Bottroper Krebs-Skandal

Zyto-Pfusch: Steinmeier belehrt Patientin

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Berlin -

Sie hat einen Protestmarsch durch die Bottroper Fußgängerzone organisiert, vor Gericht gegen den „Pfusch-Apotheker“ ausgesagt und an Politiker geschrieben: an NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, an Bundeskanzlerin Angela Merkel (beide CDU) und an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Das Staatsoberhaupt hat Heike Benedetti jetzt antworten lassen – in belehrendem Tonfall. Anstelle von Mitgefühl und Bedauern verweist das Schreiben des Bundespräsidialamtes auf die Zuständigkeit eines Referates des Bundesgsundheitsministeriums.

Was sie an das Staatsoberhaupt geschrieben hat, will Benedetti nicht verraten. Nur soviel: Sie hat darauf verwiesen, dass der Bottroper Zyto-Skandal inzwischen auch auf dem politischen Parkett in Berlin angekommen sein dürfte. Um viele Menschen in anderen Ländern kümmere sich die Bundesregierung, dass müsse auch für die Betroffenen des Zyto-Skandals gelten. Angeregt hat Benedetti, für die Betroffenen und Hinterbliebenen einen Fonds zu bilden. „Beerdigungen sind teuer“, so Benedetti.

Sie selbst ist an Brustkrebs erkrankt und hat vom Bottroper Apotheker Zytostatika erhalten. Inzwischen seien sechs Frauen aus ihrer zehnköpfigen Patientengruppe verstorben, erzählt sie. Einen Beweis für einen Zusammenhang mit den gepanschten Zytostatika kann sie zwar nicht liefern. Aber die Zusammenhänge liegen für Benedetti auf der Hand.

Zufrieden ist sie mit der Antwort des Staatsoberhauptes nicht. Nicht Steinmeier selbst, sondern ein Mitarbeiter des Bundespräsidialamtes, Dirk Roedder, hat das Schreiben verfasst. Benedetti hatte sich per Mail an den Bundespräsidenten gewendet: „Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat mich gebeten, Ihnen für Ihre Mail vom 5. Dezember zu danken“, startet der Text. Dann folgt eine Belehrung: „Hinsichtlich Ihrer Anfrage darf ich Ihnen mitteilen, dass von hier grundsätzlich nur Schreiben beantwortet werden können, die mit den vollständigen Absenderangaben eingehen.“ Warum das im Zeitalter der Digitalisierung so gehandhabt wird, erläutert der Mitarbeiter nicht.

Benedetti hatte nur ihre E-Mail-Adresse angegeben. So etwas schätzt man im Präsidialamt offenbar nicht. Das verstößt womöglich gegen die traditionellen Gepflogenheiten im Schloss Bellevue. Auf „Grundlage seiner verfassungsmäßigen Rechte“ sei es dem Staatsoberhaut aber ohnedies nicht möglich, „sich operativ und direkt in die Arbeit der fachlich und sachlich zuständigen Stellen einzubringen“ oder zu laufenden Prozessen Stellung zu nehmen, ließ Steinmeier mitteilen.

Aus dem Präsidialamt könne man daher „nur empfehlen“, sich an das Bundesgesundheitsministerium zu wenden. Immerhin machte sich der Briefschreiber so viel Mühe, das zuständige Referat 116 ausfindig zu machen. „In diesem Sinne darf ich Ihnen für Ihre Anmerkungen danken und wünsche Ihnen für das neue Jahr viel Kraft und alles Gute“, lautet die Grußformel. Benedetti hat die Post des Bundespräsidenten zu den Akten gelegt. Dort wird vermutlich auch die noch ausstehende Post aus dem Kanzleramt landen. Angela Merkel hat noch nicht geantwortet.

Nach wie vor drückt sich die Politik aus Benedettis Sicht um die Übernahme von Verantwortung für den Bottroper Zyto-Skandal. Auch die 56-Jährige könnte im Rahmen ihrer Krebsbehandlung gepantschte Zyto-Rezepturen erhalten haben und wünscht sich mehr Transparenz bei der Aufklärung. Wie viele andere auch, weiß Benedetti nicht, ob sie auch verdünnte oder komplett wirkstofffreie Sterillösungen erhalten hat.

Als die ersten Meldungen über den Fall bekannt wurden, machte sie sich große Sorgen. Sie hatte gegen ihre Krebserkrankung eine hochdosierte Chemotherapie erhalten, die glücklicherweise auch angeschlagen hat. Doch die Wirkstoffe, die ihr Arzt ihr verordnet hatte, fanden sich auf der von der Staatsanwaltschaft veröffentlichten Liste.

Sie hat selbst Strafanzeige gegen Apotheker Peter S. gestellt und tritt im Prozess als Nebenklägerin auf. „Ich möchte wissen, warum er das getan hat“, so Benedetti. Sie hätte sich mehr Kommunikation gewünscht, auch von ihrer Arztpraxis. Denn seit der Fall bekannt ist, läuft bei ihr „Kopfkino“. Die Ungewissheit, ob eine von ihren Freundinnen wegen falscher Medikation nicht mehr lebt, lässt Benedetti keine Ruhe.

Die Staatsanwaltschaft hatte am 11. Juli Anklage gegen den 47-jährigen Apotheker erhoben. S. wird vorgeworfen, von Anfang 2012 bis zu seiner Festnahme am 29. November 2016 bei der Herstellung von Sterilrezepturen von den geltenden Herstellungsregeln und ärztlichen Verordnungen abgewichen zu sein. Die Anklage geht von 61.980 Fällen aus, in denen er Zubereitungen unter Verstoß gegen die Vorschriften in den Verkehr gebracht hat.

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