Die meisten Bürgerinnen und Bürger fürchten eine spürbare Verschlechterung der hausärztlichen Versorgung infolge der Sparreform. „Die Sparreform kürzt massiv in der hausärztlichen Versorgung“, warnen die Bundesvorsitzenden des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Dr. Markus Blumenthal-Beier und Professor Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth. Der Bund müsse seinen Kurs dringend korrigieren.
Am Sonntag ist in Sachsen-Anhalt mit der AfD eine rechtsextreme Partei stärkste Kraft geworden. In ihrem Wahlprogramm hetzte die AfD ganz offen insbesondere auch gegen ausländische Ärztinnen und Ärzte. Im Parteiprogramm argumentierte die AfD mit Sprachbarrieren und über angeblich kulturell nicht zugehörige Ärzte, die ein Problem für die Versorgung darstellen würden. Die AfD verwendete den Begriff „Importärzte“. „Die Kurzversion von all dem ist Rassismus – wir stehen hinter unseren Kolleginnen und Kollegen, die die Versorgung da vor Ort sicherstellen“, stellte Blumenthal-Beier klar. Auch die von der AfD geschürten Ängste vor der Wissenschaft, insbesondere vor dem Impfen, kritisierte der Verbandschef. „Das ist gegen unsere Werte als Verband.“
„Wir sind in unseren Praxen durchgeschüttelt und die Situation ist unübersichtlich“, so Blumenthal-Beier. Gleichzeitig gebe es einen riesigen Widerspruch, „nämlich dass in den Reformprojekten, die eigentlich noch gar nicht angegangen wurden, sondern jetzt in der Diskussion oder auf dem Weg sind, immer mehr Aufgaben auf die hausärztlichen Praxen zu verteilen sind, wie in der Notfallversorgung oder in der Primärversorgung“, so der Ärzte-Chef weiter. Es gebe Anzeichen, dass die Regierungskoalition hinsichtlich der Sparreform nachbessern wolle bei Haus-, Kinder- und Jugendärzt:innen. Das sei ein ganz wichtiges Zeichen.
„Die Menschen spüren was passiert – und sie ziehen daraus politische Konsequenzen“, sagte Buhlinger-Göpfarth. Eine Umfrage im Auftrag des Verbandes im August hat 500.000 Bundesbürger befragt. Demnach gaben 44 Prozent an, dass sich die hausärztliche Versorgung in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert habe. Dabei gebe es regionale Unterschiede. So seien es in Bayern rund 40 Prozent, in Sachsen-Anhalt dagegen 55 Prozent, im Saarland sogar 58 Prozent. Der Druck sei dort am größten, wo die Bevölkerung tendenziell älter ist und die Wege weiter sind.
Durch das Spargesetz erwarteten fast alle Befragten eine weitere Verschlechterung der Situation. So würden 62 Prozent mit längeren Wartezeiten rechnen. 60 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass ihr Arzt in der Folge weniger Zeit habe. Nur rund 6 Prozent gingen nicht von einer Verschlechterung aus. Die hausärztliche Versorgung habe außerdem für rund 81 Prozent einen entscheidenden Einfluss auf die Lebensqualität.
Auch beim Wahlverhalten spiele die hausärztliche Versorgung eine Rolle: 51 Prozent gaben an, dass die Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung die Wahlentscheidung beeinflusse.
Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) müsse nun sechs Maßnahmen umsetzen, um die hausärztliche Versorgung künftig sicherzustellen. So müsse er das Primärversorgungssystem etablieren. Dabei müssten auch die Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung (HZV) gestärkt werden. „Sollten die Kassen, die die HZV angreifen, Gehör finden, dann werden unsere Proteste weitergehen und es wird auch zu Praxisschließungen kommen“, kündigte Blumenthal-Beier an.
Außerdem müssten die „Versorgungsbremsen“, wie die Rückabwicklung der Entbudgetierung, aus dem Spargesetz gestrichen werden und der Entwurf für eine neue Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) erlassen werden. Der Verband fordert zudem eine bessere Regulierung von investorengeführten Medizinischen Versorgungszentren (iMVZ) und die Einführung von Bagatellgrenzen bei Regressen. Zuletzt müssten die geplante AU-Pflicht ab Tag 1 und die Streichung der Telefon-AU verworfen werden.
„Wir sprechen von einem hausärztlichen Primärversorgungssystem“, stellte Blumenthal-Beier auf Nachfrage klar. Mit Blick auf das Häppi-Konzept sehe man, dass Praxen zukünftig mehr leisten können. „Wir brauchen dann natürlich auch andere Berufe mit drin“, erklärte er weiter. Um aber ein Primärversorgungssystem aufzusetzen, das für die Menschen tatsächlich messbar effektiver ist, brauche es als Grundlage eine Kontinuität in der Behandlung. Es müsse abschließend behandelt werden können.
„Sie werden ein System schrotten, wenn Sie ganz viele neue Zugänge schaffen, die aber die Leute nicht weiter behandeln können“, betonte Blumenthal-Beier. In den Praxen könnten rund 80 Prozent der Behandlungsanlässe abgearbeitet werden.
„Wenn Sie lauter Türen aufreißen und die Menschen dort dann nur ein Angebot bekommen und sofort weitergeschickt werden müssen, weil die Behandlung dort nicht weitergeführt werden kann, dann wird es noch mehr Termine geben“, warnte er. Man könne nicht jedem Versprechungen machen. „Am Ende haben wir dann mehr Chaos und weniger Versorgung.“
APOTHEKE ADHOC Debatte