Lieferengpässe

TK: Millionen Defektnachweise einsparen

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München -

Die Techniker Krankenkasse (TK) hält trotz massiver Kritik der Apotheker an ihrem Vorschlag fest, Ausfälle ihrer Rabattpartner in die Apotheken-EDV einzuspielen. Dadurch sollten Apotheker entlastet werden, beteuerte Tim Steimle, Fachbereichsleiter Arzneimittel. Melden Hersteller einen Lieferengpass an die Krankenkasse, muss der Apotheker keine Dokumentation mehr führen. Diese Regelung hätte 3,2 Millionen Lieferunfähigkeitsbelege erspart.

Laut Steimle tragen Krankenkassen und Vertragspartner die Verantwortung für eine lückenlose Arzneimittelversorgung. Die Ausschreibungen zu den Rabattverträgen der TK fänden alle zwei Jahre statt, mehr als die Hälfte der Partner bleibe erhalten. Somit kommt es laut Steimle zu wenig Austausch. Die Hersteller wiederum müssten leistungsstark und vorbereitet sein. Hierbei soll die sechsmonatige Vorlaufzeit helfen.

Aber auch die Apotheken sollen mithelfen: Sie sollen Informationen sammeln, um Engpässe zu vermeiden, sagte Steimle bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Lieferengpässe. Derzeit sind nach TK-Informationen 144 Arzneimittel nicht lieferbar.

Fritz Becker, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands (DAV), verwies auf die Einsparungen aus den Rabattverträgen: In diesem Jahr würden etwa 3,6 Milliarden Euro und 2017 rund vier Milliarden Euro eingespart. Rabattverträge funktionierten aber nur, wenn die Arzneimittel auch lieferfähig seien. Fehlten Medikamente, bedeute dies eine Mehrarbeit für die Apotheker, das koste Zeit und Überzeugungsarbeit und lenke von der eigentlichen Aufgabe ab – der Beratung zu Arzneimitteln. Unter Umständen müssten Arzneimittel ausgetauscht werden um die Patientenversorgung zu gewährleisten. Dennoch steht Becker zu den Rabattverträgen.

Wolfgang Späth, Vorstand von Hexal, beklagte den Kostendruck als möglichen Faktor für die Lieferproblematik. Festbeträge nähmen Herstellern den Anreiz, bestimmte Arzneimittel zu produzieren: Bei Cephalosporinen liege der Preis bei 1,60 Euro – egal ob Trockensaft oder feste Peroralia. Er plädierte für die Entlassung bestimmter Wirkstoffe aus den Rabattverträgen, etwa von Antibiotika.

Die Verlagerung der Produktion nach Indien und China werde durch die knallharte Ausschreibungspraxis getrieben; würden mehr Wirkstoffe in Deutschland und Europa produziert, könnten Lieferengpässe verringert werden. Im Gegensatz zu Becker sieht er aber keine Chance einer Reindustrialisierung des deutschen und europäischen Marktes.

Für Professor Dr. Theo Dingermann von der Universität Frankfurt sind Lieferengpässe eine Katastrophe: Es fehle an Trivialwirkstoffen wie Metoprolol, die sogar von seinen Studenten an der Uni hergestellt werden könnten – wenn auch nicht in entsprechender Qualität, um sie an Endverbraucher abzugeben. Ein Versorgungsnotstand sei nicht akzeptabel. Aus seiner Sicht stellt sich die Frage, ob man mit den Rabattverträgen nicht zu weit gegangen ist und das Rad überdreht hat. Dingermann schlägt ein Backup für Arzneimittel vor, um wenigstens Schwerstkranke versorgen zu können.

Die Frage nach den drei Maßnahmen, um in den nächsten fünf Jahren Lieferengpässe zu einem Randthema werden zu lassen, fand Antwort in drei Wünschen: Ein Drei-Partnermodell, eine Reindustrialisierung des deutschen und europäischen Marktes, um die 200 wichtigsten Wirkstoffe der WHO in Deutschland zu produzieren, und eine ausreichende Rüstzeit für die Hersteller. Die Mehrkosten für das Gesundheitssystem habe man dabei im Blick: Auswirkungen auf die Kassenbeiträge seien zwar nicht ausgeschlossen. Vergessen werden dürfe aber nicht, dass der Patient im Mittelpunkt stehe und nicht das Geld.

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