Patientensteuerung

Primärversorgung: Kleine Rolle für Apotheken

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Berlin -

Die große Sparreform, die eilig vor der Sommerpause im Bundestag und Bundesrat beschlossen wurde, soll die jährlich steigenden Beiträge kurzfristig stabilisieren. Um die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) auch nachhaltig und dauerhaft auf ein finanziell solides Fundament zu stellen und zugleich die Versorgung der Patientinnen und Patienten zu verbessern, sollen im zweiten Schritt Strukturreformen folgen. Ein Punkt auf der Agenda der Bundesregierung ist dabei die Etablierung eines Primärversorgungssystems. Die Ärzteschaft sieht hier viele Probleme.

„Die Umsetzung eines Primärversorgungssystems ist die vielleicht umfangreichste und komplexeste Reform der ambulanten Versorgung seit Jahrzehnten“, erklärt der Hausärztinnen- und Hausärzteverband (HÄV) auf Anfrage. „Es erscheint geradezu illusorisch, dass der Kollektivvertrag dazu in der Lage sein soll, denn er müsste sich sehr grundlegend reformieren – von der Vergütungssystematik, über die Einführung eines Praxis-Patienten-Kontakts bis zum Entlassmanagement.“ Die To-do-Liste sei endlos lang, bereits in der Vergangenheit sei der Kollektivvertrag schon an deutlich kleineren Reformen kläglich gescheitert.

Dem entgegen stünden aber die Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung (HZV), an denen bundesweit elf Millionen Versicherte teilnehmen würden und die seit Jahren auf Wachstumskurs seien. „In ihnen ist quasi alles, was es für ein erfolgreiches Primärversorgungssystem braucht, bereits umgesetzt. Daher bauen wir als Hausärztinnen- und Hausärzte bei der Etablierung eines flächendeckenden Primärversorgungssystems allen voran auf die HZV. In den Kollektivvertrag setzen wir sehr wenig Hoffnungen“, erklärt der Verband.

Praxen nicht kaputtsparen

„Wer die Arztpraxis zur zentralen Steuerungsinstanz machen will, muss sie dafür auch finanziell ausstatten und darf sie nicht kaputtsparen“, betont auch der Virchowbund. Die in der Sparreform vorgenommene Rückabwicklung der teilweisen Entbudgetierung und die Verschärfung der Budgetierung wirkten dabei „leistungsfeindlich und versorgungsgefährdend“. Die Sorge: „Wir werden bald einen Exodus der Boomer aus der Versorgung erleben, mit nicht abschätzbaren Folgen für unsere Patienten.“

Gleichzeitig halte die Politik bislang ihre unbegrenzten Leistungsversprechungen gegenüber den Bürgern aufrecht, die zu einer Fortsetzung der „Vollkaskomentalität“ in der Bevölkerung führen. „Die Politik muss jetzt den Versicherten klar sagen: Das geht so nicht mehr, wir müssen verantwortungsvoll mit den begrenzten Ressourcen umgehen“, mahnt der Virchowbund.

Verbindlichkeit und Strafe

In der Debatte um ein Primärversorgungssystem kommt auch immer wieder die Frage auf, wie Verbindlichkeit bei den Patienten hergestellt werden kann. „Der Koalitionsvertrag spricht bekanntlich von einem verbindlichen Primärversorgungssystem, nicht von einem verpflichtenden“, betont der HÄV. Das bedeute, man könne sich aussuchen, ob man an einem Primärversorgungssystem teilnehme oder eben nicht – „aber wenn, dann muss man sich natürlich auch an die Spielregeln halten. Wenn nicht, muss das auch entsprechend sanktioniert werden“, betont der Verband.

Gleichzeitig brauche es klare Anreize zur Teilnahme. Versicherte, die sich gegen eine koordinierte Versorgung in einem der Primärversorgungssysteme entscheiden, müssten demnach Nachteile in Kauf nehmen, zum Beispiel einen erschwerten Zugang zur fachärztlichen Versorgung. „Das wäre nur fair, denn in einer koordinierten Versorgung wird der Bedarf viel besser und effizienter gesteuert.“

Der Virchowbund sieht in der Verbindlichkeit den entscheidenden Erfolgsfaktor: „Wer die koordinierten Pfade verlässt, sollte als Selbstzahler behandelt werden oder einen speziellen Versicherungstarif abschließen.“ Auch wenn Arzttermine vermittelt und dann nicht wahrgenommen werden, sollte eine No-Show-Gebühr von der Krankenkasse und gegebenenfalls eine Terminsperre verhängt werden. Zugleich müssten alle Patienten, die sich an die Regeln und definierten Pfade halten, dadurch einen Vorteil erfahren, wie koordinierte Versorgung, schnellere Behandlung, Unterstützung bei der Reise durch das System.

