Zunehmend werben ausländische Versender mit eigentlich in Deutschland rechtswidrigen Zuzahlungserlässen um Kunden – ein klarer Wettbewerbsvorteil gegenüber den Vor-Ort-Apotheken, schreibt Zafer Arslan in einem Brief an den neuen Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU). Dadurch wachse der Druck auf die Branche weiter: „Es ist kurz vor zwölf – es muss dringend gehandelt werden“, betont der Apotheker in seinem Schreiben.
Die Vor-Ort-Apotheken in Deutschland stünden bereits heute unter enormem wirtschaftlichem Druck. Gleichzeitig werben laut Arslan ausländische Versandapotheken zunehmend mit massiven Rabatten und der faktischen Übernahme von Zuzahlungen bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln.
„Aktuell wird sogar offensiv damit geworben, dass Patientinnen und Patienten bei bestimmten Angeboten trotz einer möglichen Erhöhung der gesetzlichen Zuzahlung ab 2027 diese nicht selbst tragen müssten“, erklärt der Apotheker. Damit entstehe ein Wettbewerbsvorteil, mit dem eine inhabergeführte deutsche Apotheke nicht annähernd mithalten könne. „Die Frage ist nicht, ob Wettbewerb stattfinden soll. Die Frage ist, ob dieser Wettbewerb noch fair ist“, so Arslan.
Die gesetzliche Zuzahlung sei schließlich nicht ohne Grund Bestandteil des Gesundheitssystems. Sie habe neben der finanziellen auch eine Steuerungs- und Lenkungsfunktion. „Wenn diese durch aggressive Bonus- und Rabattmodelle faktisch ausgehebelt wird, entstehen Fehlanreize“, warnt der Apotheker.
Zumindest bestehe die Gefahr, dass Patienten Arzneimittel leichter und möglicherweise auch in größerem Umfang nachfragen und sich diese verschreiben lassen, wenn für sie die finanzielle Eigenbeteiligung entfällt. Gleichzeitig gehe die wichtige Lotsen- und Beratungsfunktion der Vor-Ort-Apotheke zunehmend verloren.
„Für uns als Apotheker ist diese Entwicklung bereits Realität: Wir verlieren täglich Umsatz und Kundschaft!“
Gleichzeitig steigen zudem die Betriebskosten in den Apotheken. „Während wir vor Ort hohe Personal-, Miet-, Energie-, Lager- und Betriebskosten tragen und gleichzeitig zahlreiche gesetzliche Verpflichtungen erfüllen müssen, können große Versandkonzerne mit erheblichen finanziellen Mitteln um Marktanteile kämpfen“, betont der Inhaber.
Problematisch ist diese Entwicklung allerdings nicht nur für die Betriebe. Denn wenn Arzneimittelumsätze zunehmend zu ausländischen Unternehmen abwandern, verliere Deutschland Wertschöpfung und Steuereinnahmen. Auch Städte, Gemeinden und Kommunen seien betroffen. „Schließende Apotheken bedeuten weniger Arbeitsplätze, weniger lokale Kaufkraft und weniger wirtschaftliche Aktivität – und damit auch weniger kommunale Einnahmen, unter anderem aus der Gewerbesteuer“, erklärt der Apotheker.
„Hinzu kommt ein weiterer, häufig unterschätzter Effekt: Das Apothekensterben beschleunigt die Verödung unserer Innenstädte“, so Arslan. Eine Apotheke sei Teil einer funktionierenden Innenstadtstruktur und Menschen, die wegen der Apotheke in die Stadt kommen, würden ihren Besuch häufig mit weiteren Einkäufen oder Erledigungen verbinden. „Wenn Apotheken, Geschäfte und andere Dienstleister nach und nach verschwinden, sinkt die Kundenfrequenz und die gesamte Innenstadt verliert an Attraktivität.“
Besonders besorgniserregend sei, dass einmal geschlossene Apotheken nicht kurzfristig ersetzt werden könnten. Damit werde nicht nur ein Geschäft aufgegeben, ein Teil der medizinischen Infrastruktur vor Ort ginge unwiederbringlich verloren.
„Ich bitte Sie daher eindringlich, diese Entwicklung auf Bundesebene zu prüfen und Maßnahmen gegen Wettbewerbsverzerrungen durch aggressive Rabatt- und Bonusmodelle ausländischer Versandapotheken zu ergreifen. Wir möchten keinen Schutz vor Wettbewerb. Wir möchten faire Wettbewerbsbedingungen“, appelliert der Apotheker.
Es müsse geprüft werden, ob die derzeitigen Rahmenbedingungen noch geeignet seien, einen fairen Wettbewerb und gleichzeitig die flächendeckende Arzneimittelversorgung sicherzustellen.
Denn schlussendlich gehe es nicht nur darum, wo ein Patient seine Arzneimittel bestellt, sondern ob Deutschland auch morgen noch ein flächendeckendes, wohnortnahes und persönlich erreichbares Apothekensystem haben werde.
Viele Apotheken seien wirtschaftlich bereits an ihrer Belastungsgrenze. „Es ist kurz vor zwölf. Bitte handeln Sie, bevor aus dem Apothekensterben ein Versorgungsproblem wird.“