„Wir waren die letzte Apotheke vor der Mauer“

Oehmichens Apotheke: Goldene Jahre am Todesstreifen Tobias Lau, 08.11.2019 10:11 Uhr

Berlin - Freiheit, Einheit, Freudentaumel: Deutschland zelebriert den 30. Jahrestag des Mauerfalls und klopft sich auf die Schulter. Dass es mit der Wiedervereinigung auch für viele Menschen bergab ging, ist vor allem in der ehemaligen DDR Konsens. Aber auch westlich der Mauer wurde für manche nicht alles besser. Volker Hauffe betreibt seit fast 40 Jahren eine Apotheke in der Berliner Brunnenstraße. Bis zur Wiedervereinigung schaute er von der Offizin aus auf die Berliner Mauer. Und so komisch es klingt: Es waren goldene Zeiten für ihn. 

Die Bernauer Straße ist einer jener historischen Orte in Berlin. Fast jeder hat wohl schon einmal die Bilder vom Mauerbau gesehen, die dort geschossen wurden: von verzweifelten Menschen, die sich aus den Fenstern ihrer Wohnungen stürzen – denn die Häuser gehörten zur DDR, die Straße davor bereits zu Westberlin. Eine Ikone deutscher Geschichte ist auch das Foto des jungen DDR-Bereitschaftspolizisten Conrad Schumann, der in einer spontanen Entscheidung seine Maschinepistole wegschmeißt und über eine Stacheldrahtrolle in die Freiheit springt. Nicht zuletzt gingen einige der berühmten Fluchttunnel aus dem Osten in den Westen unter der Bernauer Straße hindurch. Mindestens zehn Menschen verloren bei dem Versuch, aus der sozialistischen Diktatur zu flüchten, an dem Straßenabschnitt ihr Leben.

Die historisch bedeutsamste Stelle der Bernauer Straße ist die Kreuzung mit der Brunnenstraße, an der sich heute die Gedenkstätte Berliner Mauer befindet. Nur 200 Meter die Straße hoch, in der Brunnenstraße 64, liegt Oehmichens Apotheke. Es ist auch heute noch eine dieser typischen Berliner Grenzregionen: Die Straße herunter liegt das hippe Mitte um den Rosenthaler Platz, geht man die Bernauer Straße nach Osten, beginnt nach wenigen Metern der Bionade-Biedermeier des Prenzlauer Bergs und fährt man die Straße hoch, landet man im Wedding, dem letzten Innenstadtviertel, das noch nicht gentrifiziert wurde. Als Volker Hauffe 1982 dort zu arbeiten begann, sah es im Brunnenviertel aber noch ganz anders aus.

Die Gegend passt zu ihm, Hauffe hat selbst eine deutsch-deutsche Biographie: Eigentlich stammt er aus dem Erzgebirge, zog aber mit 16 nach Westberlin. Seine Eltern waren noch kurz vor dem Mauerbau mit ihm geflüchtet. An der Freien Universität – gegründet 1948, weil die Humboldt-Universität von den kommunistischen Machthabern ideologisch auf Linie gebracht wurde – studierte er Pharmazie und begann 1982 in der Brunnenstraße zu arbeiten.

„Das war hier früher eine blühende Gegend“, erinnert sich Hauffe. Denn nach dem Mauerbau entstand ab den 60er Jahren um die Brunnenstraße herum das größte Stadterneuerungsgebiet Europas. Auf mehreren Quadratkilometern wurden Altbauten abgerissen und durch – damals – moderne Betonneubauten ersetzt, die bis heute das Straßenbild prägen. Im Schatten der Mauer entstand ein neues Viertel mit allem, was das Berliner Herz begehrt. „Wir hatten hier Blumenläden, Schreibwarengeschäfte, eine Berliner Bank, Zeitung und Lotto, Supermärkte – da war richtig viel los.“

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