Direktgeschäft

AstraZeneca verärgert Apotheken

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Berlin -

AstraZeneca hat das Direktgeschäft umgestellt. Der Pharmakonzern nimmt keine Aufträge mehr per Fax oder Telefon an, sondern wickelt Bestellungen künftig über den Online-Shop Pharma-Mall ab. Der Grund: „Sprunghaft angestiegene Direktbestellungen“. Bei Apothekern kommt die Neuerung nicht gut an. Angesichts der schlechten Verfügbarkeit über den Großhandel fühlen sich Pharmazeuten ins Direktgeschäft genötigt.

AstraZeneca wickelt Direktbestellungen seit Wochenanfang über Pharma-Mall ab; alternativ können die MSV2/3-Verfahren genutzt werden. Die Einschränkung sei eine Reaktion auf die spezielle Situation im Diabetesmarkt, sagt eine Sprecherin. Angesichts „der enorm angestiegenen Anzahl der Bestellungen“ sei man an die logistischen Grenzen gestoßen. Mit dem neuen Bestellverfahren sollten Patienten Medikamente auch im Direktgeschäft zügig erhalten.

Mit Pharma-Mall soll laut AstraZeneca der Kundenservice verbessert werden. Der Bestellprozess werde mit Hilfe von Merklisten, Bestellhistorien und Eingangsbestätigungen einfacher und komfortabler, heißt es. Nur noch in Ausnahmefällen würden Aufträge per Telefon oder Fax entgegengenommen.

Der Hersteller versteht den direkten Vertrieb an Apotheken laut eigenem Bekunden nur als „Notfall-Kanal“. Generell solle die Versorgung über einen „vollversorgenden Großhandel“ sichergestellt werden, so die Sprecherin. „Obwohl der Großhandel von uns mehr als ausreichend beliefert wurde, kam es in den letzten Monaten zu einem außergewöhnlich starken Anstieg der Bestellungen im 'Notfall-Kanal'.“ Derzeit ordere der Großhandel das Fünf- bis Sechsfache des Patientenbedarfs.

Antidiabetika von AstraZeneca seien durch Nutzenbewertung und Preisverhandlungen im europäischen Vergleich auf dem niedrigsten Preisniveau. „Seitdem der Erstattungspreis für die Marktteilnehmer sichtbar ist, ist die Nachfrage nach den betroffenen Produkten auf Seiten des pharmazeutischen Großhandels enorm gestiegen“, so die Sprecherin. Ob die Produkte ins Ausland verkauft würden, kommentierte sie nicht.

Apotheker Thomas Real kritisiert das neue Bestellverfahren: „Es dauert drei bis fünf Tage, bis ich das Arzneimittel erhalte“, sagt er. Aktuell benötigt der Inhaber der Raths-Apotheke in Bremen das Antidiabetikum Forxiga (Dapagliflozin). Das Produkt sei über den Großhandel aber nicht lieferbar.

Allein der Abgleich der Kundennummer durch Pharma-Mall benötige 24 Stunden Zeit, die erstmalige Registrierung einen weiteren Tag. „Eine schnelle und flächendeckende Versorgung der Patienten ist so nicht möglich.“ Was an Deckungsbeitrag angesichts der schlechteren Konditionen übrig bleibe, sei negativ.

Auch ein Apotheker aus Thüringen kritisiert den Hersteller: Der Pharmazeut hat Probleme mit den Saxagliptin-Präparaten Onglyza und Komboglyze. Die Präparate müssten seit Monaten direkt bestellt werden. Der Großhandel habe die Arzneimittel, anders als der Hersteller selbst, nie vorrätig. Der Pharmazeut ärgert sich vor allem über die schlechteren Konditionen. Den Mehraufwand beim Direktgeschäft wäre bei besseren Konditionen zu verkraften.

Unmut herrscht auch bei einem weiteren Kollegen aus dem Freistaat: Der Großhandel könne Xigduo (Dapagliflozin/Metformin) nicht liefern. Das Präparat sei aber über den Hersteller erhältlich. „Die Großhändler behaupten, dass sie keine Produkte erhalten. Der Hersteller sagt, sie würden ins Ausland verkauft“, sagt der Apotheker. Letztlich kaufe er direkt aber teurer ein: Mehr als 0,7 Prozent Skonto erhalte er nicht. „Es nervt auch, zig einzelne Bestellungen zu haben.“

Dass Apotheker Ärger mit AstraZeneca haben, ist nicht neu. Vor einigen Jahren hatte der Konzern im Zusammenhang mit seinem Antiasthmatikum Pulmicort Turbohaler (Budesonid) Kopien der Rezepte gefordert. Nach massivem Protest ruderte man in Wedel zurück: Fortan mussten Apotheker bei jeder Direktbestellung schriftlich versichern, dass ein Rezept vorliegt. Mit ihrer Unterschrift sollten die Apotheker rechtsverbindlich bestätigen, dass die Ware ausschließlich zur Abgabe auf Rezept an Patienten verwendet wird.

„Wir wissen nicht, was mit unserer Ware passiert“, begründete ein Konzernsprecher schon damals das Vorgehen. Wegen der wiederholten Lieferengpässe solle mit den Direktbelieferungen eine zeitnahe Versorgung sichergestellt werden. Die Maßnahme sei lediglich als „Notfallkanal“ für Kleinstmengen gedacht, teilt AstraZeneca damals mit.

Vor einem Jahr hatte AstraZeneca in seinen Vereinbarungen mit den Großhändlern die Regelungen zum Skonto geändert. Im Raum stand eine Kürzung von 1,5 auf 0,8 Prozent, was angesichts der Mengen Belastungen in Millionenhöhe bedeutete. Hintergrund waren Sparmaßnahmen beim Hersteller sein, der auch Arbeitsplätze zum Opfer fallen sollen.

Hersteller sind laut Arzneimittelgesetz verpflichtet, eine bedarfsgerechte und kontinuierliche Belieferung des vollversorgenden Großhandels zu gewährleisten. Welcher Umfang rechtlich gedeckt ist, wurde bislang nicht geklärt. Gerade an Hochpreisern haben die Großhändler wenig Interesse, weil sie bei günstigeren Packungen eine bessere Spanne haben. Probleme gibt es immer wieder, wenn Hersteller Ware kontingentieren. Spezialpräparate sind sowieso nur im Direktgeschäft erhältlich.

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