Rüddel: Apotheken sollen Cannabis verkaufen | APOTHEKE ADHOC
International Cannabis Business Conference

Rüddel: Apotheken sollen Cannabis verkaufen

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Berlin -

Apotheken sollten schon einmal überlegen, ob sie sich künftig an Modellprojekten zur Abgabe von Cannabis beteiligen würden. Denn nicht nur der Reformdruck bei der Regulierung von medizinischem Cannabis ist ungebrochen hoch, auch die Legalisierung des Freizeitkonsums hat jenseits der CDU/CSU eine parlamentarische Mehrheit. Das Thema dürfte also bei den nächsten Koalitionsverhandlungen auf den Tisch kommen – und Modellprojekte zur Abgabe in Apotheken ein wahrscheinlicher Kompromiss sein, falls die Union beteiligt ist, erklärt der Vorsitzende des Bundesgesundheitsausschusses, Erwin Rüddel, gegenüber APOTHEKE ADHOC. Was der Cannabismarkt in der nahen Zukunft von der Politik zu erwarten hat, diskutiert Rüddel mit den Vertretern der anderen Bundestagsparteien kommende Woche bei der International Cannabis Business Conference (ICBC) in Berlin.

Die Forderung nach einer Legalisierung von Cannabis zum Freizeitkonsum erhält seit Jahren kontinuierlich mehr Unterstützer, neben FDP, Grünen, Linken sind mittlerweile auch große Teile der SPD für eine Freigabe. Nur die Unionsparteien stellen sich gegen eine Neuausrichtung. „Man bewegt sich auf unserer CDU/CSU-Seite nicht wie die anderen Parteien, sondern wir stehen mit unserer Haltung zu dem Thema etwas solitär“, räumt Rüddel ein. Er selbst war vor drei Jahren der erste hochrangige Unionsparlamentarier, der sich bei dem Thema aus der Deckung gewagt hat: Er forderte, die Freigabe in Form von Modellprojekten zu erproben, bei denen Apotheken den Freizeitkonsumenten Cannabis von kontrollierter Qualität verkaufen und das Angebot mit Präventions- und Beratungsangeboten verknüpfen.

Das Thema geriet mit der Coronapandemie etwas in den Hintergrund, Stillstand herrschte jedoch keineswegs. Erst im Juli verklagte der rot-rot-grüne Berliner Senat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf die Erteilung der Genehmigung für ein solches Modellprojekt mit 20 Apotheken und 349 registrierten Teilnehmern in der Hauptstadt, nachdem die Bonner Behörde das zweimal verweigert hatte. Auch politisch ist also noch Musik drin und in gut einem Monat wird ein neuer Bundestag gewählt. Deshalb würde es mich wundern, falls das Thema bei den Koalitionsverhandlungen nach der bevorstehenden Bundestagswahl nicht auf den Tisch käme“, sagt Rüddel. „Würde die Union mit zwei weiteren Parteien verhandeln, stünde es 2:1 bei dem Thema. Deshalb glaube ich, dass solche Modellprojekte ein denkbarer Kompromiss wären.“

Rüddel als führender Gesundheitspolitiker seiner Fraktion würde dem nicht im Weg stehen, an seiner Haltung hat sich nichts geändert. „Beim Thema Legalisierung werden seit Jahren dieselben Argumente ausgetauscht und es kommt nichts Neues“, sagt er. „Meiner Meinung nach müsste man deshalb einen Schritt weiter gehen und die Freigabe im Rahmen eines Modellprojekts erproben, um entweder eine Bestätigung für die Vorbehalte zu bekommen oder aber dafür, dass man die Dinge doch etwas anders angehen sollte als es heute der Fall ist.“ Dabei plädiere er allerdings für genau definierte Rahmenbedingungen.

