Cannabis als Genussmittel

Apotheker, wappnet euch für die Kiffer!

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Berlin -

Die Debatte über die Legalisierung von Cannabis als Genussmittel wendet sich immer mehr zugunsten der Liberalisierer – und in den meisten Modellen spielen die Apotheken eine bedeutende Rolle. Doch die Apotheker halten die Füße still. Es wird Zeit, dass sie sich konstruktiv einbringen. Sonst drohen sie die nächste Chance zu verspielen. Ein Kommentar von Tobias Lau.

Es scheint nur noch eine Frage weniger Jahre, bis man in Deutschland zum Freizeitvergnügen kiffen darf. Wie bei vielen gesellschaftlichen Entwicklungen in der westlichen Welt gehen die USA voran, andere Länder folgen. Es ist ein klarer internationaler Trend: An immer mehr Orten wird der Konsum von Marihuana legalisiert oder zumindest entkriminalisiert. Das bringt wie jede große gesellschaftspolitische Reform Probleme mit sich, wird bis jetzt aber vor allem als Erfolgsgeschichte wahrgenommen. Deshalb steigt auch die Zahl der Nachahmer, zuletzt Kanada und Südafrika.

Auch in Deutschland ist in den vergangenen Jahren Bewegung in die Debatte gekommen. Eine Bastion nach der anderen fällt. Dass nach Grünen, Linken und FDP nun auch die Berliner SPD für eine Legalisierung ist, wundert wenig. Vor wenigen Tagen aber hat sich mit Erwin Rüddel erstmals ein einflussreicher CDU-Politiker für Modellversuche zur Erprobung einer kontrollierten Abgabe von Marihuana zu Genusszwecken ausgesprochen – vor nicht allzu langer Zeit noch undenkbar. Rüddel ist kein Hinterbänkler, er ist der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag.

So frisst sich das Thema vom Rand über die linken Parteien in die Mitte des politischen Spektrums. Für viele Menschen ist das angesichts der gesellschaftlichen Realitäten ein Sieg der Vernunft: Jeder dritte junge Erwachsene in Deutschland hat Erfahrungen mit Marihuana, rund jeder sechste kifft mindestens einmal im Jahr. Und die Gruppe, in der der Cannabiskonsum am stärksten zunimmt, sind nicht junge Erwachsene, sondern Menschen mittleren Alters. Das Thema wird zusehends enttabuisiert. Alle Zeichen stehen auf politischen Wandel, auch die ersten Konservativen erkennen, dass es an der Zeit ist, zu gestalten, statt zu blockieren.

Und mitten in der Debatte stehen die Apotheker: In beinahe allen vorgeschlagenen Konzepten kommen sie vor. Auch Rüddel will, dass es die Offizinen sind, in denen Freizeitkonsumenten ihr Gras kaufen können. Und der Gedanke ist absolut naheliegend, denn trotz allen Image- und Wahrnehmungswandels bleiben starke Vorbehalte gegen die Droge. Wenn es schon zum Vergnügen gekauft werden kann, dann soll es wenigstens durch vertrauenswürdige Hände gehen und mit allerlei Suchthilfe- und Präventionsangeboten verbunden sein.

Doch die Apothekerschaft bleibt skeptisch. Von BAK-Präsident Dr. Andreas Kiefer äußerte sinngemäß: Wir sind gegen eine Legalisierung, aber wenn sie kommt, dann spielen wir eben mit. Eine proaktive Rolle will die Standesführung demnach bei der Gestaltung neuer Konzepte demnach nicht einnehmen. Dabei könnte die Freigabe eine Chance für die Apotheken sein – sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. Da wäre zum einen die Kernkompetenz der Apotheken: die Beratung. Ein Apotheker hat anders als ein Einzelhändler, der Alkohol vertreibt, eine Autorität in Gesundheitsfragen und kann eine Vertrauensperson sein. Das gilt umso mehr in ländlichen Gebieten, wo man sich untereinander kennt.

