedener Firmen solche Klauseln sogar explizit enthalten sind.

Laut Bild-Zeitung haben Kreml und Duma gerade ein neues „Maßnahmenpaket zur Unterstützung der Wirtschaft“ verabschiedet, der die Verstaatlichung von Werken und Vermögen von Firmen ermöglicht, „die zu mehr als 25 Prozent im Besitz von Ausländern aus unfreundlichen Staaten sind“. Um einen Konkurs zu verhindern und Arbeitsplätze zu retten, so die offizielle Begründung, könnten Gerichte bei solchen Unternehmen, die das Land verlassen oder den Betrieb ohne Zwang eingestellt haben, eine externe Verwaltung einsetzen. Nach drei Monaten können die Anteile versteigert werden, etwa an Oligarchen, die Putin die Treue halten.

Mitarbeiter auf der Flucht

In der Ukraine hatte Stada erst vor knapp drei Jahren den Hersteller Biopharma zugekauft – auch weil die Regierung in Kiew nicht von der russischen Einheit von Stada abhängig sein wollte. Immerhin mehr als 1 Prozent des Umsatzes entfallen auch auf diesen Markt. Das Werk in der Nähe des Flughafens Kiew sei zwar noch intakt, aktuell würden aber nur Wartungsarbeiten durchgeführt, so Goldschmidt. Viele der rund 440 Mitarbeiter:innen seien auf der Flucht. Der Konzern hat laut Goldschmidt seinen Angestellten die Löhne für zwei Monate vorab ausgezahlt, um sie in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen.

Erst Versorgung, dann Finanzen

Auch für Roche kommt ein Rückzug aus Russland und der Ukraine nicht infrage: „Wir versorgen Menschen, die an gravierenden Krankheiten leiden, mit Medikamenten und diagnostischen Tests“, sagte Verwaltungsratspräsident Christoph Franz am Mittwoch der „Handelszeitung“. Diese Produkte müsse man allen Patientinnen und Patienten der Welt zur Verfügung stellen. Und zwar unabhängig von der Frage der Nation oder des Niveaus der Gewalt, sagte Franz. Im Moment könne Roche aber nicht in die Ukraine liefern, sagte Franz. Man habe aber noch Lagerbestände und man bemühe sich, diese in den nächsten Tagen aufzustocken. Dabei nehme Roche in den beiden Ländern Ausfallrisiken in Kauf. Im Vordergrund stehe die Versorgung, erst in einem zweiten Schritt gehe es um das Finanzielle, sagte Franz.

Auch bei Bionorica hält man sich mit offener Kritik zurück. Das Unternehmen aus Neumarkt ist sowohl in Russland als auch in der Ukraine laut eigenen Angaben Marktführer im Bereich der Phytoarzneimittel. Alleine auf Russland entfällt ein Drittel des Umsatzes, erst 2017 hatte Bionorica in Woronesch in Zentralrussland mit dem Bau einer neuen Produktionsstätte begonnen, die am Ende rund 40 Millionen Euro kosten soll. Auch die Ukraine ist mit einem Anteil von 8 Prozent ein wichtiger Absatzmarkt für den Hersteller.

„Der gesamte Vorstand und auch unsere Belegschaft sind zutiefst erschüttert, dass dieser Krieg nicht im Vorfeld durch konstruktive, zielführende Gespräche verhindert werden konnte“, sagte ein Sprecher. In Neumarkt hofft man, in beiden Ländern aktiv bleiben zu können – schon alleine wegen der Verantwortung für Mitarbeiter, Patienten, Ärzte, Apotheker und Forscher, mit denen man teilweise seit Jahrzehnten zusammenarbeite. „Für die Bionorica hat es oberste Priorität, Patienten in beiden Ländern zu versorgen. Medikamente sind nach geltendem Völkerrecht ein hohes Gut, zu denen Patienten immer Zugang haben sollten.“

Selbst der Impfstoffhersteller Biontech erspart sich eine kritische Positionierung gegen Putin – obwohl das Unternehmen als führender Anbieter im Bereich der mRNA-Technologie wohl kaum Sanktionen zu befürchten hätte: „Wir bei Biontech verfolgen die tragische Situation in der Ukraine genau. Unsere Gedanken sind bei allen, die davon betroffen sind“, so Gründer Ugur Sahin. „Als ein Unternehmen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus 60 Nationen wissen wir, dass Vielfalt und Gemeinschaft stärker sind als das Verfolgen einseitiger Interessen. Wir schließen uns dem Ruf der Weltgemeinschaft an und fordern die Beteiligten auf, im Sinne der Menschen zu einer friedlichen Koexistenz in der Region zurückzukehren.“

Chaos wegen Rubelsturz

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich Firmen wie Bayer, Stada und Bionorica schon jetzt damit auseinandersetzen müssen, wie sie die Versorgung der russischen Patienten aufrecht halten wollen. Akut sind vor allem logistische Probleme zu meistern, auf Strecke wird der Verfall des Rubels eine Herausforderung werden. Schon 2014 hatte der Kurssturz im Zusammenhang mit der Krim-Krise die deutschen Hersteller über längere Zeit belastet. Bionorica hat bereits angekündigt, die Preise nicht 1:1 zu erhöhen, damit die Patienten sich ihre Medikamente weiterhin leisten können.

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