Lieferengpässe

„Wir sind kein Pharma-Toyota“

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Berlin -

Die Krankenkassen sparen mit ihren Rabattverträgen Milliarden. Doch die Schattenseite ist eine Konzentration auf Herstellerseite, die zu einer großen Abhängigkeit von Produktionsstätten in China und Indien führt. Beim Parlamentarischen Frühlingsfest des Branchenverbands Pro Generika wurde über die Folgen diskutiert – und über die Möglichkeit, Teile der Produktion zurück nach Europa zu holen.

Wie auf Bestellung hatte gestern die Bild-Zeitung das Thema Lieferengpässe auf die Titelseite genommen und den Fall mit dem Narkosemittel Remifentanil aufgegriffen. Ärztepräsident Dr. Frank Ulrich Montgomery fordert eine staatliche Arzneimittelreserve für solche Fälle.

Dem erteilte der Vorstandsvorsitzende von Pro Generika und Hexal-Vorstand Wolfgang Späth allerdings eine klare Absage und verwies auf den Produktionsvorlauf und die Lagerkapazitäten. „Wir sind kein pharmazeutischer Toyota“, so Späth. Das Narkosemittel etwa habe eine Laufzeit von zwölf Monaten, und die beginne mit dem Einwiegen des Wirkstoffs.

Der Gesundheitspolitiker Tino Sorge (CDU) stimmte zu, dass planwirtschaftliche Maßnahmen nicht funktionierten. Solche Lagerbestände gleich wieder vernichten zu müssen, weil sie nicht zum Einsatz kämen, ließe sich kaum vermitteln – jedenfalls nicht, solange nichts Schlimmes passiere. Kritisch bewertet Sorge die Situation etwa bei Antibiotika. Diese aus den Rabattverträgen herauszunehmen, sei eine Möglichkeit. Die dafür nötige politische Mehrheit könnte jetzt entstehen: „Bei Engpässen entsteht hier Beweglichkeit“, berichtet Sorge.

Den CDU-Politiker ärgert, dass in der Gesundheitspolitik selten eine Gesamtkostenrechnung aufgestellt werde: „Eine sichere Antibiotikaversorgung ist ein Wert an sich.“ Gegebenenfalls müsse man eben „Geld in die Hand nehmen“, um perspektivisch zu reagieren. Im „Worstcase Outbreak“ könnten lokale Anbieter durchaus einen Mehrwert darstellen.

Morris Hosseini von der Unternehmensberatung Roland Berger belegte das mit Zahlen: Zwei Ausgangsstoffe von Antibiotika seien für 60 Prozent der in Deutschland abgegebenen Arzneimittel verantwortlich. Die Herstellkosten allein dieser Ausgangsstoffe liegen hierzulande allerdings schon über dem Preis für das fertige Arzneimittel. Selbst Indien sei teilweise nicht mehr wettbewerbsfähig und beziehe Ware vom Nachbarn China. „Und bei Ausfällen wird immer erst der lokale Markt versorgt. Im Fall eines Outbreaks wäre man hier am kürzeren Ende“, so Hosseini. Es gebe also gute Gründe für eine Produktion vor Ort, aber das müsse man sich eben auch leisten können.

Hexal produziert teilweise noch in Deutschland, was mit Blick auf die Beschaffungszeiten durchaus auch Vorteile habe, wie Späth erklärte. Allerdings seien die gewachsene Strukturen mit heute nutzbaren großen Skaleneffekten nicht repräsentativ für die Branche. Benötigt würde deshalb ein System, dass die Produktion in Europa würdigt. Auf ein Umdenken bei den Krankenkassen hofft er nicht: Die schauten ausschließlich auf Zulassung und Bioäquivalenz und erteilten ihre Zuschläge bei den Rabattverträgen.

Dr. Martin Hug, Chefapotheker des Klinikums Freiburg, stellte klar, dass nicht jeder Engpass durch die Rabattverträge bedingt sei – das Narkosemittel sei ein aktuelles Beispiel. Trotzdem litten die Krankenhäuser auch ohne Rabattverträge sehr unter Lieferausfällen, von denen man regelmäßig erst im Rahmen der Bestellung erfahre. Und das seien bei weitem keine Einzelfälle: 2015 sei dies 268-mal passiert, im vergangenen Jahr 208-mal. „Und dieses Jahr geht schon wieder die Post ab“, berichtete Hug.

Eine frühzeitige Information seitens der Hersteller sei zwar hilfreich, verschärfe das Problem aber teilweise auch, weil entsprechende Warnungen Hamsterkäufe auslösten. Hug zufolge wäre ein System mit verschiedenen Warnstufen sinnvoll. Außerdem sollten die Hersteller mehr Input aus der Praxis bekommen, etwa über neue Leitlinien in der Behandlung, um frühzeitig auf einen veränderten Bedarf reagieren zu können.

Die Kliniken seien zwar ebenfalls „hoffnungslos unterfinanziert“ und müssten im Einkauf sparen, so Hug. Doch jeder Engpass im Krankenhaus koste eben auch Zeit und Geld. Die Liefersicherheit sei ein Merkmal, das die Kliniken vielleicht zu lange ignoriert hätten. Die Konzentration beim Einkauf aus Kostengründen kann sich nämlich auch ins Gegenteil verkehren. „Wenn irgendwann nur noch ein Anbieter da ist, hat der es sehr bequem“, so Hug. In einem Fall habe etwa eine Ampulle eines Arzneimittels früher 19 Euro gekostet und heute 1500 Euro.

Im Klinikbereich sei man in Gesprächen, so Späth. Im ambulanten Bereich sei die Sache schwieriger, da die Kassen nicht bereit seien, andere Kriterien als den Preis zu akzeptieren. Der Gesetzgeber werde das Problem der Lieferausfälle im Blick behalten, kündigte Sorge an. Mit dem Pharmadialog wurde zunächst eine Selbstverpflichtung der Hersteller zur Meldung ihrer Engpässe geschaffen. „Wir müssen jetzt schauen, ob diese Selbstverpflichtung wirkt“, so Sorge. Es gebe aber eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Gesetzgeber in diesem Bereich weiter regulieren werde – allerdings nicht mehr in dieser Legislaturperiode.

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