COPD-Medikamente

Braltus/Spiriva: Warum 13 dasselbe wie 18 ist

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Berlin -

Als vor einem Jahr mit Braltus ein Generikum zu Spiriva (Tiotropiumbromid) auf den Markt kam, waren viele Apothekenmitarbeiter verunsichert. Immerhin standen auf der Packung unterschiedliche Wirkstoffmengen. Laut Teva sind die Produkte trotzdem austauschbar.

Braltus wurde vom spanischen Lohnhersteller Laboratorios Lincosa (Chemo) entwickelt und auf Basis der Guidline Orally Inhaled Products (OIP) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zugelassen. Dort sind die Kriterien für den Nachweis der therapeutischen Äquivalenz bei oral inhalierten Produkten festgelegt, die bei Generika zu erfüllen sind: Während früher die „Metered Dose“, also die abgepackte Menge, im Vordergrund stand, wird seit einiger Zeit eine identische „Delivered Dose“ gefordert. Das Generikum muss also dieselbe Menge an Wirkstoff ausliefern wie das Original – mit wie viel Wirkstoff dazu die Matrix beladen werden muss, spielt keine Rolle.

Teva hatte für Braltus mit Zonda einen eigenen Inhalator entwickelt. Das Problem: Die Technik ist heute viel besser geworden im Vergleich zur Zeit, als der Handihaler für Spiriva entstand. Die Herausforderung sei eher gewesen, es so „schlecht“ zu machen wie damals, heißt es von Teva. Da immer eine gewisse Substanzmenge in den jeweiligen Geräten verbleibt, ist der relative Wirkstoffverlust beim Handihaler höher und es muss mehr Wirkstoff abgemessen werden.

So enthält Spiriva 22,5 µg Tiotropiumbromid-Monohydrat pro Kapsel, das entspricht 18 µg Tiotropium-Äquivalent. Bei Braltus sind dagegen 16 µg Tiotropiumbromid enthalten, entsprechend 13 µg Tiotropium. Am Mundstück kommt aber dieselbe Menge an: Die abgegebene Dosis ist in beiden Fällen 10 µg Tiotropium.

Aus der abgegebenen Menge am Mundstück wird eine vergleichbare Lungendeposition wie beim Referenzprodukt abgeleitet, wobei Menge und regionales Depositionsmuster die Pharmakokinetik noch beeinflussen können. Allerdings ist diese Methode nur ein Behelf: Es gibt schlichtweg kein gutes Verfahren um zu messen, wie viel Wirkstoff tatsächlich in der Lunge ankommt.

Die wesentliche Studie zum Nachweis der Bioäquivalenz wurde 2016 im Fachjournal „Clinical Drug Investigation“ veröffentlicht. 30 gesunde Probanden erhielten in zwei Durchgängen Braltus und Spiriva; anhand von Plasmamessungen belegten Jaime Algorta und seine Co-Autoren die Bioäquivalenz. Direkte Daten zur Partikelgröße wurden nicht erhoben, ebenso wurden keine szintigraphischen Studien durchgeführt.

Die klinischen Daten können damit laut Teva übertragen werden. Beim Hersteller sieht man keinen sachlichen Grund, vor einem Austausch zurückzuschrecken: Alle pharmakokinetischen Kenngrößen wie AUC und Cmax seien dieselben. Für Bioäquivalenz sei ein Korridor von 85 bis 125 Prozent definiert – in diesem Korridor sei keine klinische Relevanz von eventuellen Abweichungen festzustellen.

Anders ist Spiriva Respimat zu bewerten. Hier beträgt die vorgesehen Einzeldosis 2 x 2,5 µg. Aufgrund der unterschiedlichen Inhalationstechnologie ergibt sich ein anderes Partikelspektrum, das auch in einem unterschiedlichen regionalen Lungendepositionsmuster resultieren kann. Eine Studie aus dem Jahr 2009 kam allerdings zu dem Schluss, dass bei Einhaltung der jeweils vorgesehenen Dosierungen die verschiedenen Tiotropium-Formulierungen als klinisch äquivalent angesehen werden können. J.A. van Noord von Atrium Medisch Centrum in Heerlen und seine Co-Autoren hatten die beiden Spiriva-Varianten verglichen und die Ergebnisse im Fachjournal „Respiratory Medicine“ veröffentlicht.

Tiotropium ist ein inhalativer, langwirksamer anticholinerger Bronchodilatator, der die verengten Atemwege für mindestens 24 Stunden erweitert. Bei COPD ist die Lunge chronisch erkrankt, weil die Atemwege entzündet und dauerhaft verengt (obstruktiv) sind. Eine Heilung ist nicht möglich, ein rasches Fortschreiten der Erkrankung kann aber oft verhindert werden. Vor allem Raucher, aber auch Passivraucher können erkranken. Nach Angaben der Deutschen Atemwegsliga haben allein in Deutschland bis zu fünf Millionen Menschen COPD. Weltweit sind laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 64 Millionen Menschen betroffen. Die WHO schätzt, dass COPD bis 2030 weltweit zu den dritthäufigsten Todesursachen zählen wird.

AstraZeneca hatte vor zwei Jahren – nach dem Zukauf der Atemwegssparte von Almirall – versucht, Inhalativa auf die Substitutionsausschlussliste zu bekommen, hat die Hoffnung aber mittlerweile aufgegeben.

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