Fachkräftemangel

Spanische Pharmazeuten gegen Personalmisere

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Berlin -

In Deutschland haben es insbesondere Apotheken in ländlichen Gegenden oder fernab von Pharmazieinstituten schwer, Nachfolger zu finden. Wie angespannt die Fachkräftesituation ist, zeigt die Tatsache, dass immer mehr Pharmazeuten im Ausland nach Approbierten suchen. Dabei bedeutet ein ausländischer Kollege einen großen Aufwand, sowohl finanziell als auch personell. Doch Apotheker wie Gerd Egbring und Barbara Schwinghammer-Steinbach haben oft keine andere Wahl. Denn die Suche in Deutschland ist nur allzu häufig lang und vergebens.

Erst vor gut zwei Wochen ist der 32-jährige Jorge Molina Martos zusammen mit seiner Freundin aus Alicante ins Münsterland gezogen. Die beiden sind studierte Pharmazeuten und hospitieren bis Ende des Jahres in deutschen Apotheken. Während seine Freundin in einer Apotheke in Borghorst Erfahrungen sammelt, arbeitet Martos in der Ochtruper Lamberti-Apotheke von Egbring. „Das ist eine sehr große Chance für mich“, sagt der Spanier.

Eine große Chance ist es auch für den Apothekeninhaber. Denn gerade im ländlichen Raum gibt es zunehmend Personalengpässe. Aus diesem Grund habe sich die regionale Apothekenkooperation Migasa, deren Gesellschafter Egbring ist, ein Hospitanz-Programm für Jungpharmazeuten aus Spanien ins Leben gerufen. Dabei kooperiert Migasa mit der Außenhandelskammer in Madrid.

Das Angebot entdeckten Martos und seine Freundin im Internet. „Wir haben auf der Webseite der Außenhandelskammer gesehen, dass es die Möglichkeit gibt, nach Deutschland zu gehen“, berichtet der 32-Jährige, der nicht nur Pharmazie, sondern auch Ernährungswissenschaft studiert hat. Eine Chance, die das Paar gleich ergreifen wollte, zumal es um die Berufsaussichten für Apotheker in Spanien nicht rosig bestellt ist. „Wenige Stellen, viele befristete Verträge, niedrige Löhne“, verdeutlicht Egbring die Situation der Pharmazeuten im Süden.

Die Apotheker aus Alicante bewarben sich, beide bekamen eine Zusage – und machten sich prompt daran, Deutsch zu büffeln. Im Oktober 2016 haben sie laut Egbring einen Sprachkurs über 22 Wochen in Madrid mit einem Umfang von 560 Stunden absolviert, der sie auf das Sprachniveau B2 bringen sollte. In Deutschland angekommen, erwartet die Spanier, die an dem Hospitanz-Programm teilnehmen, eine 30 Stunden-Woche in verschiedenen Apotheken. An einem Tag in der Woche büffeln sie Vokabeln, Grammatik und deutsche Medikamentennamen. In den Apotheken können sie vorerst zwar nur als Hospitanten arbeiten, beziehen aber ein Praktikumsgehalt von 1000 Euro.

Innerhalb der EU-Staaten ist der Arbeitsplatzwechsel auf den ersten Blick leicht. Für die Anerkennung des Berufsabschlusses müssen Pharmazeuten aus EU-Ländern „lediglich“ eine Fachsprachenprüfung Niveau C1 an der zuständigen Bezirksregierung bestehen. Doch eine Sprache so zu lernen, dass man Menschen in solch sensiblen Bereichen wie Arzneimittel beraten kann, ist eine große Herausforderung. „Die Erfahrung zeigt, dass es nach dem Erreichen des B2-Sprachniveaus noch rund ein halbes Jahr dauert, bis die Kollegen für die Fachsprachenprüfung gut gerüstet sind“, betont Egbring. Deshalb soll auch Martos bis Ende des Jahres Zeit haben, sich auf die Prüfung vorzubereiten.

Auch Schwinghammer-Steinbach kennt das Problem der fehlenden Fachkräfte nur zu gut. Sie betreibt drei Apotheken, unter anderen die Apotheke an der Post in Wermelskirchen. Lange hat sie nach einem Approbierten gesucht. In Spanien wurde sie fündig. Seit Anfang März hospitiert die 23-jährige Pharmazeutin Leyre Darocas Garrigues in der Apotheke.

Deutsch soll Garrigues einem Bericht des Remscheider General-Anzeiger bereits gut sprechen. Mit Hilfe eines Stipendiums konnte sie in der Vergangenheit mehrere Monate in Dresden, Berlin und München verbringen, um die Sprache zu lernen. Außerdem hat sie wie Matros bereits in Spanien einen Deutsch-Kurs absolviert. Und genauso wie ihr spanischer Kollegen muss sie die Fachsprachenprüfung bestehen, bevor sie die deutsche Approbation bekommt.

Ihre Chefin Schwinghammer-Steinbach hofft, dass Garrigues länger bleibt.„Es gibt deutschlandweit rund 3000 offene Apothekerstellen“, sagte die Apothekerin gegenüber der Lokalzeitung. „Manche Apotheken, die gut liefen, mussten bereits aufgrund von Fachkräftemangel schließen.“ Bevor sie die junge Spanierin für ihre Apotheke an der Post gewinnen konnte, habe sie alles versucht, um die Stelle zu besetzen. „Ich habe Anzeigen geschaltet, im Internet, in Fachzeitschriften. Ich habe Personalagenturen eingeschaltet, ja sogar die Agentur für Arbeit“, sagte die Apothekerin. „Von dort habe ich nicht mal Antwort bekommen.“

Dass sie in Spanien nach Fachkräften gesucht hat, bereut Schwinghammer-Steinbach nicht, auch wenn dieser Weg mit einem großen finanziellen und personellen Aufwand verbunden ist. „Auch wenn einige Formalitäten mehr als üblich zu erledigen sind, ich kann meinen Kollegen dieses Modell nur empfehlen“, sagte die erfahrene Apothekerin der Lokalzeitung. Mit ihrer jungen spanischen Kollegin zeigte sie sich sehr zufrieden.

Auch Egring räumt ein, dass Kollegen aus dem Ausland zunächst viel Betreuung brauchen. Kleine Landapotheken dürften dafür in der Regel keine Ressourcen aufbringen können. „Um den Aufwand zu schultern, muss in der Tat eine gewissen Größe vorhanden sein“, sagte der Apotheker. Denn die Begleitung der ausländischen Kollegen ist nicht auf ihre Tätigkeit in der Apotheke beschränkt. Auch in der Freizeitgestaltung würden Neuankömmlingen gerade in den ersten Wochen jemanden brauchen, der ihnen hilft, auch im sozialen Bereich Fuß zu fassen. „Mit unserem spanischen Kollegen sind wir essen gegangen, haben gegrillt, ihm die Stadt und Umgebung gezeigt“, berichtet der Pharmazeut. Doch noch fehlt Matros „ein Kumpel“, mit dem er in seiner freien Zeit Fußballspielen und ins Fitnessstudio gehen kann. Bisher hat der Spanier fast nur Frauen kennengelernt.

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