„Unseren Totengräber erreichen Sie beim Regierungspräsidium“ | APOTHEKE ADHOC
Schwarzwald-Apotheke in Stuttgart muss schließen

„Unseren Totengräber erreichen Sie beim Regierungspräsidium“

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Berlin -

Damit hat Apothekerin Anja Ossenkop nicht gerechnet: Weil sie ihre Schwarzwald-Apotheke in Stuttgart schließen muss, stellte sie quasi eine „Abrechnung“ mit dem Regierungspräsidium ins Schaufenster. Jetzt laufen die Kunden Sturm.

Auf einem Schild bezeichnet sie das Regierungspräsidium als „Totengräber“. Das war passiert: Ihre Betriebserlaubnis erlischt Ende Juni. Der Pharmazierat hatte festgestellt, dass das Labor nicht mehr den aktuellen Anforderungen entspricht, berichtet die Stuttgarter Zeitung. Apothekerin Ossenkop gibt ihm grundsätzlich recht, sagte aber gegenüber der Stuttgarter Zeitung: „Ich bin schon sauer. Ich bin mir sicher, dass es eine Lösung gegeben hätte, wenn man gemeinsam danach gesucht hätte. Andere haben mit Augenmaß gehandelt und Tipps gegeben und geschaut, dass es besser wird.“

In der Schwarzwald-Apotheke wird nichts mehr besser – Ende Mai wird sie für immer schließen. Von der Solidarität der Kunden, die die Presse vor Ort mobilisiert haben, ist sie völlig überrannt worden. „Die Kunden haben das angeleiert. Die Apotheke ist voll, ich kann derzeit leider keine Auskünfte geben“, sagt sie gegenüber APOTHEKE ADHOC.

Auf dem Schild im Schaufenster hat sie ihrer Enttäuschung Luft gemacht. Darauf steht zu lesen: „Das Apothekensterben geht weiter. Auch wir werden zu Grabe getragen. Unseren ‚Totengräber‘ erreichen Sie beim Regierungspräsidium Stuttgart. Er wird Ihnen die Umstände der Schließung und sicherlich auch seine überaus strenge persönliche Auslegung der Vorschriften zu den Anforderungen an eine Apotheke sicherlich gerne erläutern.“ Der letzte Hilferuf einer Offizin, die dem Sterben geweiht ist.

 

Die Apotheke ist ein wichtiger Versorgungsfaktor im Stadtteil Kaltental. Rund 6000 Menschen leben hier, bis zum Stadtzentrum sind es sechs Kilometer. Viele ältere Menschen sind auf eine zuverlässige Apothekenversorgung angewiesen und können keine langen Wege bewältigen. Die Patienten reagieren empört. Eine Leserin des Schwarzwälder Boten schreibt: „Für Kaltental und seine Infrastruktur ist es ein weiterer Schlag in die Magengrube, für die älteren Bürger sowieso. Mag sein, dass die Apotheke nicht den modernen Standards entspricht, und doch waren die Bürger froh, dass die Apotheke weiter betrieben wurde, in der sie mit einer guten Beratung durch kompetentes Fachpersonal und im Krankheitsfall mit einer schnellen persönlichen Zustellung der erforderlichen Medikamente rechnen konnten. Armes Deutschland, wir regulieren uns bald zu Tode.“

Das Regierungspräsidium verweist gegenüber der Stuttgarter Zeitung auf Verbraucherschutz und Arzneimittelsicherheit. Die Haltung ist klar: „Wir können erhebliche fortwährende Verstöße gegen die apothekenrechtlichen Bestimmungen als Aufsichtsbehörde nicht dauerhaft tolerieren. Unsere Arbeit dient der Arzneimittelsicherheit und dem Verbraucherschutz.“ Die Betriebsräume zur Lagerung, Prüfung und Herstellung von Arzneimitteln entsprächen „nicht entfernt den aktuellen gesetzlichen Bestimmungen.“ Sollte die Apothekerin die Mängel beseitigen, stünde einer Weiterführung des Betriebes nichts im Wege.

Die Solidarität der Kunden der Schwarzwald-Apotheke ist überwältigend. Ein Kunde schrieb Briefe an das Regierungspräsidium an den Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Bündnis 90/ Die Grünen), Stadt- und Bezirksbeiräte und an die Landes-Apothekerkammer. Er formuliert freundlich: „Ich möchte Sie darum bitten, Wege zum Erhalt der Apotheke zu suchen.“ Aus seiner Sicht ist Kaltenteil insgesamt mit Geschäften für den täglichen Bedarf unterversorgt.

 

Auch die Lebenspläne der Apothekerin werden von der Entscheidung des Pharmazierates durchkreuzt. Sie hatte 17 Jahre als angestellte Apothekerin in der Schwarzwald-Apotheke gearbeitet. Als ihre Chefin vor sechs Jahren starb, übernahm sie die Apotheke. Sie wollte bis zur Rente dort arbeiten.

Ein ähnliches Schicksal ereilte im vergangenen Jahr die Stitzenburg-Apotheke in Stuttgart. Apothekerin Sabine Kettemann hatte die prächtige Jugendstil-Offizin 1996 übernommen. Auch bei ihr beendete der Besuch des Pharmazierates ihre Unternehmen. „Der Pharmazierat fragte mich mitten in der Revision, ob ich zufällig vorhätte, die Apotheke zu schließen. Das hatte ich eigentlich nicht. Mir war klar, dass es viele Mängel gibt, aber nicht alle konnten behoben werden.“

Kettemann fühlte sich damals unter Druck gesetzt und entschied sich, die Stitzenburg-Apotheke zu schließen. Die Entscheidung fiel innerhalb von wenigen Minuten. Ketteman, hätte die Investitionen in Labor, Rezeptur und Klimaanlage finanziell nicht stemmen können. Des Kämpfens müde, schloss sie zum Ende des Jahres 2018.

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