„Auf jeden Fall könnte ich mir vorstellen, dass man ein solches Projekt in einer gut ausgesuchten Region mit einem definierten Kreis Zugangsberechtigter umsetzt und die Abgabe mit Suchtprävention und Beratung verbindet“, so Rüddel. Wichtig sei dabei, dass der THC-Gehalt des vertriebenen Cannabis kontrolliert wird. „Das größte Problem, das ich sehe, ist die Einbindung der 15- bis 18-Jährigen. Diese dürften natürlich kein Cannabis zum Konsum legal erwerben, allerdings ist genau diese Gruppe diejenige, bei der die Präventionsarbeit am wichtigsten ist und müsste dementsprechend bei der Evaluierung berücksichtigt werden.“ Die Abgabe müsse also an strenge Qualitätskriterien und professionelle Gesundheitsberatung gekoppelt sein – nicht zuletzt deshalb werde an den Offizinen kein Weg vorbeiführen. „Ein solches Modellprojekt wird nicht ohne Apotheken funktionieren“, so der 65-Jährige.

Das heiße jedoch mitnichten, dass sich jede Apotheke bereits auf einen neuen Geschäftsbereich einstellen müsse. Er könne nachvollziehen, „wenn Apotheker sagen, dass sie sich nicht für die Abgabe von Freizeitdrogen zuständig sehen, sondern mit medizinischem Cannabis schon genug zu tun haben. Es muss aber auch nicht jede Apotheke mitmachen“, sagt Rüddel. Unter Apothekern wird das Thema kontrovers diskutiert, für Abgabe und Kontrolle anderer Suchtmittel wie Alkohol oder Nikotin sind sie schließlich auch nicht zuständig. Ohnehin werden die meisten Apotheken wohl noch Zeit haben, sich eine abschließende Meinung zu bilden, denn allzu schnell wird es sowieso nicht gehen. „In zwei Jahren kriegt man so etwas allerdings nicht hin“, sagt Rüddel. „Man müsste ein Modellprojekt konzipieren, ausrollen, durchführen und auswerten. Ich halte es für realistisch, dass dies in der nächsten Legislaturperiode geschieht und in der übernächsten ein Gesetz dazu kommt.“

Er sieht die Frage jedoch im größeren Kontext des strukturellen Wandels im Gesundheitswesen: „Ich glaube, dass wir generell im Gesundheitssystem über eine Delegation und Substitution von Aufgaben reden müssen und da werden wir in der nächsten Legislaturperiode noch wichtige Diskussionen führen.“ Er sei beispielsweise ein großer Befürworter von Impfungen in Apotheken und sehe, welche wichtige Rolle sie für den Erhalt der Gesundheitsversorgung vor allem im ländlichen Raum spielen. „Insgesamt sehe ich für die Apotheken eine große Zukunft“, so Rüddel.

Dafür muss aber noch an vielen Stellschrauben gedreht werden, nicht zuletzt auch beim Thema Medizinalcannabis. Seit fast dreieinhalb Jahren ist dessen Abgabe und Vertrieb nun gesetzlich geregelt, der Versorgungsbereich ist aus den Kinderschuhen gewachsen und die Zahl der Patienten in Cannabistherapie steigt seit März 2017 genauso kontinuierlich wie die Menge des importierten und verbrauchten Cannabis. Mit dem durch das BfArM lizenzierten Anbau und Vertrieb für den inländischen Verbrauch geht Deutschland hier einen Sonderweg – andere Länder betreiben Cannabisagenturen nur für den Export, der hierzulande wiederum verboten ist.

An der Basis wiederum schlagen sich die Apotheken mit teils unnötiger, teils kontraproduktiver Bürokratie herum – so muss trotz obligatorischer GMP-Zertifizierung in jedem Betrieb eine erneute Ausgangsstoffprüfung durchgeführt werden, deren Vorgaben sich noch dazu je nach Bundesland (und teilweise sogar auf Ebene der Regierungsbezirke) im Detail unterscheiden. Einheitlich, aber zu eng gefasst sind wiederum die Regelungen der Cannabis-Monographie, die aus Sicht vieler spezialisierter Apotheker verhindert, das weitere und innovativere Darreichungsformen Einzug in den Versorgungsalltag halten. Und da ist noch gar nicht diskutiert, welche fragwürdigen Auswirkungen das Vorabgenehmigungsrecht der Kassen samt Prüfung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen (MDK) auf die Therapiefreiheit der Ärzte und den Zugang zum Arzneimittel Cannabis hat.