Primärarzt oder Primärversorgung?

Nina Warken (CDU) hatte in ihrer Funktion als Gesundheitsministerin stets betont, dass sie ein Primärversorgungs- und kein Primärarztsystem etablieren wolle. Die Versorgung, so die ehemalige Gesundheitsministerin, müsse auf mehrere Schultern verteilt werden.

„Die Zukunft liegt in der Teampraxis“, ist der Hausärzteverband überzeugt. „In der HZV haben wir uns schon vor Jahren auf den Weg gemacht und haben mit HÄPPI (Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell) ein konkretes Modell ins Leben gerufen, wie moderne Versorgung im Team funktionieren kann. Das wird von den Praxen hervorragend angenommen.“ Schon heute würden dabei auch nicht-ärztliche Fachkräfte, insbesondere im Rahmen der HZV, immer komplexere Aufgaben übernehmen – vom Hausbesuch über das Praxismanagement bis hin zur Infektsprechstunde. Der Kollektivvertrag hinke da hingegen hinterher.

Wichtig in diesem Zusammenhang sei unter anderem, dass der Praxis-Patienten-Kontakt etabliert werde. „Das bedeutet: Das Honorar fließt nicht erst, wenn eine Ärztin oder ein Arzt dabei ist. Die Leistungen unserer Versorgungsteams müssen endlich angemessen vergütet werden.“ Dabei seien insbesondere die Krankenkassen gefragt, Vorreiter sei hier unter anderem die AOK Baden-Württemberg.

Keine Steuerung durch Kassen

In der HZV entwickelten Hausärzte gemeinsam mit Krankenkassen gute Versorgungskonzepte, von denen Patientinnen und Patienten, Ärzteschaft und Krankenkassen gleichermaßen profitieren. „Was wir klar ablehnen, ist, wenn die Krankenkassen in das Cockpit der Gesundheitsversorgung gesetzt werden und beispielsweise mitbestimmen, welcher Patient wann welchen Arzt sehen darf. Das ist nichts, was man den Kostenträgern überlassen darf, sondern eine originär ärztliche Aufgabe. Das ist für uns eine klare, rote Linie“, betont der HÄV.

Auch der Virchowbund sieht hier eine klare Abgrenzung: Zwar müssten die Krankenkassen ihre Versicherten über den Zweck, die Vorteile und die Abläufe der Steuerung informieren und sie auch zum Beispiel beim Umgang mit digitalen Anwendungen unterstützen und gegebenenfalls auch in die Pflicht nehmen. „Wenn Krankenkassen jedoch medizinische Aufgaben wie die Art und Reihenfolge der Terminvergabe in den Arztpraxen beeinflussen wollen, ist eine Grenze überschritten.“

Apotheken als analoge Anlaufstellen

Die Patientensteuerung der Zukunft müsste aus Sicht des Virchowbundes nach dem Prinzip „digital vor ambulant vor stationär“ arbeiten. „Der Virchowbund wirbt für ein digitales Lotsen-System, welches Patientinnen und Patienten bereits zuhause auf dem Sofa in die richtige Versorgungsebene leitet.“ Daneben werde es weiterhin analoge Kontaktpunkte für den Einstieg geben, „und hier werden beispielsweise auch Apotheken eine Rolle spielen“.

„Die Koordination im Sinne einer Stelle, an der alle Informationen für einen Gesamtüberblick und eine Verlaufskontrolle zusammenlaufen, ist aber eine rein ärztliche Aufgabe und darf mit Blick auf die Patientensicherheit auch nicht delegiert oder auf mehrere Praxen aufgeteilt werden“, betont der Virchowbund deutlich.

 

Was bringt die Primärversorgung mit sich? Dieses und weitere Themen finden Sie in der neu erscheinenden Ausgabe der Apotheken Umschau. Für weitere Beiträge besuchen Sie gern die APOTHEKE ADHOC-Rubrik „Apotheken Umschau“.

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