Hausärzteverband: Praxen sollen Apotheken boykottieren

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Berlin -

Wo Apotheken gegen Grippe impfen wollen, rufen die Hausärzt:innen reflexartig nach dem Dispensierrecht. In Rheinland-Pfalz hat der Dauerstreit aber eine neue Dimension erreicht: Hier ruft die Vorsitzende des Hausärzteverbands ihre Kolleg:innen zum Boykott der teilnehmenden Apotheken auf.

Ab Herbst können auch die Apotheken in Rheinland-Pfalz ihre Kund:innen im Rahmen eines Modellprojekts gegen Grippe impfen. Die AOK hat dazu mit dem Landesapothekerverband einen Modellvertrag geschlossen, der eine Laufzeit von drei Jahren hat. Ziel ist es, durch die Ausweitung des Angebots die Impfquote zu verbessern.

Bei den Hausärzt:innen kommt der Vorstoß nicht gut an. Die Ursachen für die mangelhafte Impfquote lägen mitnichten in den Praxisstrukturen, kritisiert Verbandschefin Dr. Barbara Römer. Unfair sei einerseits die „über 30 Prozent höhere Vergütung für Apotheker“. Andererseits werde Apotheken die Möglichkeit eröffnet, „unabhängig von Stiko-Empfehlungen alle Personen ab 18 Jahren zu impfen, während die Ärzteschaft weiterhin an die Stiko gebunden ist und bei Nichtbeachtung sofort der Regress droht“. Auch in der Saison 2021/22 werde eine Grippeimpfung außerhalb der Stiko-Vorgaben nur über das für den Patienten aufwendige Ersatzverfahren – nämlich die Privatabrechnung – möglich sein, was für AOK-Versicherte die Bereitschaft für eine unkomplizierte Impfung in der Apotheke weiter erhöhen werde, so Römer.

„Auch von gesetzgeberischer Seite wurden bereits Pflöcke eingeschlagen, die Apotheker nach einer Schulung ermächtigen, Impfaufklärung, Impfung sowie gegebenenfalls eine Notfallintervention durchzuführen. Dies ist ein Schlag in das Gesicht eines jeden Einzelnen von uns, die wir uns durch sechs Jahre Studium und fünf Jahre Facharztweiterbildung gekämpft haben, bevor es uns erlaubt war, eigenverantwortlich auch nur eine einzige Impfung gegen Grippe zu applizieren.“

Römer fordert ihre Kolleg:innen auf: „Sprechen Sie jetzt mit Ihrer Apotheke vor Ort, ob Sie ein Impfangebot in der Apotheke wirklich mittragen können. Denken Sie bitte daran, dass Sie beispielsweise. die Möglichkeit haben, auch in anderen Apotheken Ihren Sprechstundenbedarf und alle Impfstoffe zu bestellen, und dergleichen mehr. Schulungen für Apotheken werden aus der Ärzteschaft gestemmt werden: Auch hier sollte jeder gut abwägen, inwieweit man aktiv an der Substitution unseres Berufsstandes mitwirken möchte.“

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