ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

Guerilla-Aktion: DocMorris warnt vor Noweda-Apotheken

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Berlin -

Guerillas sind voll im Trend, aber nicht die mit den Che-Guevara-Mützen: Von Guerilla Gardening bis Guerilla Marketing wird mittlerweile alles als asymmetrische Kriegsführung gebrandet, was sich ein bisschen vom Schema F abhebt. So wie die Protestaktion von Noweda gegen DocMorris am Mittwoch. Doch die Renegaten kommen nicht ungeschoren davon – das Imperium schlägt unerbittlich zurück.

Es war irgendwie ein komischer Vormittag für Apothekerin Irina Lekarnaya. An sich ja ganz nett: Normalerweise geben sich die Kunden die Klinke in die Hand, plötzlich aber hatte sie Zeit, sich auch mal um all die kleinen Alltagsaufgaben zu kümmern, die noch so anstehen. Wohl deshalb fiel ihr auch der Transporter nicht auf, der vor der Offizin im Parkverbot stand – bis PTA Beatrice eine beunruhigende Entdeckung machte: Den ganzen Morgen schon kommen Kunden auf die Offizin zu, bleiben kurz stehen, zücken ihr Handy, drehen sich um und verschwinden im verregneten Sommermorgen.

Zeit haben sie ja, also erlauben sie sich einen Blick – und können es nicht fassen! Da hat der Transporter doch tatsächlich auf der abgewandten Seite einen riesigen LED-Screen! Coole Technik eigentlich, aber was draufsteht: „Vorsicht! Infektionsgefahr! Gehen Sie nicht in die Apotheke, sondern bestellen Sie sicher bei uns. DocMorris.“ Doch wo ist der Fahrer? „Wie kriegen wir diese verfluchte Karre hier weg?“, entfährt es ihr, als ihr Handy klingelt. Kollegin Alev ist dran, die Filialleiterin ihrer zweiten Apotheke. „Du wirst es nicht glauben, aber hier steht…“, sagt sie und wird von Irina unterbrochen: „… ein Transporter vor der Apotheke, der die Kunden vor uns warnt.“ Also ruft sie direkt Michael an, den Filialleiter ihrer dritten Apotheke. „Micha, wie läuft’s bei euch?“, fragt sie ihn. „Ach, es geht, heute ist recht wenig los.“ Und auch er bestätigt: Vor der Apotheke steht ein Transporter mit DocMorris-Werbung. „Risikokontakt Apotheker: Nur wir ermöglichen echte Quarantäne!“, steht darauf.

Sichtlich mitgenommen lässt sich Lekarnaya drinnen in den Schreibtischstuhl sacken. „Warum wollen die ausgerechnet mich fertig machen? Weil ich keine Plattform-Partnerin werden wollte?“, fragt sie sich und merkt gleich, dass es daran nicht liegen kann: Angeblich verfolgt DocMorris doch gar nicht das Ziel, möglichst viele Apotheken auf seine Plattform zu ziehen. Und das kann sie sogar nachvollziehen, schließlich gibt es bald keinen alleinstehenden Versandapotheken-Webshop mehr – der steht dann auf der Plattform Augenhöhe mit den Partnerapotheken. Da fällt ihr ein: Ist sie überhaupt das einzige Opfer?

Also hört sich Lekarnaya ein bisschen um, und zwar bundesweit. Denn sie hat dank ihrer jährlichen Teilnahme an den identitätsstiftenden Noweda-Generalversammlungen einen enormen Freundeskreis im ganzen Bundesgebiet. Die Genossen sind eine eingeschworene Gemeinschaft, fast wie eine Guerilla-Einheit im bolivianischen Dschungel: Sie teilen nicht nur den festen Glauben an den Sieg, sondern auch das Leid auf dem Weg dahin. So auch heute: Am Telefon erzählen ihr alle dasselbe. Vor den Apotheken stehen Transporter mit fiesen Botschaften. „Anstehen und sich infizieren oder im Bett bleiben und bestellen? Sie haben die Wahl!“, steht da beispielsweise. Oder: „Wir haben zehn Millionen Deutschen geholfen, sich sozial zu isolieren. Und was macht ihr so, Vor-Ort-Apotheken?“

Das muss ein Großangriff auf die Vor-Ort-Apotheken-Branche sein, denkt sich Lekarnaya. Aber warum nur? Ein Verdacht drängt sich auf: DocMorris macht sich zum Handlanger der Ärzte! Der Kurpfuscherverband in Rheinland-Pfalz hatte doch erst diese Woche zum Apothekenboykott aufgerufen! Es macht sie traurig, denn hier vor Ort ist ihr Verhältnis zu den Ärzten doch wunderbar, wieso nur muss die Standespolitik das immer kaputtmachen? Wie so oft sind Emotionen aber kein guter Ratgeber, Vernunft sticht Bauchgefühl: Warum sollte DocMorris das machen? Wenn, dann sollen doch andere nach der Pfeife des Lieferleviathans tanzen und nicht umgekehrt.

