PKA lässt Firmen abblitzen

Neue Masche: Anbieter liefern Masken ohne Bestellung

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Berlin -

Einen unerwarteten Maskensegen hätten sich viele Apotheker wahrscheinlich im vergangenen Frühjahr gewünscht, als Persönliche Schutzausrüstung (PSA) teilweise sehr schwer zu beschaffen war. Mittlerweile hat sich die Marktlage beruhigt – dafür müssen Apotheken nun für die Nöte anderer Branchen herhalten. Mindestens zwei Unternehmen haben in den vergangenen Wochen unbestellt Pakete mit tausenden FFP2-Masken samt Rechnung an Apotheken versendet. Offenbar ist die Masche durchaus erfolgreich.

Viele Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen sind seit Beginn der Covid-19-Pandemie kreativ geworden, um Finanzlöcher zu stopfen und neue Einnahmequellen zu erschließen: Da haben Messebauer Apotheken mit Plexiglas ausgestattet, Tonanlagenanbieter lieferten die Gegensprechanlagen dafür und Schnapsbrenner unterstützten die Apotheken, als es kein Ethanol für die Desinfektionsmittelherstellung gab – alles jedoch auf Anfrage. Ein Werbemittel- und ein Textilunternehmen aus Ludwigsburg und aus Ottobrunn gehen nun einen anderen Weg: Sie senden Apotheken unaufgefordert tausende FFP2-Masken mit beigelegter Rechnung zu und hoffen, dass die einfach bezahlen oder sogar nachbestellen.

Manche Apotheker fühlen sich davon verschaukelt, Inhaberin Stefanie Graser aus Stuttgart beispielsweise. Sie hatte kurz vor Jahresende Pakete von beiden Unternehmen in ihrer Schwanen-Apotheke liegen. „Beim ersten dachte ich noch, das ist ja frech. Als dann am zweiten Tag das nächste Paket kam, dass sich das wohl etabliert“, sagt sie. 1200 Masken kamen vom Ludwigsburger Unternehmen MS-Print, 1500 von Master Dis aus Ottobrunn. Dass die Masken gar nicht bestellt worden waren, sei ihr im ersten Moment nicht einmal aufgefallen. „Wir waren erst gar nicht verwundert, denn wir bestellen bei mehreren Lieferanten“, sagt Graser. Erst ihre PKA Dzenita Berberowic fiel auf, dass die beiden Unternehmen nicht zu denen gehören. Also griff sie zum Telefonhörer.

„Die waren am Telefon schon sehr merkwürdig“, erinnert sich Berberowic. Es handele sich wohl um ein Missverständnis, sagte sie und fragte, was sie denn nun tun könne – entweder bezahlen oder die Masken zurücksenden, wurde ihr gesagt. Also bohrte sie nach, wie es dann zu der Lieferung kam. „‘Das macht ein Callcenter für uns‘, meinte er da. Als ich fragte, ob schon mehrere Apotheken angerufen haben, sagte er drei.“ Für Graser kam es jedoch nicht infrage, die unbestellte Ware anzunehmen, allein schon des mangelnden Vertrauens wegen, wie sie sagt.

„Die Preise waren in Ordnung, absolut marktüblich“, sagt sie. Beide Katons lagen jeweil bei knapp unter 1500 Euro. „Die Zertifikate haben wir uns gar nicht genau angeschaut, aber es war auf den ersten Blick nicht zu erkennen, ob das markttaugliche Ware ist“, erklärt sie. „Bei dieser unseriösen Vertriebsweise würde ich aber nicht davon ausgehen, dass die Lieferkette sauber und die Qualität verlässlich ist.“ Das sehen einige Kollegen offenbar anders, zumindest wenn man den Maskenversendern glaubt: Denn Graser ließ die Ware wieder abholen und nutzte die Gelegenheit für eine kurze Unterhaltung. „Der Mann, der die Masken abholte, sagte ganz offen: ‚Man muss ja irgendwie über die Runden kommen.‘“ Seiner Darstellung nach scheint das mit der Masche gut zu funktionieren: Viele Apotheken würden die Masken einfach bezahlen, einige hätten sogar nachbestellt.

MS-Print war auf mehrmalige schriftliche und telefonische Anfrage für eine Stellungnahme zu ihren Geschäftspraktiken nicht zu erreichen. Master Dis hingegen weist den Vorwurf zurück. „Das ist nicht unser Geschäftsmodell“, sagt Geschäftsführer Setfan Muckenhirn. Es müsse sich um ein Missverständnis handeln, entweder habe die Apotheke etwas beim Einkauf durcheinandergebracht oder das sei versehentlich an die falsche Adresse verschickt worden. Zumindest ersteres schließt Graser auf erneute Nachfrage aus: „Nein, das kann nicht sein – ich weiß doch, wo wir einkaufen!“ Ein Blick auf die Seite von MS-Print wiederum zeigt, dass sich das Werbemittelunternehmen offenbar mit der Pandemie ein zweites Standbein aufgebaut hat: Von der OP-Maske bis zum Desinfektionsmittelständer aus Metall ist dort allerlei Zubehör zu marktüblichen Preisen zu erhalten, darunter auch FFP2-Masken mit CE2163-Zertifizierung in unterschiedlichen Farben. Neben Werbemitteln vertreibt MS-Print hauptsächlich Event-Zubehör – wie 2020 für das Unternehmen lief, kann man sich allein daran schon ausmalen.

„Ich kenne viele aus der Veranstaltungsbranche und weiß, wie schlecht es denen geht, deshalb konnte ich auch nicht wirklich wütend sein. Die Not ist so groß, dass es manche mit allen Mitteln versuchen“, sagt Graser. Entsprechend habe sie zwar ihren Verband informiert, von möglichen rechtlichen Schritten aber abgesehen. „Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, das anzuzeigen. Aber was hätte ich davon? Viel wichtiger ist, das öffentlich zu machen und andere Apotheken zu warnen.“ Denn gerade in größeren Betrieben, ist sie sich sicher, rutsche solche Ware durchaus auch schon mal durchs Raster und wird dann einfach bezahlt. „Wenn aber der dritte Karton in der Apotheke steht, dann zeige ich die alle an!“

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