Corona-Krise: Glaeske zweifelt staatliche Maßnahmen an

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Berlin -

Ein interdisziplinäres Team von Gesundheitsexperten um Professor Dr. Gerd Glaeske zieht das derzeitige Krisenmanagement der Bundes- und Landesregierungen zur Eindämmung der Sars-CoV-2-Pandemie in Zweifel. Glaeske und seine Kollegen widersprechen dabei keinen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Gefahr oder prangern eine vermeintliche Corona-Panik an wie der ehemalige SPD-Gesundheitspolitiker Dr. Wolfgang Wodarg. Sie kritisieren jedoch, dass die ergriffenen Maßnahmen nicht kongruent zu den Erkenntnissen seien, die es über das Virus bisher gibt. Der derzeitige Shutdown könne schwerwiegendere Folgen haben – man müsse deshalb über eine genauer angepasste Prävention nachdenken, auch um erhebliche soziale Verwerfungen zu vermeiden.

„Zu wissen, was man nicht weiß, ist der beste Teil des Wissens“, soll Laotse einst gesagt haben. Gerade könnte es auch der wichtigste Teil sein: Selten sind Politik und Wissenschaft so eng verzahnt gewesen wie im Moment. Allerdings handelt es sich bei der aktuellen Pandemie um kein gut erforschtes Phänomen, sondern eher um das Gegenteil. Im Eiltempo hat das Land auf den Ausbruch der Sars-CoV-2-Pandemie reagiert. Eine fundierte Diskussion, mit welchen Maßnahmen genau man die Seuche bekämpfen kann, war schon aufgrund des Zeitdrucks nicht möglich. Dabei ist sie notwendig. Glaeske und seine fünf Mitstreiter – darunter BKK-Chef Franz Knieps und Professor Dr. Matthias Schrappe – haben sich nun mit einem Thesenpapier hervorgetan, in dem sie konstruktive Kritik an der bisherigen Regierungspolitik üben. Unter anderem seien Entscheidungen auf Basis von Erkenntnissen getroffen worden, deren Unvollständigkeit nicht hinterfragt wurde.

„Die zur Verfügung stehenden epidemiologischen Daten (gemeldete Infektionen, Letalität) sind nicht hinreichend, die Ausbreitung und das Ausbreitungsmuster der Sars-CoV-2/Covid-19-Pandemie zu beschreiben, und können daher nur eingeschränkt zur Absicherung weitreichender Entscheidungen dienen“, so eine der zentralen Thesen des Papiers. So würden die gemeldeten Infektionszahlen nur einen geringen Aussagewert besitzen: Epidemiologisch bedeutsam sei vielmehr die hohe Rate asymptomatischer, infektiöser Virusträger, die bis zu 80 Prozent der Infizierten ausmacht. Außerdem gehe bei den 20 Prozent der Infizierten, die Symptome entwickeln, diesen Symptomen eine noch asymptomatische Phase von einem bis zwei Tagen voraus, in der sie ebenfalls bereits infektiös sind. „In beiden Fällen ist die Diagnose der Infektion nur durch Laboruntersuchungen möglich, allerdings werden diese Untersuchungen (Virusnachweis) bei begrenzten Testressourcen nur dann initiiert, wenn anamnestische Angaben einen Hinweis auf ein erhöhtes Risiko ergeben (z.B. Aufenthalt in Risikogebieten, Kontakt zu Infizierten).“ Als Resultat werde die Zahl der gemeldeten Infizierten in hohem Maße durch die Testverfügbarkeit und die Anwendungshäufigkeit definiert. „Ungefähr zwei Drittel der Infizierten werden zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht erfasst“, schätzen die Autoren.

Das hat weitreichende Konsequenzen. Die Zahlen ließen nämlich deshalb keine Aussagen zur Prävalenz, zur Periodenprävalenz oder gar zur Inzidenz über einen bestimmten Zeitraum zu, da die Gesamtzahl der durchgeführten Tests nur unvollständig bekannt sei und keine systematische Testung bezogen auf eine definierte Population erfolge. Die Autoren fordern deshalb, dass die Bundesregierung populationsbezogene Stichproben in Angriff nehmen soll – eine Nationale Covid-19-Kohorte. „Um die wichtigen Fragen zur Prävalenz und Inzidenz zu klären, bedarf es der Untersuchung einer repräsentativen Stichprobe analog zur Nationalen Kohorte bei der HIV-Infektion in den 80er-Jahren.“

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