Am morgigen Mittwoch gibt Olaf Heinrich den Chefposten bei Redcare ab, pünktlich zum Abschied wurde die Umsatzprognose noch einmal angehoben. Sein Ausscheiden kommt nicht gänzlich unerwartet, doch der Wechsel wirft die Frage auf, in welche Richtung sich der Branchenprimus entwickelt.
Heinrich hatte im August 2023 als CEO die Nachfolge von Stefan Feltens angetreten. Dem Aufsichtsrat war mit dieser Personalie ein besonderer Coup gelungen: Heinrich war von 2008 bis 2020 für den Konkurrenten DocMorris tätig gewesen, zuletzt ebenfalls als CEO für das Deutschlandgeschäft. Ausgerechnet kurz vor dem lange erwarteten – und dann kurzfristig wegen technischer Unzulänglichkeiten verschobenen – Start des E-Rezepts hatte er im Streit mit dem damaligen CEO Walter Oberhänsli das Handtuch geworfen.
Bei Redcare trat Heinrich pünktlich an, um zum Launch von CardLink das Rx-Geschäft aufzubauen. Neben dem fürstlichen Salär – 2 Millionen Euro in bar zuzüglich 3,75 Millionen Euro in erfolgsabhängigen Aktienoptionen für die Laufzeit von vier Jahren – dürfte ihn vor allem die Aussicht gelockt haben, im rechtzeitigen Moment am Drücker zu sein.
Drei Jahre später hat sich das Rx-Geschäft irgendwo zwischen 150 und 200 Millionen Euro pro Quartal eingependelt. Auch die Zahl der Rx-Kundinnen und -Kunden entwickelte sich zuletzt nur noch langsam. Zwar konnte Redcare am Montag wegen eines erfolgreichen dritten Quartals zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres die Prognose anheben. Doch nach wie vor geht man in Venlo von einer sich weiter abflachenden Wachstumskurve aus; die letzten drei Monate des Jahres könnten sogar schwächer werden als das dritte Quartal.
Hinzu kommen die anhaltenden Verluste. Zwar wurden die Marketingausgaben reduziert, dafür fließt das Geld in den Bonus beziehungsweise Zuzahlungserlass. Ein Selbstläufer ist das E-Rezept also immer noch nicht. Und parallel dümpelt auch das Non-Rx-Geschäft mehr oder weniger kraftlos vor sich hin.
Dass Heinrich seinen Vertrag nicht verlängern würde, galt schon seit einiger Zeit als realistische Option. Und dass er jetzt schon Herbst für seinen Nachfolger Platz macht, ist angesichts der Jahresplanung von börsennotierten Konzernen wie Redcare auch keine Überraschung.
Spannend ist aber die Tatsache, wer als Nachfolger ausgesucht wurde: Peter Schmid von Linstow, derzeit stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats, soll Heinrich im Amt beerben. Er ist erst seit April an Bord, verfügt laut Unternehmen aber über mehr als 20 Jahre internationale Führungserfahrung bei digitalen Plattformen und Marktplätzen, darunter Visable (Alibaba), Parship, Ebay und AutoScout24.
Zumindest seine Vita spricht eher dafür, dass Redcare den Fokus künftig weniger auf das Rx-Geschäft und mehr auf das zuletzt eher schwächelnde Non-Rx-Geschäft setzen könnte. Auch das Marktplatzmodell mit Partnerapotheken war zuletzt weniger forciert worden; gut möglich, dass der neue CEO das Unternehmen wieder stärker in Richtung Plattform nach dem Vorbild von Amazon ausbauen soll.
Damit wäre das Management im Grunde zurück bei der uralten Frage, ob man die Gründungsidee von Shop Apotheke oder von der Europa Apotheek Venlo weiter verfolgen soll. Beide Versender waren Anfang der 2000er-Jahre mit ganz unterschiedlichen Konzepten gestartet und im Vorfeld des Börsengangs verschmolzen worden.
Konkurrent DocMorris schlägt mit Videosprechstunde, Rezeptabo und Ratgeberbereich eine klare Richtung ein. In welche Richtung Redcare mit Shop Apotheke geht, werden die kommenden Monate zeigen.