Der Konsum (bisher) illegaler Rauschmittel ist längst kein Phänomen mehr, das sich auf die urbanen Räume beschränkt – wenn es das überhaupt jemals war. Das beste Beispiel ist Crystal Meth: Die größte Plage ist die Droge nicht in Berlin, Hamburg oder München, sondern in den ländlichen Gebieten Bayerns, Sachsens und Sachsen-Anhalts. Für das ungleich ungefährlichere Gras gilt dasselbe: Gekifft wird heute überall, egal ob im gentrifizierten Hipsterviertel oder auf dem Dorfanger.

Und da könnten Apotheker zeigen, dass sie mit ihrem Beratungsargument recht behalten: Wenn der Bachmann Andi – der Schulfreund der Schwägerin des Nachbarn – zweimal die Woche in die Offizin kommt, um sich für 50 Euro Gras aus kontrolliertem Anbau zu kaufen, dann könnte man da als lokale Vertrauensperson ansetzen. Man könnte ihn mit dem nötigen Fingerspitzengefühl auf seinen kritischen Konsum ansprechen oder wenigstens auf Wege zur Schadensreduktion hinweisen. Und der Dealer, bei dem er sich bisher aller zwei Wochen das mit Haarspray gestreckte Gras kauft, wird sich hüten, ihn zu fragen, ob es nicht ein bisschen zu viel ist. Auch gibt es wohl nur wenige Dealer, die Kontraindikationen prüfen.

Hier wären die Apotheker dann aber auch mit Blick auf ihr eigenes Gebaren in der Verantwortung. Denn vor allem die Legalisierungswelle in den USA zeigt bisher eines ganz deutlich: Es ist ein Milliardenmarkt, der innerhalb kürzester Zeit aus dem Boden geschossen ist. Und die Apotheken in den USA und Kanada verdienen – trotz all der strukturellen Schwächen, die das System noch hat – enorm am Geschäft mit Cannabis. Mit dem grünen Kraut (und allen daraus hergestellten Produkten sowie dem Zubehör) könnten die Apotheker kräftig Umsatz machen und die Nachfrage wäre absehbar hoch. Nicht das schlechteste in Zeiten, in denen sinkende Margen und Verlust von Kunden an die Versender zu beklagen sind.

Man kann als Apotheker eigentlich gar nicht anders, als sich auf seine Autorität kraft Approbation zu berufen und im Falle einer Freigabe dafür zu werben, dass ein freigegebener Handel in verantwortungsbewusste Hände gegeben wird. Denn darauf zu setzen, dass die Legalisierung nicht kommt, erscheint eine gewagte Wette. Eigentlich müssten die üblichen Verdächtigen jetzt proaktiv handeln und zeigen, dass sie sich der Politik als Partner anbieten, der diese Verantwortung übernehmen kann. Dazu müssten sie nicht mal völlig neue Ideen aus dem Hut zaubern – genügend Vorbilder gibt es ja schon.

In Uruguay beispielsweise, wo man seit über einem Jahr in der Apotheke Gras kaufen kann, werden Konsumenten registriert und identifizieren sich per Fingerabdruck. Damit soll erstens dafür gesorgt werden, dass nur die erlaubten zehn Gramm pro Woche gekauft werden können. Zweitens soll so der Konsumentenkreis beschränkt werden: Nur Einwohner von Uruguay können Gras kaufen, keine Touristen. Drittens sollen so Hilfe und Prävention gestärkt werden: Der Apotheker sieht auf dem Kiffer-Konto, wie viel der Kunde verbraucht. Ist er ständig am Anschlag, kann der Apotheker gezielt das Gespräch suchen und Hilfsangebote unterbreiten.

Ob das ein Modell wäre, das für Deutschland geeignet ist, sei dahingestellt – Stichwort Privatsphäre. Aber genau das ist ja des Pudels Kern: Solche Diskussionen werden zunehmend geführt. Statt auf einem Feld, das die ureigensten Zuständigkeiten der Apotheker berührt, nur am Rand zu stehen, sollten sie selbst Konzepte, Modelle und Ideen diskutieren und vorlegen. Ansonsten wird über ihre Köpfe hinweg entschieden und die Gewinner sind wieder andere.

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