Tote Stammkunden, fehlende Testmöglichkeiten

Arbeiten im Corona-Hotspot: „Es ist zum Fürchten“ APOTHEKE ADHOC, 07.04.2020 10:02 Uhr

Berlin - Es ist paradox: Obwohl beinahe jeder Einwohner Deutschlands aufgrund der massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens von der Coronakrise betroffen ist, hat die Pandemie für viele Menschen etwas nicht Greifbares. Denn auch wenn die Ängste der Kunden jederzeit in der Offizin zu spüren sind, haben viele Glück – weder sie selbst noch Familienmitglieder oder Freunde sind infiziert. Todesfälle sind nur eine Statistik. Es gibt aber auch Regionen, wo das ganz anders aussieht. In Heinsberg beispielsweise oder im Landkreis Rottal-Inn. Dort betreibt Norbert Veicht die Antonius-Apotheke und berichtet von dramatischen Zuständen. Den offiziellen Statistiken zu den Infektionszahlen schenkt er keinen Glauben mehr, der Blick in seine Umgebung sagt ihm anderes. Drei seiner Stammkunden sind bereits an Covid-19 verstorben, viele Kunden zeigen bereits Symptome – kriegen aber keine Tests. Und die lokalen Behörden verschlimmern die Situation sogar noch, klagt er.

Das bayerische Massing ist eine beschauliche 4300-Seelen-Gemeinde. Doch sie hat wohl selten eine so schwere Zeit durchgemacht: „Das hier ist ein Corona-Hotspot“, sagt Veicht. Bayern ist mittlerweile das Bundesland mit den meisten Sars-CoV-2-Infizierten und Rottal-Inn ist einer der am stärksten betroffen Landkreise im Freistaat. „Und wir sind wiederum in einer Ecke des Landkreises, die nochmal besonders betroffen ist.“ Grund ist wohl ein besonders kritisches Infektionscluster: Offenbar haben sich mehrere Leute aus Massing beim Skifahren in Tirol oder in Italien angesteckt und das Virus mit zurück in den Ort gebracht, erklärt der Inhaber. Stammtische haben bei der Weiterverbreitung dann noch kräftig geholfen. „In ein paar Dörfern ringsum ist die Hölle los, da ist die halbe Siedlung erkrankt“, sagt Veicht. „Es ist zum Fürchten.“

Wie viele Infizierte es wirklich sind, wisse er nicht. „Konkrete Zahlen aus dem Ort erfährt man nicht, nur vom Landkreis. Alles andere hört man nur durch Gerüchte.“ Angaben des Landratsamts zufolge gab es im Landkreis Rottal-Inn bis Anfang dieser Woche 516 Infizierte. Veicht verlässt sich darauf aber nicht. „Ich habe starke Zweifel, dass es wirklich so aussieht, wie die Zahlen es darstellen.“ Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen, denn seiner Darstellung nach gibt es massive Mängel bei den Tests und große Schwierigkeiten bei der medizinischen und pharmazeutischen Versorgung der Bevölkerung – und zwar nicht zuletzt aufgrund der restriktiven Haltung des örtlichen Gesundheitsamts.

„Es ist sehr schwer, einen Test zu bekommen, vor allem weil das Gesundheitsamt Ärzte sehr schnell aus dem Spiel nimmt. Die werden nach dem ersten Kontakt mit einem Infizierten für 14 Tage isoliert“, erklärt er. Dadurch seien in kürzester Zeit zwei der drei Ärzte in seinem Umfeld ausgefallen – und der dritte ist selbst Risikopatient. Auch eine Apotheke in seiner Nachbarschaft sei bereits gesperrt worden, weil der Vater des Inhabers – der gelegentlich in der Apotheke mit ausgeholfen hatte – positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurde. Hier ist das Gesundheitsamt ebenfalls strikt: Bei einer Infektion geht sofort das ganze Team in Quarantäne. „Der Inhaber versucht nun verzweifelt, wenigstens für sich und eine PTA eine Freigabe zu bekommen“, erzählt Veicht. „Der hat noch BtM und dergleichen zu beliefern und kommt nicht hinterher.“

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