aposcope-Umfrage

Apotheken und Wiedervereinigung: Jubel im Westen, Skepsis im Osten

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Berlin -

Für Westdeutsche hat sich fast nichts verändert, für Ostdeutsche fast alles: Was für die Gesamtgesellschaft gilt, spiegelt sich auch in den Apotheken. In einer aktuellen aposcope-Studie zeigen sich die Unterschiede in der Wahrnehmung der deutschen Wiedervereinigung unter west- und ostdeutschen Apothekenmitarbeitern. Es sind eher die Westdeutschen, für die die ehemalige Teilung keine Rolle mehr spielt. Das zeigt sich auch bei der Frage nach dem Solidaritätszuschlag.

82 Prozent der Apotheker und PTA in Westdeutschland sprechen sich für die Abschaffung des Solidaritätszuschlags aus. Unter ihren Kollegen in den einst als neue Bundesländer bezeichneten Regionen Deutschland sind es mit 62 Prozent hingegen deutlich weniger. Während eine erdrückende Mehrheit im Westen die Ergänzungsabgabe auf die Einkommens- und Körperschaftssteuer 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ablehnt, sehen viele im Osten in ihr noch ein probates Mittel, um nach wie vor bestehende Ungleichheiten und Benachteiligungen abzubauen.

Denn nach diesen Benachteiligungen befragt, dreht sich das Zahlenverhältnis. 83 Prozent der Befragten aus dem Osten sehen die neuen Bundesländer noch immer schlechter gestellt als die alten. Dort wiederum stimmt mit 51 Prozent der Befragten nur gut die Hälfte dieser Aussage zu. Für viele im Westen sind Wiedervereinigung und Ungleichheiten innerhalb Deutschlands schlichtweg weniger spürbar als für ihre ostdeutschen Mitbürger. Das spiegelt sich auch in der Aussage „Das Thema Ost-West spielt für mich keine Rolle“: Hier stimmten knapp 80 Prozent der westdeutschen Apothekenmitarbeiter zu, aber nur 58 Prozent der ostdeutschen. Denn auch beim Selbstverständnis gibt es nach wie vor Unterschiede: Nach der eigenen Identität gefragt, antwortete eine Mehrheit von 59 Prozent der 307 befragten verifizierten Apotheker und PTA, dass sie sich als „gesamtdeutsch“ verstehen – teilt man nach „Ossis“ und „Wessis“, zeigt sich aber, wo diese Mehrheit herkommt. Im Westen sehen sich 61 Prozent der Befragten als „gesamtdeutsch“, im Osten sind es mit 48 Prozent etwas weniger als die Hälfte.

Diese unterschiedlichen Wahrnehmungen spiegeln sich auch darin, worin Apotheker und PTA zuerst denken, wenn sie auf die deutsche Einheit angesprochen werden. Im Westen waren das am häufigsten die Bilder aus Berlin vom 9. November 1989: Jeder fünfte Befragte antwortete, nach Spontanassoziationen gefragt, mit dem Fall der Mauer. Unter den ostdeutschen Kollegen kommt der Mauerfall mit 12 Prozent erst auf dem zweiten Platz. Stattdessen antwortete mit 26 Prozent mehr als jeder Vierte von ihnen, das sie zuerst an Ungleichheiten und die langsame Anpassung der Lebensumstände denken – jubelnde Menschen im Westen, brachliegende Industrieanlagen im Osten.

Ebenfalls 12 Prozent der ostdeutschen Kollegen antworteten jeweils mit dem Begriff Wiedervereinigung oder mit „ungleiche Löhne“ auf die Frage nach der ersten Assoziation zur deutschen Einheit. Unter den Westdeutschen war der Begriff Wiedervereinigung mit 11,6 Prozent auf dem zweiten Platz – eng gefolgt vom Begriff Solidaritätszuschlag mit 11 Prozent auf Platz drei. Der schaffte es unter den ostdeutschen Kollegen gar nicht unter die zehn am häufigsten genannten Begriffe. Stattdessen taucht dort der für die westdeutschen Kollegen irrelevante Begriff „Reisefreiheit“ mit 6 Prozent auf. Dafür dachten ebenfalls knapp 6 Prozent der westdeutschen Kollegen zuerst an Helmut Kohl – der hatte es nicht in die Top 10 der ostdeutschen Apotheker und PTA geschafft.

Negative Assoziationen mit der Wiedervereinigung betreffen nicht nur eine gefühlte Ungleichbehandlung zwischen Ost- und Westdeutschen. Anscheinend vermissen viele ostdeutsche zumindest Teilaspekte des Lebens in der DDR. Mit 71 Prozent stimmten mehr als zwei Drittel der ostdeutschen Befragten der Aussage zu, dass bei der Wiedervereinigung viel verloren gegangen sei, was im Osten gut funktioniert hat. Unter den Westdeutschen sagt das mit 30 Prozent nicht einmal jeder Dritte. Allerdings hat auch nur ein knappes Sechstel der Befragten die Wiedervereinigung bereits als Apotheker oder PTA miterlebt.

Apotheker und PTA im Osten sehen die Wiedervereinigung also spürbar kritischer als ihre westdeutschen Kollegen. Das zeigt sich auch in den Antworten zu deren Stand: „Bis zur vollständigen Wiedervereinigung wird es noch einmal 30 Jahre dauern.“ Dieser Aussage stimmten mit 70 Prozent mehr als zwei Drittel der Ostdeutschen zu, aber mit 49 Prozent nur knapp die Hälfte der Westdeutschen. Auch wenn noch einige Unterschiede in der Selbstwahrnehmung bleiben – für die absolute Mehrheit der Apotheker und PTA sollen Ost und West enger zusammenwachsen. 92,2 Prozent aller Befragten stimmten der Aussage zu, dass wir endlich aufhören sollten, in Ost/West-Kategorien zu denken. Und auch wenn wegen der Covid-19-Pandemie große Massenfeste anlässlich des 30-jährigen Wiedervereinigungsjubiläums ausfallen, können Apotheker und PTA in Ost wie in West der Geschichte etwas für die heutige Zeit gewinnen: Über 80 Prozent sagten, dass es insbesondere in der aktuellen Situation wichtig sei, an die Einheit und die Gemeinschaft zu erinnern.

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