Zeugungsfähigkeit

Weniger Spermien durch Antihistaminika

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Berlin -

Substanzen wie Tabak, Alkohol oder hohe Dosen von Testosteron können die Fruchtbarkeit von Männern beeinträchtigen. Zuletzt wurden die potenziell negativen Effekte auf die Zeugungsfähigkeit von Paracetamol und Ibuprofen diskutiert. Ein aktueller Review aus Argentinien wirft nun einen Schatten auf Antihistaminika: Die Antagonisten des Gewebehormons könnten die testikuläre Homöostase beeinflussen.

Die Wissenschaftler des Instituto de Biologia y Medicina Experimental (Ybime-Conicet) haben in ihrem Aufsatz zusammengefasst, was derzeit über die Auswirkungen des biogenen Amins Histamin auf die verschiedenen Zelltypen des Hodens bekannt ist. Berücksichtigt wurden hauptsächlich kleine und große Tierstudien, zum Teil auch Effekte beim Menschen. Ihren Fokus legten die Forscher dabei auf die Leydig-Zellen. Diese gehören zu den wichtigsten interstitiellen Zellen des Hodens und werden durch das luteinisierende Hormon (LH) stimuliert. Leydig-Zellen produzieren Testosteron. Die gebildeten Sexualhormone führen zu einer Hemmung der LH-Freisetzung im Hypophysenvorderlappen im Sinne einer negativen Rückkopplung.

Histamin löst abhängig von seiner Konzentration über die Histamin-Rezeptoren H1, H2 und H4 positive oder negative Wechselwirkungen mit dem LH/hCG-Signalweg aus und trägt dadurch zur lokalen Kontrolle der testinalen Androgenspiegel bei. Aus früheren Studien ist bekannt, dass eine Tagesdosis von 1200 mg Cimetidin zu einer Abnahme der Testosteron-Konzentration führen kann.

Außerdem zeigen mehrere Untersuchungen, dass eine tägliche Dosis von 1000 mg Cimetidin die Spermienzahl sowohl bei Ratten als auch beim Menschen verringert. Auf die Morphologie und Motilität der Samenzellen übt der H2-Rezeptorantagonist nur moderate Effekte aus. An Labortieren konnten Forscher zudem zeigen, dass das Antihistaminikum zur Ablösung der Sertoli-Zellen und Apoptose führen kann, was die Spermienqualität negativ beeinflusst. Die Wirkung von Ranitidin auf die Samenqualität wird bis heute diskutiert. In Bezug auf Desloratadin und Loratadin berichten die Wissenschaftler über eine zytotoxische Wirkung in Spermien von Bullen.

 

„Es sollte dann in Betracht gezogen werden, dass Antihistaminika die Homöostase der Hoden durch Erhöhung oder Verringerung der Steroidproduktion beeinflussen können“, schreiben die Autoren des Reviews. In Keimzellen finden sich H1- und H2-Rezeptoren, den Forschern zufolge können vor allem H2-Antagonisten die peritubulären Zellen negativ beeinflussen und die Lebensfähigkeit der Spermien verringern. „Die mögliche negative Auswirkung von Antihistaminika auf die männliche Reproduktion wird noch dramatischer, wenn man bedenkt, dass Histamin auch mit menschlichem Sexualverhalten und Erektion des Penis in Verbindung gebracht wird“, so die Wissenschaftler.

Histamin vermittelt Symptome von Allergien und wird als Reaktion produziert, wenn das Immunsystem eine potentielle Bedrohung erkennt. Frühere Studien zeigen jedoch, dass Histamine auch an anderen körperlichen Prozessen beteiligt sind, die nicht mit allergischen Reaktionen zusammenhängen, einschließlich der Schlaf-Wach-Regulation, des Sexualverhaltens und der Fruchtbarkeit. Dies legt nahe, dass die Blockierung der Histaminaktivität zur Behandlung von Allergiesymptomen zu unerwünschten Nebenwirkungen führen kann.

Studien am Menschen seien zwar begrenzt sind, doch die derzeitige Datenlage gebe Hinweise darauf, dass Histamin eine Rolle im männlichen Fortpflanzungssystem spielt. „Weitere groß angelegte Studien sind erforderlich, um die möglichen negativen Auswirkungen von Antihistamin auf die reproduktive und sexuelle Gesundheit zu bewerten. Dies kann dann dazu führen, neuartige Behandlungen zu entwickeln, um Allergiesymptome zu lindern, ohne die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen“, sagte Dr. Carolina Mondillo, eine der an der Studie beteiligten Autoren.

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