Auch Rüddel sieht da noch Nachbesserungsbedarf: „Bei der Regulierung von medizinischem Cannabis wird es zukünftig sicherlich noch Diskussionsbedarf geben.“ Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass sich Cannabis als Medizin in der Versorgung etabliert hat, ohne dass es zu größeren Problemen kam, eine Entbürokratisierung wäre deshalb ein gangbarer Weg. „Wir sammeln mit medizinischem Cannabis aus deutschem Anbau erste Erfahrungen und mein Eindruck ist, dass immer mehr Medizinalcannabis angewandt wird. Also muss man die Rahmenbedingungen anpassen und die Anbaumöglichkeiten ausbauen“, sofert er. Die Pandemie habe gezeigt, „dass wir in vielen Sachen wieder unabhängiger werden müssen. Das gilt auch in diesem Bereich.“

Daneben müsse aber auch bei den Heilberuflern selbst angesetzt werden. Er halte eine verstärkte Aufklärung für wichtig, damit Medizinallcannabis stärker als bisher in die Behandlung einfließen kann, so Rüddel. „Ich glaube, da gibt es noch Abwehrreflexe. Das verhindert, dass man die Chancen von Medizinalcannabis voll ausnutzt.“ Auch in die Forschung müsse mehr investiert werden, um pharmazeutische Potentiale der Cannabispflanze besser nutzen zu können.

Davon, welchen Schwierigkeiten Apotheken und Hersteller in der Praxis gegenüberstehen, kann sich Rüddel kommende Woche Donnerstag und Freitag selbst ein Bild machen: Bei der International Cannabis Business Conference in Berlin, Europas größter Fachmesse für die Cannabisindustrie, werden über 60 Speaker aus Politik, Wirtschaft, Medizin und Pharmazie nicht nur den aktuellen Stand des Marktes und seiner Regulierung analysieren, sondern auch einen Ausblick wagen, worauf sich Apotheken, Ärzte, Patienten und Hersteller nach der Bundestagswahl einstellen müssen. Rüddel wird unter anderem mit Burkhard Blienert (SPD), Werner Graf (Grüne), Wieland Schinnenburg (FDP), Niema Movassat (Linke) und dem Vorsitzenden des Branchenverband Cannabiswirtschaft, Jürgen Neumeyer, über die Zukunft der Cannabisregulierung nach den Bundestagswahlen diskutieren.

Auch Apotheke und Pharma sind ebenfalls prominent vertreten: Melanie Dolfen, Inhaberin der Bezirksapotheke in Berlin, Florian Heiman, Filialleiter der Apotheke Lux99 in Hürth und Mitgründer von Cannabis-Apotheke sowie Sita Schubert, Generalsekretärin der European Medicinal Cannabis Association (EUMCA) über Regulierung, Reformbedarf und wirtschaftliche Perspektiven der Cannabisversorgung in der Apotheke debattieren. Becanex-Geschäftsführer Sebatian Kamphorst, Jan Witte, Medical Director von Vayamed und Boštjan Jančar, Chief Technology Officer von Pharmahemp, werden über die Entwicklung und die Schieflage auf dem CBD-Markt reden. Panels zu den GMP-Richtlinien, der Novel-Food-Verordnung, Fort- und Weiterbildungen zu medizinischem Cannabis, dem regulatorischen Umfeld, in dem sich die Hersteller bewegen, sowie die Großhandelsstrukturen in Deutschland werden durch Keynotes von Branchengrößen abgerundet. Unter anderem klärt Peter Homburg, Vorsitzender der European Cannabis Group, über den aktuellen Stand der europäischen Cannabisregulierung auf und die Fachanwältin Margret Knitter über die Herausforderungen bei Markenschutz- und Werberecht im Cannabis- und CBD-Vertrieb. Die Konferenz findet am 26. und 27. August im Berliner Vienna House Andel’s statt, letzte Tickets sind hier noch erhältlich.

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