E-Rezept-Projekt MORE: Ein äußerst erfolgreicher Flop

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Berlin -

Das hessische Pilotprojekt „Mein Online-Rezept“ (MORE) wurde hoch gelobt und sogar als besonders innovatives Technologieprojekt ausgezeichnet. Nun steht die Auswertung an – und nach Informationen von APOTHEKE ADHOC dürfte die weitaus weniger positiv ausfallen, als es der Hessische Apothekerverband (HAV) gegenüber den Projektteilnehmern darstellt. Denn auch wenn die technischen Strukturen leistungsfähig gewesen sein sollten – die tatsächliche Nachfrage war mehr als überschaubar. Die 600 teilnehmenden Apotheken haben exakt null E-Rezepte beliefert. Als Flop will HAV das Projekt dennoch nicht bezeichnen.

Mit MORE hatten HAV, die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KV), mehrere Krankenkassen sowie die Technikdienstleister Optica und Noventi ein leistungsstarkes System zur Ausstellung, Versendung und Belieferung von elektronischen Verordnungen in Kombination mit der Durchführung von Videosprechstunden auf die Beine gestellt – nur leider hat sich außerhalb des Gesundheitswesens niemand dafür interessiert. So könnte man wohl das kurz vor Abschluss stehende Pilotprojekt zusammenfassen. Denn am 31. März endet es vertragsgemäß und die Projektpartner bereiten sich gerade darauf vor, öffentlich ein Fazit zu ziehen.

In der offiziellen Kommunikation gegenüber den teilnehmenden Apotheken klingt dessen Marschrichtung bereits durch: „Der HAV hat zusammen mit Ihnen sein Ziel im Projekt erreicht: Flächendeckend konnten die hessischen Apotheken ihren Patienten die Belieferung elektronischer Rezepte anbieten, noch bevor hierfür der bundesweite Startschuss gefallen ist“, schreibt der HAV-Vorsitzende Holger Seyfarth am Dienstag in einer Benachrichtigung an die teilnehmenden Apotheken, die APOTHEKE ADHOC vorliegt. Zudem hätten die Teilnehmer die Chance genutzt, „sich intensiv mit dem Thema E-Rezept auseinanderzusetzen und sich auf die neue Technologie vorzubereiten“. Regelmäßige Anfragen von Presse und hessischem Gesundheitsministerium sowie nicht zuletzt die Auszeichnung des Dienstes für Gesellschaftspolitik als herausragende digitale Anwendung im Gesundheitswesen, hätten gezeigt, „dass unsere Botschaften ankamen“, so Seyfarth: „Wichtig insbesondere für Sie: Auch Ihre Patienten haben gelernt, dass sie E-Rezepte selbstverständlich in ihrer Apotheke vor Ort einreichen können.“

Ob die hessischen Versicherten das gelernt haben, sei dahingestellt – genutzt haben sie es jedenfalls nicht. „Selbst wenn Sie im Rahmen des Projektes keine Gelegenheit hatten, ein E-Rezept zu beliefern, war Ihre Teilnahme eine wichtige Voraussetzung für die Durchführung des Projektes“, deutet Seyfarth in seiner Mitteilung bereits an. In einer E-Mail der Geschäftsführung des Verbands, die APOTHEKE ADHOC ebenfalls vorliegt, klang das vorläufige Urteil im Dezember noch bedeutend drastischer: Nicht nur sei „trotz der langen Laufzeit seit März 2020“ bisher „kein einziges E-Rezept ausgestellt“ worden, sondern es seien im Rahmen des Projekts seitdem auch nur ganze vier Videosprechstunden durchgeführt worden – und der Verband könne noch nicht einmal sagen, ob es sich bei diesen vier nur um Tests gehandelt hat.

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