Tote Stammkunden, fehlende Testmöglichkeiten

Arbeiten im Corona-Hotspot: „Es ist zum Fürchten“

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Berlin -

Es ist paradox: Obwohl beinahe jeder Einwohner Deutschlands aufgrund der massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens von der Coronakrise betroffen ist, hat die Pandemie für viele Menschen etwas nicht Greifbares. Denn auch wenn die Ängste der Kunden jederzeit in der Offizin zu spüren sind, haben viele Glück – weder sie selbst noch Familienmitglieder oder Freunde sind infiziert. Todesfälle sind nur eine Statistik. Es gibt aber auch Regionen, wo das ganz anders aussieht. In Heinsberg beispielsweise oder im Landkreis Rottal-Inn. Dort betreibt Norbert Veicht die Antonius-Apotheke und berichtet von dramatischen Zuständen. Den offiziellen Statistiken zu den Infektionszahlen schenkt er keinen Glauben mehr, der Blick in seine Umgebung sagt ihm anderes. Drei seiner Stammkunden sind bereits an Covid-19 verstorben, viele Kunden zeigen bereits Symptome – kriegen aber keine Tests. Und die lokalen Behörden verschlimmern die Situation sogar noch, klagt er.

Das bayerische Massing ist eine beschauliche 4300-Seelen-Gemeinde. Doch sie hat wohl selten eine so schwere Zeit durchgemacht: „Das hier ist ein Corona-Hotspot“, sagt Veicht. Bayern ist mittlerweile das Bundesland mit den meisten Sars-CoV-2-Infizierten und Rottal-Inn ist einer der am stärksten betroffen Landkreise im Freistaat. „Und wir sind wiederum in einer Ecke des Landkreises, die nochmal besonders betroffen ist.“ Grund ist wohl ein besonders kritisches Infektionscluster: Offenbar haben sich mehrere Leute aus Massing beim Skifahren in Tirol oder in Italien angesteckt und das Virus mit zurück in den Ort gebracht, erklärt der Inhaber. Stammtische haben bei der Weiterverbreitung dann noch kräftig geholfen. „In ein paar Dörfern ringsum ist die Hölle los, da ist die halbe Siedlung erkrankt“, sagt Veicht. „Es ist zum Fürchten.“

Wie viele Infizierte es wirklich sind, wisse er nicht. „Konkrete Zahlen aus dem Ort erfährt man nicht, nur vom Landkreis. Alles andere hört man nur durch Gerüchte.“ Angaben des Landratsamts zufolge gab es im Landkreis Rottal-Inn bis Anfang dieser Woche 516 Infizierte. Veicht verlässt sich darauf aber nicht. „Ich habe starke Zweifel, dass es wirklich so aussieht, wie die Zahlen es darstellen.“ Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen, denn seiner Darstellung nach gibt es massive Mängel bei den Tests und große Schwierigkeiten bei der medizinischen und pharmazeutischen Versorgung der Bevölkerung – und zwar nicht zuletzt aufgrund der restriktiven Haltung des örtlichen Gesundheitsamts.

„Es ist sehr schwer, einen Test zu bekommen, vor allem weil das Gesundheitsamt Ärzte sehr schnell aus dem Spiel nimmt. Die werden nach dem ersten Kontakt mit einem Infizierten für 14 Tage isoliert“, erklärt er. Dadurch seien in kürzester Zeit zwei der drei Ärzte in seinem Umfeld ausgefallen – und der dritte ist selbst Risikopatient. Auch eine Apotheke in seiner Nachbarschaft sei bereits gesperrt worden, weil der Vater des Inhabers – der gelegentlich in der Apotheke mit ausgeholfen hatte – positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurde. Hier ist das Gesundheitsamt ebenfalls strikt: Bei einer Infektion geht sofort das ganze Team in Quarantäne. „Der Inhaber versucht nun verzweifelt, wenigstens für sich und eine PTA eine Freigabe zu bekommen“, erzählt Veicht. „Der hat noch BtM und dergleichen zu beliefern und kommt nicht hinterher.“

