Kosmetikhersteller

ProSieben steigt bei Frei Öl ein

, Uhr
Berlin -

Der Kosmetikhersteller Apotheker Walter Bouhon will mit seiner Dachmarke Frei Öl mehr Kunden erreichen. Vor knapp zwei Jahren strich man in Nürnberg deshalb die Apothekenexklusivität und ging mit den Produkten in die Drogerie. Jetzt holen sich die Inhaber den Medienkonzern ProSiebenSat.1 als Investor ins Boot. Hintergrund ist eine Mediakooperation à la Zalando – in einem neuen TV-Spot will die Firma auch die Apotheke als Verkaufsort nennen.

Bouhon und ProSiebenSat.1 gehen künftig gemeinsame Wege. Ein neuer TV-Spot soll ab Mitte Juni die Aufmerksamkeit für die Marke steigern. Fokusprodukt wird das Figuröl sein. Nach einem Testlauf im vergangenen Jahr ist eine dreijährige Kooperation anvisiert: „Wir freuen uns sehr, mit der ProSiebenSat.1-Group, im speziellen SevenVentures, einen starken Mediapartner an unserer Seite zu haben“, sagt Geschäftsführer Thomas Bauer.

Derzeit werde ein neuer Spot entwickelt. „Ziel dieser Kooperation ist, gemäß unserer Strategie, der weitere Ausbau der Marke Frei Öl und damit auch die Unterstützung unserer Vertriebspartner“, so Bauer. Natürlich werde die Apotheke als Vertriebspartner auch im neuen TV-Spot gezielt genannt, betont er. „In den letzten Jahren haben wir zunehmend stärker in die Außenkommunikation investiert. PR, Social Media inklusive Influencerkooperationen, Printanzeigen sowie ein TV-Spot zeigen gute Erfolge und sind ein guter Hebel auch in der Apotheke.“

Um welche Kooperation es sich konkret mit SevenVentures handelt, wollen die neuen Partner nicht verraten. Der Konzern bietet zwei flexible Modelle an: Media for Revenue oder Media for Equity: Im Gegenzug für die Umsatz- oder Unternehmensbeteiligung erhalten Firmen ein Paket unter anderem aus finanziellen Mitteln und Werbezeiten. An Bouhon halten die Cousins Nico und Wilhelm Bouhon 98 Prozent der Anteile; je 1 Prozent entfallen auf Bauer und SevenVentures.

Die Marke Frei Öl war viele Jahre nicht aus der Apotheke wegzudenken. Doch in der Offizin hat Bouhon den angestrebten Wandel nicht geschafft. Auch das Traditionsprodukt – das Körperöl, das vor allem bei älteren Verwenderinnen in den Badezimmerschrank gehörte – hat an Relevanz verloren.

Neue Produktlinien, moderneres Design und Schulungsoffensive haben nicht den erhofften Aufschwung gebracht. 2016 verärgerte Bouhon die Apotheker mit einer umstrittenen Jubiläumsaktion mit unbestellten Lieferungen. Das i-Tüpfelchen war für manchen Apotheker die Ankündigung vor zwei Jahren, in die Drogerie zu gehen. Bauer sagte damals, dass trotz des neuen Vertriebsweges das Engagement in der Apotheke „in Quantität und Qualität“ gleichbleiben solle. Heute sind die Produkte bei dm, Müller & Co. sowie Karstadt und Amazon erhältlich.

Die Apothekenumsätze waren zuletzt weiter rückläufig. Im vergangenen Jahr erzielte Frei Öl laut Insight Health noch Verkaufserlöse von rund 8,9 Millionen Euro – ein erneuter Rückgang von 16 Prozent im Vorjahresvergleich. In den Vor-Ort-Apotheken war der Einbruch noch deutlicher: Hier wurden rund 506.000 Einheiten verkauft (minus 24 Prozent); im Versandhandel konnten die Abverkäufe mit rund 222.500 Packungen stabil gehalten und der Umsatz sogar leicht ausgeweitet werden. Vor zehn Jahren lagen die Umsätze noch bei rund 30 Millionen Euro.

Der Marktanteil liegt aktuell nur noch bei unter 1 Prozent. Im hart umkämpften Markt der Apothekenkosmetik ist Frei Öl kaum mehr relevant. Ende 2018 hat Bouhon den Apothekenaußendienst angeblich aufgelöst; das Unternehmen selbst spricht von einer „Umstrukturierung“. Seit Januar betreute das „Kompetenzteam“ die Apotheken und berate sowohl telefonisch als auch vor Ort in Form von Schulungen, sagt eine Sprecherin. Bereits 2015 war das Team neu strukturiert worden; damals trennte man sich von Mitarbeitern.

Das Unternehmen geht auf den Apotheker Walter Bouhon zurück. Eigentlich wollte sich der Pharmazeut auf Fertigarzneimittel konzentrieren, die Erfolge feierte er jedoch mit der Marke Frei Öl. 1966 kam das erste Kosmetikprodukt, ein Massageöl für Schwangere, auf den Markt. Im Jahr 2004 wurde das „Öl“ im Namen gestrichen, die Produkte firmierten nur noch unter „Frei“. Zum 50-jährigen Jubiläum des Pflegeöls 2016 wechselte das Nürnberger Familienunternehmen zurück zum ursprünglichen Namen.

Seit 2008 führt Wilhelm Bouhon die Nürnberger Mohren-Apotheke zu St. Lorenz in dritter Generation. Der Betrieb ist seit 1938 im Besitz der Familie. Der Standort ist laut eigenen Angaben die älteste Apotheke Nürnbergs. Sie wurde 1442 erstmals urkundlich erwähnt.

ProSiebenSat.1 interessiert sich vor allem für die Branchen Konsumgüter, Handel und Dienstleistungen. Einer der ersten Partner war Zalando, weitere sind Lieferando, Wir Kaufens, Küchen Quelle oder About You und Home 24. Aus dem Gesundheitsbereich bekannt sind Dedendo, Apomio, Veluvia und LactoStop (Hübner). 2015 wurden laut Unternehmensangaben rund 500 Stunden Werbezeit eingesetzt, um rund 60 Unternehmen zu unterstützen. Mit Windstar Medical gehört auch ein führender Anbieter von Eigenmarken im Mass Market zu den Tochterfirmen.

Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Mehr zum Thema
Augentropfen mit Farbstoff
Dr. Theiss macht Augen blau »
Weiterentwicklung von Probiotika
Microbiotica kooperiert mit Evonik »
Mehr aus Ressort
Apothekendienstleister vor dem Umbau
Zwischen Zinsen und Kosten: Das ist los bei Noventi »

APOTHEKE ADHOC Debatte

Weiteres
EMA empfiehlt Antikörperpräparat
Beyfortus: Passive Immunisierung gegen RSV»
Zytostatikum & Immunsuppressivum
Melanomrisiko durch MTX?»
EU-Kommission sichert 10.000 Einheiten
Affenpocken: Was kann Tecovirimat?»
Limit für geringfügige Beschäftigung erhöht
Minijob: 70 Euro mehr verdienen»
A-Ausgabe Oktober
90 Seconds of my life»
Kompetenter Begleiter für alle Leser:innen ab 60
my life Senioren»
Das Kindermagazin der my life Familie
Platsch»
Debatte geht in die nächste Runde
EMA befürwortet Biosimilar-Austausch»
Jede Verordnungszeile einzeln
Mehrfachverordnungen: Wie wird beliefert?»
Was wird von der Kasse erstattet
Retaxgefahr: Sprechstundenbedarf auf Rezept»