Sonnenherz: Glaube statt Pharmakologie

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Berlin -

Chemtrails-Globuli, Erzengel-Essenzen und energetisierte Yin&Yang-Öle: Wem Homöopathie suspekt ist, der schüttelt bei den Produkten von Sonnenherz nur den Kopf. Rechtlich ist daran aber nichts zu beanstanden, wenn der Produzent den schmalen Grat kennt, den er gehen muss, um keine Probleme mit den Behörden zu bekommen.

Hinter Sonnenherz und dem dazugehörigen Online-Geschäft Shopnatur24 steht Thomas Müller, Finanzbeamter, Mitte 50, aus Lüdenscheid in Nordrhein-Westfalen. Ein eloquenter Mann, der seine Produkte seit 2015 neben dem Beruf her selbst entwickelt, herstellt und vertreibt. Deren Grundprinzip sind sogenannte energetische Frequenzen, also Schwingungen, die Energien im Menschen regulieren sollen. Dieser nimmt der Anwender über Globuli, Essenzen oder Öle auf. Mediziner nehmen das nicht ernst, das Geschäft aber brummt. Der Kundenstamm wächst kontinuierlich. 150 Produkte hat Müller bereits im Angebot, dutzende sollen in den nächsten Monaten dazukommen.

Registrieren muss Müller seine Produkte nicht, denn juristisch sind sie keine Homöopathika – geschweige denn Arzneimittel –, sondern Lebensmittel. „Chemisch gesehen sind das ja nur Zuckerkügelchen“, räumt er ein. Die versprochene Wirkung komme erst durch ebenjene Frequenzen: Die Globuli-Rohlinge bestellt er bei Amazon, nimmt einen Träger der Frequenz – meist Steine oder Flüssigkeiten – und überträgt die Schwingungen mittels Meditation auf die Globuli. 14,95 Euro kostet das dann beispielsweise für 5 Gramm „Amethyst-Globuli“ oder 24,95 Euro für das „600 in 1 Multi-Energie-Globuli Maximum Flow“. Mit den wissenschaftlichen Standards der Schulmedizin hat das nichts zu tun – dessen ist er sich vollkommen bewusst.

Aber er sieht Gemeinsamkeiten in der Wirkungsweise: „Man weiß ja mittlerweile, dass der Placebo-Effekt genauso sehr hilft wie der eigentliche Wirkstoff“, führt er aus. „Das Denken – der Glaube – ist ja auch eine Frequenz, die vom Gehirn erzeugt wird und auf jede einzelne Körperzelle einwirkt.“ Deshalb denselben therapeutischen Anspruch zu erheben, will er sich aber nicht anmaßen – dürfte er auch gar nicht. Die Regularien des Arzneimittelgesetzes und die Health-Claims-Verordnung der EU verbieten das. In Deutschland werden diese Regularien oft von Behörden durchgesetzt, die dem jeweiligen Gesundheitsministerium nachgeordnet sind – in Müllers Fall von der Bezirksregierung Arnsberg. Die müsst erst einmal prüfen, ob es sich rechtlich noch um Lebensmittel handelt oder schon um Präsentationsarzneimittel – und die Verantwortung gegebenenfalls an das Gesundheitsministerium in NRW weitergeben.

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