Ist es vielleicht ein gesundheitspolitisches Revanchefoul? Da will DocMorris seit Jahren den Beweis antreten, dass man alles, wozu man früher eine echte Offizin brauchte, heute am Bildschirm machen kann – doch dann kriegen die Vor-Ort-Apotheken ausgerechnet die digitalste aller Digitalaufgaben: Sie dürfen digitale Impfzertifikate ausstellen. Und nicht nur die, sondern seit dieser Woche auch noch Impfzertifikate für Genesene. Und als würden die Karmapunkte für den Dienst an der Gemeinschaft nicht reichen, kriegen die auch noch Geld dafür! Dabei wurde ihnen gerade erst vom Bundesgesundheitsministerium versprochen, dass künftig für jedes Vial Corona-Impfstoff, das sie an die Ärzte versenden, noch ein kleines bisschen mehr Goldstaub rieselt. Sogar beim Angriff auf DocMorris‘ ureigenes Territorium erhalten die Apotheken nun Unterstützung: Jetzt werden selbst die HBA-Kosten für angestellte Approbierte erstattet, damit auch ja alle die E-Rezepte abgreifen können, die eigentlich den Versendern gehören.

„Wahnsinn, Apotheker müsste man sein! Zeit, dass Lauterbach übernimmt“, denkt sich der DocMorris-Chef wohl. Andererseits ist aber auch das Zertifikatsbusiness ein Minenfeld. Der Service ist kaum etabliert, da wirft die Wettbewerbszentrale schon wieder mit so sperrigen Begriffen wie „Zuweisungsverbot“ um sich. Bei den innovativen Geschäftsmodellen, die DocMorris kultiviert, kann da kein so großes Interesse herrschen, denkt sich Lekarnaya.

Da fliegen ihr plötzliche die Fehldrucke der Impfzertifikate um die Ohren. Himmel, hat sie sich erschrocken, als die Klingel sie aus der Gedankentiefe riss! Der Großhandel ist da: Nicht Noweda, sondern Sanacorp, aber nicht für Sanacorp, sondern für Pharma Mall, weil es das gesuchte Diabetesmedikament Januvia bei Sanacorp nicht mehr gibt, dafür aber bei Pharma Mall, die es aber bei Sanacorp lagern, wo es das ja nicht mehr gibt. Ja, das geht jetzt und soll es den Apotheken einfacher machen, an das gelagerte, aber nicht verfügbare Medikament zu kommen. „Das ist doch nur wieder so eine Großhandelskabale, bei der niemand mehr durchblickt. Genau wie bei Phoenix, die jetzt von McKesson das Erbe ihres einstigen Konkurrenten Celesio gekauft haben, aber nur das europäische, nicht das deutsche, das zwar Gehe und Alliance heißt, aber trotzdem weiter Walgreens und McKesson gehört“, ratterte es in Lekarnayas Hirnkasten. „Warum gibt es nicht einfach eine Januvia-Agentur?“, fragt sie sich. Cannabis kann sie jetzt schließlich auch ganz unkompliziert über die Cannabis-Agentur beziehen und kriegt dort sogar deutsche Ware.

Aber deutsche Ware und europäische Kabale hin oder her, der Transporter hat ihr die Laune verdorben. Und das lässt sie den armen Großhandelsmann auch direkt wissen. „Das kannst du gleich wieder mitnehmen. Heute kommt hier eh keiner mehr“, fährt sie den Fahrer an. „Bitte was?!“, fragt er ganz verdutzt zurück, als Lekarnaya ihm von der Aktion vor der Apotheke erzählt. „Ach so, das meinen Sie. Tja, wie man in den Wald hineinruft…“, setzt er an, um sofort an ihrem Blick zu erkennen, dass sie gar nicht weiß, was er meint. „Die Dinger stehen doch nur vor den Apotheken, die bei der Noweda sind. Haben sie denn noch nichts von der Aktion der Großhandels-Guerilla am Mittwoch gehört?!“ Lekarnayas Woche war damit gelaufen, aber hoffentlich verdirbt Ihnen niemand so sehr die Laune. Haben Sie ein schönes Wochenende!

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