Expopharm

Rowa: Schwarmschlaue Sichtwahl und verbotene Abholfächer

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München -

Der Automatenhersteller BD Rowa will neben dem Brot- und Buttergeschäft der Kommissionierer auch die Digitalisierung in der Apotheke vorantreiben. Nach einer Pilotphase mit 100 Apotheken können jetzt alle 400 Kollegen mit der digitalen Sichtwahl V-Motion das Angebot Digital Pharmacy Marketing (DPM) nutzen. Die Abholfächer kann Rowa dagegen vermutlich demnächst nur noch im Ausland verkaufen.

Bei DPM wird ein Bildschirm in der digitalen Sichtwahl für Werbung genutzt; welche, das kann sich der Inhaber aussuchen. Die eingebundenen Hersteller können die Produktpflege selbst übernehmen und etwa ein verändertes Packungsdesign anpassen. Eine Redaktion von Rowa wacht zwischen Herstellern und Apotheke. Verschläft der Hersteller seine eigene Umstellung, kann die Schwarmintelligenz der Apothekenteams helfen. Fehler in der Darstellung können über einen Klick und mit Nachricht an Rowa gemeldet werden.

Seit 10. Oktober kann man sich bei Rowa dafür online registrieren. Rowa will nach Angaben des scheidenden Geschäftsführers Dirk Wingenter Werbeflächen bündeln. Als Mediaagentur verstehe man sich aber nicht, sondern eher als „Kooperation“. Von den schwarmschlauen Apothekern profitieren nur Hersteller, denen der Zutritt in die digitale Sichtwahl gewährt wird. Denn bei der Anmeldung über die V-Cloud kann der Inhaber einzelne Hersteller sperren, die nicht in sein Konzept passen – oder die er einfach nicht mag.

Auf der anderen Seite wollen die Hersteller wissen, mit wem sie es zu tun haben. Neben Größe und Lage der Apotheke wird abgefragt, in welcher Kooperation die Apotheke ist. Denn teilweise haben diese wiederum Verträge mit Herstellern, deren Werbung dann auf dem Screen angezeigt wird. Das Team in der Apotheke kann die Bildschirme mit einem einfacher Wischer übrigens jederzeit in die „normale“ Ansicht zurückholen und als digitale Sichtwahl verwenden. Interessanter Ländervergleich von Rowa: In Deutschland hat eine Apotheke im Durchschnitt 3,8 Bildschirme, in Frankreich mehr als sieben.

Auf der Expopharm ebenfalls vorgestellt wird die Click & Collect Lösung – eine Abholfachlösung für Defekte. Das im Ausland verfügbare Bezahlterminal ist extra noch nicht integriert, um die Pharmazieräte nicht zu verärgern. Trotzdem sind die Terminals zum Beispiel in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz verboten, in Bayern dagegen nach Absprache mit der Aufsicht erlaubt. Manchmal kommt es auch auf den einzelnen Pharmazierat an: „Da herrscht totale Willkür“, klagt Sales Director Dirk Bockelmann. Der „Hüffenhardt-Skandal“ habe die Lage noch einmal verschärft.

Und Aussicht auf Besserung ist nicht in Sicht. Die Pharmazieräte haben sich unlängst bei ihrer Jahrestagung darauf verständigt, keine Abholfächer mehr zuzulassen, sofern diese mit einem Kommissionierautomaten verbunden sind. „Ok, dann verkaufen wir das eben nur im Ausland“, nahm Bockelmann die Neuigkeit zur Kenntnis.

Weniger Probleme dürfte es mit dem sogenannten Konzeptmöbel in der Offizin geben, in dem Rowa hochwertige Kosmetik anbietet. Die zuvor geplante digitale Sichtwahl war zwar bei den Apothekern gut angekommen, bei den Kunden aber nicht. Also gibt es jetzt einen integrierten Touchscreen, auf dem sich die Kosmetikerin, PTA oder Chefin die Kosmetika nach Marke oder Anwendungsgebiet sortieren kann und der Kunde trotzdem etwas zum Anfassen daneben hat. In Testapotheken beispielsweise in der Münchener Innenstadt soll es auch russische und chinesische Übersetzungen der Texte geben – hochwertige Kosmetik aus Frankreich ist ein beliebtes Mitbringsel in diesen Ländern.

Weiter ausgebaut hat BD Rowa seine Aktivitäten im Großhandel: Nach 16 Gehe-Niederlassungen gibt es nun auch in zwei Standorten von Branchenprimus Phoenix Automaten aus Kelberg. Mit an Bord ist dort aber immer auch SSI Schäfer. In Krankenhäusern kommt Rowa Dose zum Einsatz, das laut Geschäftsführer Antonios Vonofakos „die effizienteste Maschine auf dem Markt“ ist, mit einer der niedrigsten Fehlerquoten.

Ein relativ neues Geschäftsfeld – noch eher ein Hobby – ist die Ausstattung großer Tierkliniken. Diese Großpraxen stellen schon aufgrund der besonderen Produkte ganz andere Anforderungen an Automaten. Bei 14 Tierärzten ist Rowa derzeit installiert, hofft aber auf gutes Wachstum. Der Hintergrund: Da aus den Praxen immer mal wieder Hormone ihren Weg auf den Schwarzmarkt der Bodybuilderszene finden, droht die Politik den Tierärzten mit dem Entzug des Dispensierrechts. Mit einer verlässliche Lagerkontrolle im Automaten wollen sich die Tierärzte dagegen wehren.

Der Firmensitz in Kelberg wird angesichts der vielen neuen Projekte ausgebaut: Im Frühjahr ist Spatenstich für ein zweites großes Gebäude mit Büros und Labors und Platz für bis zu 200 Mitarbeiter. Im Sommer 2020 will das Team einziehen. Rowa investiert knapp 15 Millionen Euro; entstehen soll ein Rowa-Campus.

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