Dass das Gesundheitsamt durch strikte Maßnahmen die weitere Ausbreitung des Virus verlangsamen will, könne er verstehen. Doch gerade in der Gesundheitsversorgung müssten pragmatischere Lösungen gefunden werden. „Bei uns arbeitet das Gesundheitsamt nach dem Motto: ‚So streng wie irgend möglich‘. Es ist schrecklich, die nehmen hier das ganze Gesundheitswesen auseinander wegen einzelner Fälle.“ Was das bedeutet, sieht Veicht jeden Tag in der eigenen Apotheke. „Ich habe regelmäßig Gespräche mit Kunden, die komplett verzweifelt sind und nicht wissen, was sie tun sollen. Die haben starke Anzeichen für eine Infektion, aber können keine Praxis oder Klinik erreichen, die sie testet.“ Auch die 116117 sei in letzter Zeit nicht mehr zu erreichen. „Die Nummer ist vollkommen unbrauchbar!“, sagt Veicht.

Und selbst wenn sie jemanden erreichen, werden sie allzu oft abgewiesen. „So lange es nicht eindeutig die Symptome Husten und Fieber sind oder es einen Erstkontakt mit einem nachgewiesenen Infizierten gab, wird hier niemand getestet.“ Dabei kenne er selbst Leute, die nur unter Abgeschlagenheit litten und dann später positiv getestet wurden. „Die beiden Kardinalsymptome Husten und Fieber sind eben nicht immer da! Ich kenne einen jungen Mann, der sonst vor Kraft strotzt und sagt, er habe seit drei Wochen Husten und ist kraftlos. Der wird nicht getestet!“ Ein anderer Patient sei sogar aus dem Krankenhaus entlassen und dann später erst positiv getestet worden. „Der war sehr umtriebig und hat garantiert andere angesteckt.“

Und der Wahnsinn geht noch weiter: Denn selbst wenn Patienten denken, dass sie Fieber haben, müssen sie das erst einmal belegen. „Fieberthermometer sind auch kaum noch verfügbar. Die Praxen erwarten bei einer Testanfrage schon am Telefon, dass die Patienten sagen, wie viel Grad Fieber sie haben. Aber wie sollen sie das sagen, wenn sie kein Thermometer bekommen? Die Katze beißt sich immer wieder in den Schwanz.“ Er sei sich sicher, dass es viele Regionen gibt mit weniger Fällen, in denen mehr getestet wird als hier.

Für Veicht als Apotheker im Ort ist die Situation deshalb mehr als bedrückend. Kunden stehen verzweifelt in der Offizin und suchen Hilfe – aber er kann nicht viel machen. „Ich kann nur versuchen, den Leuten Mut zu machen. Ich sage, sie sollen nochmal auf den Arzt zugehen und ihm von mir ausrichten, dass sie unbedingt getestet werden sollten. Aber es ist unglaublich schwer, jemanden zu erreichen. Die Praxen arbeiten auch oft nur im Minimalbetrieb, die Wartezimmer sind geschlossen.“ Manchmal könne er noch versuchen, wenigstens bei der Linderung der Symptome hilfreich zu sein. Bei starker Abgeschlagenheit empfehle er einen Vitamin-D-Komplex, manchmal könne man auch versuchen, mit Vitamin C und hochdosiertem Zink zu helfen. „Aber das ist natürlich sehr dünnes Eis“, ist er sich bewusst.

