Alkaloide bei Zytokinsturm

Colchicin: Gichtmittel gegen Covid-19?

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Berlin -

Im Kampf gegen Covid-19 werden nicht nur neue, sondern auch einige bereits bekannte Wirkstoffe getestet. Einer von ihnen ist das Alkaloid Colchicin, welches derzeit zur Behandlung von Gicht zugelassen ist. Mehrere Studien haben sich nun mit dem Einsatz gegen Sars-CoV-2 beschäftigt.

Colchicin ist eine natürlich vorkommende Substanz der giftigen Herbstzeitlosen. Die Anwendung des Alkaloids ist kritisch: Richtig dosiert kann es gegen die typischen Beschwerden eines akuten Gichtanfalls helfen. Wird es jedoch überdosiert, kann es schnell zu Vergiftungserscheinungen kommen. In einigen Fällen kam es durch eine Falscheinnahme bereits zu Todesfällen.

Alkaloid gegen Zytokinsturm

Dennoch soll der Wirkstoff aufgrund seiner Eigenschaften möglicherweise auch bei Covid-19 helfen können: Er hemmt die Fähigkeit der weißen Blutkörperchen, zielgerichtet zum Entzündungsherd zu wandern. Außerdem verhindert er ein anfeuern der Entzündungsreaktion durch eine gehemmte Produktion von proinflammatorischen Zytokinen. Colchicin gilt daher als antientzündlich und antiinflammatorisch.

Bei der Behandlung von Covid-19 soll die Substanz vor allem gegen einen sogenannten „Zytokinsturm“ helfen können. Dabei handelt es sich um eine Überreaktion des Immunsystems, die mit einer erhöhten Bildung von entzündungsrelevanten Zytokinen einhergeht und somit zu einer systemischen Entzündungsreaktion führt. Dadurch kann es bei Covid-19 zu schweren und zum Teil lebensbedrohlichen Atemwegs-Komplikationen kommen. Die Behandlung dieser Reaktion könnte damit ein wichtiger Therapiebestandteil sein.

Wirkung und Sicherheit noch unklar

In mehreren Studien wurde der Einsatz bereits getestet. So startete beispielsweise das Montreal Heart Institute in Kanada bereits im März erste Untersuchungen: Bis zum Ende der Studie sollen 6000 Patienten randomisiert über einen 30-Tage-Zeitraum entweder Colchicin oder Placebo erhalten. Die Dosierung liegt bei der Colchicingruppe bei zweimal täglich 0,5 mg in den ersten drei Tagen und einmal täglich 0,5 mg für den Rest der Therapiedauer.

Die Forscher wollen schließlich auswerten, wie häufig die Patienten aufgrund von Covid-19 hospitalisiert werden müssen beziehungsweise versterben. Eingeschlossen sind daher zu Beginn nur nicht hospitalisierte Patienten, mit mindestens einem Risikofaktor für einen schweren Covid-19-Verlauf. Außerdem dürfen seit der Diagnose nicht mehr als 24 Stunden vergangen sein. In anderen Studien wurde Colchicin auch bei hospitalisierten Patienten erprobt. Dabei soll der klinische Zustand, sowie der Interleukin-6-Spiegel beobachtet werden. Unter anderem laufen Studien in den USA, Argentinien, Spanien und Italien. Bisher gibt es noch keine Ergebnisse der Untersuchungen – auch das Sicherheitsprofil ist aufgrund der geringen therapeutischen Breite ein Risikofaktor, ebenso wie mögliche Wechselwirkungen.

Colchicin nicht aufgegeben

Bereits im November vergangenen Jahres wurde an dem Wirkstoff geforscht. Es konnte gezeigt werden, dass Colchicin das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse verringern kann. In der klinischen Studie wurde Alkaloid mit Placebo verglichen, um ischämische kardiovaskuläre Ereignisse bei Patienten zu verhindern, die kürzlich an einem Myokardinfarkt litten. In dieser Studie hatten Patienten, die täglich 0,5 mg Colchicin erhielten, eine signifikant geringere Rate an diesen Ereignissen zu erkranken, als Patienten unter Placebo. Im Ergebnis konnten die Forscher festhalten, dass der Wirkstoff das Risiko eines ersten ischämischen kardiovaskulären Ereignisses und eines gesamten ischämischen kardiovaskulären Ereignisses zusätzlich zum Behandlungsstandard bei Patienten mit einem kürzlich aufgetretenen Myokardinfarkt um 23 beziehungsweise 34 Prozent resduzieren kann. „Die Daten aus der Colcot-Studie unterstreichen das Potenzial von Colchicin als effiziente und dringend benötigte Therapie zur Reduzierung von Entzündungen nach Myokardinfarkt zur Verbesserung der kardiovaskulären Ergebnisse von Patienten“, sagte Dr. Jean-Claude Tardif, Direktor des Forschungszentrums am Montreal Heart Institute. Er erläutert auch, dass die Studie beispielhaft zeigt, dass durch die Wiederverwendung älterer Arzneimittel, Therapieinnovationen zeit- und kosteneffizient umgesetzt werden können.

 

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