AvP-Pleite: Eine Apothekerin offenbart sich

„Ich werde die nächsten fünf Jahre kein Geld verdienen“

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Berlin -

Apothekerin Katrin Fischer* hat ihre Beißschiene durchgebissen. Die AvP-Pleite und ihre Folgen ihr Geschäft lässt sie auch nachts nicht los. Mit APOTHEKE ADHOC sprach sie sehr offen über ihre Gefühle: „Die Wut ist groß und der Zorn und die Ohnmacht. Und dass man so allein gelassen wird. Sorry für den harten Vergleich, aber mir kommt das vor wie im Mittelmeer: Man wartet, wie viele absaufen.“

Fischer, die eigentlich anders heißt, ist Anfang 40 und hat sich erst vor zwei Jahren selbstständig gemacht. Gleich drei Apotheken hat sie von ihrer ehemaligen Chefin übernommen, in einer war sie zuvor Filialleiterin. Den Kredit für das Warenlager muss sie innerhalb von fünf Jahren abzahlen. Das heißt: niedrige Zinsen, aber hohe Raten. „Wegen der Corona-Pandemie habe ich das Warenlager hochgefahren. Ich war mit meiner Liquidität schon so weit runter, wie ich es eben aushalten konnte. Und dann kam AvP.“

Im September hatte Fischer eine Woche Urlaub, die erste in diesem Jahr – dann kam der Anruf. Sie ist sofort nach Hause gefahren, hat „Beweise gesichert“, AvP gekündigt und sofort Kontakt zu einem neuen Rechenzentrum aufgenommen. Sie zählt zu den Apothekerinnen, die voll betroffen sind: Ihr Abschlag von 100 Prozent wäre am 15. September fällig gewesen, AvP schuldet Fischer mehr als 300.000 Euro. „Das ist wie bei einem Erdrutsch: Man steht falsch.“

72 Krankenkassen hat Fischer in den letzten Tagen angeschrieben, der Abrechnung von AvP widersprochen, mit ihrem Anwalt korrespondiert: „So geht es die ganze Zeit: Ich schreibe Briefe, ich reagiere den ganzen Tag.“ Sie will es unbedingt schaffen, schließlich trägt sie die Verantwortung für 30 Mitarbeiter. „Ich schufte 70 Stunden und nehme mir einen Tausender raus. Ich verdiene weniger als eine Putzfrau“, so Fischer.

Parallel verhandelt sie mit ihrer Bank. Noch hat die Inhaberin Hoffnung, einen neuen Kredit zu bekommen. „Mein Vorteil ist, dass ich noch jung bin.“ Aber die Bank müsse rechtlich zunächst von einem Totalverlust ausgehen. Nur welche Sicherheit soll sie bieten? „In meinem Fall wäre es ein alter Volvo und ein halbes Warenlager. Wichtig wäre, dass man nicht so auf der Bonität herumreitet.“

Fischer findet es ohnehin ungerecht, dass die Apotheken für den Schaden aufkommen sollen: „Der Staat muss die Sicherheit bieten. In die Rechenzentren sind wir reingepresst. Eigentlich sind wir keine freien Kaufleute.“ Sie büße für etwas, dass sie nicht verursacht habe. „Wenn ich einen Fehler mache, dann muss ich dafür einstehen, das finde ich vollkommen in Ordnung. Aber hier ist es doch anders: Wir haben die Zügel nicht in der Hand, um Fehler zu machen oder zu vermeiden.“

Vor allem gegen die Bankenaufsicht erhebt sie schwere Vorwürfe: „Die BaFin ist im Haus und der macht nachts noch irgendwelche Überweisungen?! Können die nicht ihren Job ordentlich machen?“ Sie passe doch auch auf, welche Arzneimittel sie den Patienten abgebe. „Wir Apotheker sind die Hüter der Gifte und die ‚Last line of defence‘“, so Fischer. Mit dieser Aufgabe im Gesundheitssystem verdienten die Apotheker besonderen Schutz, insbesondere bei Geldtransfers. „Und wenn die BaFin wie in diesem Fall in ihrer Kontrollaufgabe versagt hat, möge der Staat auch bitte dafür geradestehen und nicht ich!“

Auch von ihrem Großhändler ist Fischer total enttäuscht. Mit ihrem Ansprechpartner bei Phoenix habe sie zunächst schon alles besprochen gehabt, Zahlungstermine vereinbart und so weiter. „Aber dann habe ich im Notdienst einen Anruf von einer höheren Stelle bekommen und einen ganz anderen Vorschlag. Ich habe gesagt, dass das Rezeptenteignung wäre. Und dann hat mir Phoenix erklärt, sie würden mich dann nicht mehr beliefern. Okay, hab ich gesagt.“ Zum 1. November wechselt sie voll zu Gehe, die Stuttgarter waren bislang ihr Zweitlieferant.

AvP hat sie sich als Rechenzentrum seinerzeit nicht aktiv ausgesucht: „Ich habe einfach den Abrechner genommen, den meine Chefin vorher hatte.“ Fischer hatte keine Veranlassung, sich ein anderes Rechenzentrum zu suchen: AvP sei ein großer, am Markt etablierter Anbieter gewesen. Und mit dem Zusammenspiel mit der Software von ADG war sie voll zufrieden. Das hat sich in den vergangenen Wochen dramatisch verändert: „Ich weiß gar nicht, wohin mit meiner Wut“, so die Apothekerin.

Das Fiasko lässt sie an dem System der inhabergeführten Apotheke zweifeln: „Ich würde jedem, der jetzt anfängt Pharmazie zu studieren abraten, sich selbstständig zu machen.“ Denn die finanziellen Aussichten seien ohnehin nicht mehr gut: „Ein Apotheker ist heute nicht mehr reich.“ Fischers Resümee: „Wir werden das irgendwie schaffen. Aber ich werde die nächsten fünf Jahre kein Geld verdienen. Ich habe schon im Studium gelebt wie eine Maus. Das wollte ich eigentlich nicht mehr.“

(*Name von der Redaktion geändert)

 

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