Die Folgen sind jetzt schon überall sichtbar. Drei seiner Stammkunden sind bereits verstorben. „Die waren alle drei über 70, aber es ist nicht so, dass sie ernsthafte Vorerkrankungen gehabt hätten.“ Die Menschen sollen sich bewusst sein, dass es nicht nur die Allerschwächsten trifft, mahnt Veicht. Er kenne einen Schulkameraden, der gerade wegen einer Infektion in kritischem Zustand ist – mit 52 Jahren. „Man bleibt immer so in der Statistik hängen und denkt, die meisten Todesfälle sind über 70 – aber es trifft auch Menschen, die weitaus jünger sind.“

Spätestens mit den Todesfällen wurde die Situation auch für ihn kaum noch erträglich. „Das verschärft das ganze Beklemmungsgefühl gewaltig, wenn es plötzlich nicht mehr nur eine Zahl ist, sondern ein Name und ein Gesicht im Spiel sind. Das führt zu einer komplett anderen Wahrnehmung. Ich kenne Verwandte von ihnen, wir haben gemeinsame Bekannte“, sagt er. „So ungefähr stelle ich mir eine Situation vor, wenn Krieg ist und dann plötzlich Leute aus dem eigenen Ort gefallen sind. Bis dahin sind es Zahlen, doch plötzlich wird es eine reale Sache.“

Für Veicht bleibt in der Situation nur, sich selbst und sein Team so gut es geht zu schützen und für die Patienten da zu sein, die in Quarantäne sind. „Wir haben hier alles mit Plexiglas zugebaut, arbeiten schon seit drei Wochen alle mit Stoffmundschutz, um sicherzustellen, dass wir uns gegenseitig nicht anstecken.“ Außerdem habe er ein Schichtsystem eingeführt. „Aber das ist irrsinnig schwer.“ Für Patienten, die in Quarantäne sind, würde er sich gern auch über Lieferungen hinaus engagieren, aber es sei schwer, ohne vorherigen Kontakt an die heranzukommen. „Das wäre sinnvoll, aber im Moment schwer umzusetzen. Es würde Sinn machen, klarer zu kommunizieren, dass wir für die Patienten da sind!“

Dabei beliefert er schon einige Patienten, die in Quarantäne sind, und muss dabei besondere Vorsicht an den Tag legen. „Wir liefern beinahe täglich an Kunden in Quarantäne“, sagt Veicht. Er kläre bereits vorab am Telefon ab, ob der Kunde positiv getestet wurde oder in Quarantäne ist und bespricht dann am Telefon den Betrag, insbesondere, ob sie das Geld passend haben. Falls nicht, packen er das passende Wechselgeld zur Auslieferung ein. „Wir legen dann Wechselgeld und Medikamente vor der Tür ab. Das Geld, was wir vom Kunden bekommen, wird dann mit Handschuhen in eine Papiertüte getan, die geht dann eine Woche in Quarantäne und wird nicht angefasst.“ Auch bei Kunden, die eindeutig nicht infiziert sind, müsse aber mindestens auf Mundschutz und Handschuhe geachtet werden.

Als seien die Infektionszahlen und die Todesfälle nicht schon genug, kommen dazu noch die Maßnahmen des Gesundheitsamtes, die den Hinterbliebenen und Bekannten, wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen, das Leben schwer machen. So darf der Beisetzungstermin nicht öffentlich bekanntgegeben werden, maximal 15 Menschen dürfen an Beerdigungen teilnehmen. „Es ist eine surreale Situation, dass die Leute sterben und Verwandte nicht mal mehr ans Sterbebett können. Leute, die stark im Ort vernetzt waren, wo sonst mehrere Hundert Menschen bei der Beerdigung wären, werden nun in Anwesenheit einer Handvoll Leute verscharrt. Und wegen der Kontaktsperren kann man selbst nicht mal richtig seine Anteilnahme ausdrücken, weil man auch die Hinterbliebenen nicht persönlich besuchen darf“, erzählt er. „Ich finde diese Unpersönlichkeit wirklich grausam. Es ist auch eine Wut, die man gegen diese Hilflosigkeit entwickelt.“

Hinweis: In einer früheren Version des Artikels war die Rede vom Landkreis Rott am Inn, statt Rottal-Inn. Wir haben den Fehler korrigiert.

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