Redcare hat gute Quartalszahlen vorgelegt, mit dem besten operativen Ergebnis seit zehn Jahren. Die Apothekenreform mit erhöhtem Fixum und kaum verschärften Lieferbedingungen spielt dem führenden Arzneimittelversender in die Karten. Doch Vorstandschef Olaf Heinrich stimmt die Investoren darauf ein, dass sich das Wachstum im Rx-Bereich weiter abflachen wird. Schon jetzt werde es schwieriger, neue Kundinnen und Kunden zu gewinnen. Ist das Ende der Fahnenstange bereits erreicht?
Aktuell läuft das Geschäft bei Redcare eher schleppend. Schon im Juni habe die Hitzewelle zu einer geringeren Nachfrage geführt; außerdem habe man damit begonnen, erste Preiserhöhungen durchzusetzen, räumte Heinrich vor Analysten ein. Dies werde man trotz des kompetitiven Umfelds weiter durchziehen; KI soll laut Heinrich dabei helfen, optimale Preise zu finden. Man versuche die Profitabilität zu verbessern, ohne dass man Kunden verliere, ergänzte Finanzvorstand Hendrik Krampe. Schließlich wolle man das dynamische Geschäft nicht ruinieren.
Besserung ist vorerst allerdings nicht in Sicht. Das dritte Quartal ist laut Heinrich ohnehin das schwächste eines Jahres, doch abgesehen von diesem saisonalen Effekt geht man in Venlo von einem langsameren Wachstum aus: Im Juli etwa soll der Umsatz um weniger als 20 Prozent steigen – es ist das erste Mal seit knapp vier Jahren, dass diese Schwelle nach unten gerissen wird. Für das OTC-Geschäft erwartet das Management sogar nur ein einstelliges Wachstum.
Doch auch im Rx-Bereich wird das Wachstum schon schwieriger. Im September vergangenen Jahres hatte Redcare den Rx-Bonus wieder scharf gestellt; dieser Effekt ist ab jetzt eingepreist, sodass diesbezüglich keine weiteren Zuflüsse an Rezepten zu erwarten sind.
Tatsächlich ist die Zahl der Kundinnen und Kunden im zweiten Quartal zwar insgesamt erneut von 14,2 auf 14,7 Millionen gewachsen; die Zahl der Rx-Kundinnen und -Kunden hat sich aber nur von 1,67 auf 1,735 Millionen erhöht. Ende 2025 lag sie bei rund einer Million, sodass im ersten Quartal noch ein deutlich größerer Zuwachs zu verzeichnen war.
Ein Grund ist, dass Redcare seine Marketingausgaben seit dem zweiten Quartal 2025 zurückgefahren hat: Während in Spitzenzeiten pro Quartal knapp 60 Millionen Euro oder 9 Prozent des Umsatzes für Kampagnen ausgegeben wurden, waren es zuletzt noch 44 Millionen Euro oder 5 Prozent. Bei diesem Wert soll es auch bleiben. „Die Zeit des Marketings liegt hinter uns. Jetzt geht es um Optimierung, und zwar mit neuen Formaten und Kanälen.“ Auch deswegen rechne man mit einer weiteren Abflachung des Wachstums.
Krampe ergänzte: „Wir arbeiten hart daran, unsere Marketingausgaben zur Gewinnung von Rx-Kunden clever einzusetzen.“ Der Fokus liege nicht mehr auf TV-Werbung, sondern auf Online-Maßnahmen. Nur zur Stärkung der Marke werde man weiterhin Spots schalten.
Allerdings betonte Heinrich abermals, dass Rx-Kundinnen und -Kunden nicht nur größere Warenkörbe und eine höhere Bestellfrequenz hätten, sondern auch besonders treu seien. „Sie alle lieben unser System“, dies zeigten auch die Zufriedenheitswerte. Die größte Herausforderung sei also weiterhin, neue Kundinnen und Kunden zu gewinnen – und zwar sowohl aus dem Kreis der OTC-Besteller als auch eine komplett neue Klientel.
Gelassen sieht Heinrich dem Markteintritt von Rossmann entgegen: Schon dm habe – bislang jedenfalls – keinen nennenswerten Einfluss auf das Marktgeschehen gewinnen können. „Es ist offensichtlich nicht so einfach, in den Markt einzutreten.“ Das liegt laut Heinrich auch an der starken Position der etablierten Versender. Das Rx-Geschäft, auf das Rossmann ein Auge geworfen habe, sei noch einmal komplexer.
Positiv sieht der Redcare-CEO die Apothekenreform. Das betreffe einerseits das angehobene Packungsfixum, auch wenn ein Teil davon durch den parallel erhöhten Kassenabschlag aufgezehrt werde. Aber auch die Tatsache, dass die Auflagen nicht auf die Logistikdienstleister ausgeweitet würden, sei positiv: Das stärke den rechtlichen Rahmen für die Versender.
Nur die neue Anforderung der persönlichen Übergabe mit Unterschrift sorgt laut Krampe für Mehraufwand. Aber die erwarteten Mehrkosten lägen bei weniger als einer Million Euro und beeinflussten die Kalkulation nicht in einem nennenswerten Umfang. Heinrich erinnerte daran, dass dieser Teil erst noch in Kraft treten muss. Man rechne mit einer Verkündung im August.