Oehmichens Apotheke: Goldene Jahre am Todesstreifen

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Mauer und Todesstreifen waren die ganze Zeit in Sichtweite – doch der Standort war nicht trotzdem, sondern gerade deswegen gut für den Betrieb: „Wir waren die letzte Apotheke vor der Mauer, deshalb sind alle Anwohner, die zwischen uns und der Mauer wohnten, zu uns gekommen.“ Sie kamen wortwörtlich gar nicht an ihm vorbei. 1984 übernahm Hauffe die Apotheke, „für sehr viel Geld“, wie er betont. Da hatte er noch etwas mehr als fünf fette Jahre vor sich, bevor er fast über Nacht vom Stadtrand in die Innenstadt verlegt wurde, ohne sich zu bewegen.

„Da ham‘se sich jefreut, dit ’se endlich rüwer konnten“

Am 9. November 1989 fiel die Mauer und plötzlich fand um Hauffes Apotheke herum Weltgeschichte statt. „Erst hieß es, sie kommen jetzt alle rübergeströmt – und dann war bis hoch zur Badstraße alles voll mit Menschen.“ Die Badstraße schließt auf Höhe des Bahnhofs Gesundbrunnen an die Brunnenstraße an, knapp anderthalb Kilometer sind es von der Grenze bis dahin. „Da ham‘se sich jefreut, dit ’se endlich rüwer konnten“, sagt er in besten Berlinerisch. „Das ist ein tolles Gefühl, dass man das miterleben durfte.“ Außerdem bringt es viele neue Kunden, könnte man als Kaufmann meinen. Der Ertrag durch die DDR-Bürger blieb aber vorerst gering. „Die haben erst nicht viel gekauft – die hatten ja kein Geld“, sagt er.

Mit der Wiedervereinigung änderte sich aber auch das – vorerst zumindest. „Eine Zeitlang kamen sie alle rüber und haben hier eingekauft“, erklärt Hauffe. „Ein, zwei Jahre haben wir das wirklich gemerkt, da hatten wir mehr Umsatz.“ Doch schon Anfang der 90er-Jahre verflog die Wiedervereinigungseuphorie. Die Treuhand wickelte einen Betrieb nach dem anderen ab, Millionen Menschen verloren ihre Arbeit, Biographien wurden entwertet. Es gab jetzt Bananen, aber viele konnten sie sich nicht kaufen. Waren 1990 noch 4,1 Millionen Menschen in von der Treuhand verwalteten Betrieben beschäftigt, waren es 1994 noch 1,5 Millionen. Auch hier war Berlin ein Schmelztiegel: Kaum irgendwo stießen beide Welten so aufeinander wie in der kurz zuvor noch geteilten Stadt.

„Anfangs haben sich die Leute gefreut, aber nach und nach wurden sie unzufriedener, das hat man gespürt“, erinnert sich Hauffe an die Zeit. Ursache für die Enttäuschung seien aber auch unrealistische Erwartungen der DDR-Bürger gewesen, findet er. „Die wollten alles immer sofort und hatten keine Geduld.“ Dass auch viele Glücksritter aus dem Westen die mangelnde Erfahrung ihrer neuen Mitbürger ausgenutzt haben und auf deren Kosten einen guten Schnitt machten, sei ihm bewusst, „aber hier in der Straße hat man das nicht gemerkt“.

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