Mauerfall am 9. November 1989

„Die sind im Gänsemarsch durch meine Apotheke gelaufen“ Lothar Klein, 08.11.2019 07:48 Uhr

Berlin - Als am 9. November 1989 Günter Schabowski gegen 19 Uhr mit seinen legendären Sätzen die Mauer zwischen der damaligen Bundesrepublik und der DDR einriss, hatte die Markt-Apotheke in Duderstadt bereits geschlossen. Heute erinnert sich der jetzt 73-jährige Apotheker Gerhard Hasse immer noch mit emotionaler Rührung in der Stimme an das historische Ereignis: „Das war eines der intensivsten Erlebnisse meines Lebens.“ Auch Mira Sellheim aus Gießen hat damals angepackt und Thüringer Kollegen beim Start in die Freiberuflichkeit unter die Arme gegriffen.

Kurz nach 19 Uhr am 9. November 1989 antwortete Schabowski auf eine Journalistenfrage: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne das dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu West-Berlin erfolgen.“ Auf die Nachfrage des Hamburger Bild-Zeitungsreporters Peter Brinkmann „Wann tritt das in Kraft?“ antwortete Schabowski: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“

Mit diesen Worten begann auch in Duderstadt eine neue Zeitrechnung: Wie präsent die ehemalige Zonengrenze in den Köpfen der Duderstädter Bürger war, schildert Hasse so: „Vom Tennisplatz aus mit dem richtigen Aufschlag hatten Sie den Ball drüben. Wir waren so richtig dicht dabei.“ Dass irgendetwas in der Luft klag, wurde Apotheker Hasse schon Tage vor der Maueröffnung zugetragen. In Duderstadt herrschte bereits seit längerem ein reger Austausch mit Senioren, die aus der DDR bereits nach Westdeutschland reisen durften: „Da kamen Rentner zu uns rüber. Daher hatten wir schon einen gewissen Austausch“, erinnert sich Hasse, „die haben bei uns immer eingekauft.“ Aus dieser Zeit hatte Hasse mehrfach Kontakt zu einem „Ministerialrat“. Drei Tage vor der Grenzöffnung habe dieser ihm angekündigt: „Mensch, bei uns ist irgendetwas los. Ich glaube die Grenze geht auf.“ „Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen“, erwiderte Hasse. Wenige Tage später wurde er selbst Augenzeuge: „Ich hatte doch überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich jemals da rüberkommen würde.“ Er habe noch nicht einmal die Namen der hinter der Grenze liegenden Dörfer gekannt.

Als dann die Grenze drei Kilometer von seiner Markt Apotheke aufgemacht wurde, „ging hier die Post ab“, erinnert sich Hasse. Gleich am Abend seinen Tausende DDR-Bürger nach Duderstadt gekommen. „Über Duderstadt wölbte sich eine riesige Rauchwolke von den Trabi-Motoren.“ Von der Grenze bis in die Stadt standen die Menschen Spalier und jubelten den DDR-Bürger zu. Mit den 100 D-Mark Begrüßungsgeld stürmten die DDR-Bürger am Abend zunächst in die Wirtshäuser, erinnert sich Hasse: „Die Stadt war voll, so voll wie nie und wie sie wahrscheinlich nie wieder sein wird.“

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