Lieferengpässe

Apotheker schicken 450 Defektlisten

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Berlin -

Gefühlt sind Lieferengpässe in Apotheken ein immer größeres Problem. Apotheker Dr. Hans-Rudolf Diefenbach wollte der Sache systematisch auf den Grund gehen und hat seit Ende Januar von seinen Kollegen Defektlisten gesammelt. Sein Zwischenfazit nach einer ersten Auswertung: „Die Situation ist erschreckend.“ Der stellvertretende Vorsitzende des Hessischen Apothekerverbands (HAV) will mit seinen Ergebnissen bei der Politik vorsprechen.

Vorerst sei er etwas „listengeschädigt“, sagt Diefenbach. Erfreulich viele Kollegen seien seinem Aufruf gefolgt und hatten rund 450 Defektlisten geschickt. Etwa die Hälfte der Listen stamme aus Hessen, der Rest aus der ganzen Republik. Die Engpässe hat Diefenbach zusammen mit einer Mitarbeiterin in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen. Die komplette Auswertung will er in den kommenden Wochen vorstellen.

Eine geradezu „erschreckende Tendenz“ gebe es bei Impfstoffen, so Diefenbach. Bei jeder Apotheke sei mindestens ein Impfstoff defekt gewesen. Während diese Engpässe schon öffentlich diskutiert werden, war Diefenbach von dem Ausmaß bei anderen Wirkstoffen überrascht: „Das zieht sich durch alle Indikationsgebiete, Packungsgrößen und Hersteller.“

Auf den Defektlisten finden sich typische Rabattarzneimittel wie Metoprolol, Pantoprazol, Bisoprolol oder Alendronsäure ebenso oft wie gängige Antibiotika. Häufig seien zudem mehrere Unternehmen gleichzeitig betroffen.

Die Hersteller sprechen nach 14 Tagen von einer Marktverknappung, Diefenbach kann jetzt zum Teil Dauerdefekte seit Oktober belegen. In anderen Fällen träten die Engpässe wellenartig auf, mit Phasen der Lieferfähigkeit dazwischen. Je nach Lagerhaltung seien die Apotheken dann unterschiedlich stark betroffen.

Diefenbach will die 20 wichtigsten Ausfälle auflisten, die Indikationsgebiete und die betroffenen Hersteller benennen und den Prozentsatz der betroffenen Apotheken beziffern. Die Auswertung soll auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) bekommen. Angesichts des Problems müsse man mit der Politik über Alternativen zu Rabattverträgen reden, fordert der HAV-Vize.

Diefenbach ist froh, dass sich so viele Apotheker an der Aktion beteiligt haben, die Ergebnisse seien dadurch signifikant. Jetzt müsse er aber zunächst einen Strich ziehen: Neue Listen, die Kollegen an seine Rosen-Apotheke in Offenbach faxen, werden nicht in die Auswertung aufgenommen.

Langfristig könne er die Aufgabe ohnehin nicht alleine übernehmen, dafür sei der Aufwand zu groß. Künftig soll sich der Verband um die Defektlisten kümmern, so Diefenbach. Der HAV werde zu dem Thema womöglich auch eine Pressekonferenz veranstalten.

Denn Diefenbach ist wichtig, dass die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert wird: „Wenn ein Hersteller nicht lieferfähig ist, fällt das immer auch schlecht auf die Apotheke zurück.“ Ein weiteres Problem sei, dass die Ärzte oft gar nichts von den Defekten wüssten. Häufig würden sie erst von ihren Patienten darüber informiert, das ihre Verschreibung ins Leere läuft.

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