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Chuck Norris darf den Arztstempel ändern

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Berlin -

Sage mir, wie du heißt, und ich sage dir, was du verordnest. Aber sage mir bitte genau, wie du heißt. Schluss mit Rezepten von F.K. Wächter, E.T.A. Hoffmann oder J.R.R. Tolkien. Denn ohne Vorname geht auf dem Rezept nichts mehr – außer bei Chuck Norris. Aber der muss auch seine Bedenken nicht begründen.

Ärzte beschweren sich bei Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), weil sie neue Stempel kaufen müssen: Sechs Millionen Euro würde das die Ärzteschaft insgesamt kosten. Wahnsinn! Für das Geld schlagen sich andere Fluchtwege durchs Palais. Nur Chuck Norris darf den Aufzug auch im Brandfall benutzen.

Eigentlich ist das mit dem vollen Vornamen auf dem Rezept für die Apotheken eine gute Sache. Wenn im Notdienst ein Patient aus der Klinik kommt und aus dem Krickelkürzel bei aller Liebe nichts mehr zu entziffern ist, war der Verordner bislang kaum ausfindig zu machen. Heißt du vielleicht Rippenbiest, Hammelswade oder Schnürbein?

Aber wie so vieles, was eigentlich helfen soll, bereitet die Änderung der Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV) den Apothekern zunächst vor allem Angst und Ärger. Denn sie wissen, dass fortan jedes Rezept unerstattet einbehalten wird, wenn der Kollege in der Praxis Vornamen und Telefonnummer nicht angibt und die Retax-Maschine bei der Kasse gut geölt ist.

Wohin die Kassen die Apotheker inzwischen gebracht haben, zeigt die Aktion eines Krefelder Apothekers. Er bittet seine Kunden, beim Arzt selbst darauf zu achten, dass das Rezept stimmt: „Nehmen Sie es der Apotheke nicht übel: Falls trotzdem geliefert wird, besteht das Risiko, dass die Arzneien nicht bezahlt werden. Sie haben richtig gelesen: GAR NICHT bezahlt, weil Vorname und Telefonnummer fehlen...“

Natürlich hat jeder Apotheker einen oder mehrere verständnisvolle Ärzte in der Nachbarschaft, die das Problem erkennen und lösen. Tatsächlich kommt die neue Vorgabe weder überraschend, noch ist der Aufwand zu ihrer Umsetzung unzumutbar groß: neuer Stempel oder neue Software. Fertig. Aber viele Apotheker haben auch den einen fiesen Verordner im Viertel, der sich gegängelt fühlt und einen Teufel tun wird, seinen seit Jahren unveränderten und dem Apotheker leidlich bekannten Vornamen aufs Rezept zu schreiben.

Da hilft dann auch die Friedenspflicht nicht, die der Deutsche Apothekerverband (DAV) dankenswerter Weise mit den Ersatzkassen ausgehandelt hat. Denn ein heute unwilliger Arzt wird es in drei Monaten auch nicht einsehen. Die Apotheken am Ort müssten ab sofort schon sehr geschlossen agieren und jeden Patienten konsequent zurück in die Praxis schicken, solange, bis aus C. Christian geworden ist und das Rezept stimmt. Schert aber nur ein Apotheker in der Friedenspflicht aus, könnte das Zuweisungsverbot auf eine harte Probe gestellt werden.

Wohin die Kassen sich mittlerweile selbst gebracht haben, zeigt diese Aktion: Nach dem Retax-Verzicht der VDEK-Kassen – also auch DAK und KKH – erklärte die Schwenniger Krankenkasse proaktiv ebenfalls eine Friedenspflicht bis mindestens Ende September. So nett es ist, dass die Kasse nicht auf einen Deal ihres BKK-Verbands warten wollte – reicht das Nichtretaxieren von Formfehlern jetzt wirklich schon für Eigenwerbung?

Zumal parallel ein neues Retax-Feld beackert wird: die pharmazeutischen Bedenken. Die Apotheker dürfen zwar ausnahmsweise ihr Wissen gegen die Rabattverträge einsetzen, aber nur unter Auflagen: Sonder-PZN reicht nicht, auf die Begründung der Bedenken kommt es an. Stichpunktartig dürfen sie sein, stichhaltig müssen sie sein. Sonst wird retaxiert, zumindest bei DAK und AOK Baden-Württemberg.

Letztere fällt aber auch intern als Störenfried auf: Kassenchef Dr. Christopher Hermann hat sich erneut öffentlichkeitswirksam gegen die Importquote ausgesprochen und unabgestimmt von den Originalherstellern im Gegenzug einen höheren Abschlag gefordert. So macht man Politik. Und wer weiß, vielleicht strebt Hermann ja nach Höherem. Platz wäre jetzt: Die Doppelspitze beim Bundesverband musste gemeinsam gehen. Mit Jürgen Graalmann und Uwe Deh gemeinsam unter einem Dach ging es jedenfalls nicht mehr gut.

Vielleicht sollte sich ein Apothekenfunktionär heimlich und unter falschem Namen (Tipps vom Arzt) auf den AOK-Spitzenposten bewerben. Die Lobbyarbeit würde das mit Sicherheit sehr erleichtern. Dabei gab es zuletzt übrigens ungewohnten Flankenschutz von der Apothekengewerkschaft Adexa.

Andere Weggefährten früherer Tage sind den Apothekern abhanden gekommen. Jens Spahn (CDU) ist jetzt bei Wolfgang Schäuble (CDU) im Finanzministerium, die frühere „dm-Apothekerin“ Petra Schäfer neuerdings bei Globus und der Ex-Erzfreund Dr. Fritz Oesterle gibt Griechenland Tipps gegen die Pleite.

Alle wollen nichts mehr mit den Apotheken zu tun haben. Selbst in Partnerbörsen gelten Pharmazeuten nicht als guter Fang. Und von natürlichen Verbündeten werden sie sogar als „Hemmschuh“ gesehen: Die Vorsitzende des Bundesverbands PTA (BVpta), Sabine Pfeiffer, glaubt, dass die Apotheker aus Angst Änderungen bei der PTA-Ausbildung allenfalls in homöopathischen Dosen zulassen. Apropos: Laut dem Verwaltungsgericht Köln dürfen für registrierte Homöopathika keine generellen Dosierangaben gemacht werden.

Aber noch ein Wort zur PTA-Ausbildung: In Kassel steht das Aus Deutschlands ältester PTA-Schule bevor. Was bleibt, sind gegenseitige Schuldzuweisungen. Die Schüler suchen sich eine andere Schule – oder, was schlimmer wäre, ein ganz anderes Arbeitsfeld. In Duisburg haben Apotheker die Schule gerettet und zahlen sie vorerst aus eigener Tasche.

Chuck Norris darf die „Pille danach“ online bestellen. Alle anderen dürfen sich in der Apotheke beraten lassen. Auch wenn das aufwändig ist, dürfen die Apotheker ihre Beratungsaufwand nur über den OTC-Preis abbilden.

Eine Alternative hat sich ein Apotheker aus Hessen ausgedacht: Er kassiert 11 Euro für die Dokumentation der Beratung. Die könnten die Kassen aus Kulanz erstatten, gibt er den Kundinnen als Rat mit. Von Erstattungsfällen ist ihm bislang nichts bekannt. Aber vielleicht könnte man die Dokumentationsgebühr ja retaxieren? Fortsetzung folgt. Nächste Woche.

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