Gesundheitsweise: Vor-Ort-Versorgung ist Trumpf | APOTHEKE ADHOC
Lob für Praxen und Apotheken

Gesundheitsweise: Vor-Ort-Versorgung ist Trumpf

, Uhr aktualisiert am 19.01.2023 13:46 Uhr
Wie kann das Gesundheitswesen auf künftige Krisen vorbereitet werden?
Berlin -

Kliniken am Limit, Praxen und Apotheken im Dauereinsatz: Die Corona-Pandemie stellte auch die Leistungserbringer vor große Herausforderungen. Dennoch hat der Sachverständigenrat „Gesundheit und Pflege“ das Gesundheitswesen als „behäbiges Schönwettersystem“ kritisiert. Auf Nachfrage ruderte der Vorsitzende zurück: Gerade die kleinteiligen und in der Vergangenheit oft kritisierten ambulanten Versorgungsstrukturen hätten Schlimmeres verhindert.

Deutschland sei weiterhin nicht gut gewappnet, da man aus den aktuellen Krisen nicht die notwendige Schlüsse ziehe, so der Vorsitzende des Sachverständigenrats, Professor Dr. Ferdinand Gerlach. „Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Daten- und Umsetzungsdefizit.“ Insbesondere im Klinikbereich sei dringend ein Strukturwandel erforderlich, doch auch insgesamt sei man weder auf Klimaereignisse noch auf Pandemien so gut vorbereitet, wie gemeinhin angenommen werde. „Das Gesundheitswesen ist ein hochkomplexes, behäbiges Schönwettersystem“, so Gerlach. Das Ergebnis sei oft schlechter, als es der hohe Mitteleinsatz erwarten lasse.

Auf Nachfrage, welche konkreten Versäumnisse er den Mitarbeiter:innen in Arztpraxen und Apotheken vorwerfe, die seit zwei Jahren unter großem Einsatz die Versorgung gesichert hätten, ruderte Gerlach – von Hause aus selbst Mediziner – zurück: Gerade das dezentrale System der ambulanten Versorgung sei in der Pandemie eine große Stärke gewesen und ein Vorteil gegenüber anderen Ländern. Da viele Corona-Patienten ambulant versorgt werden konnten, seien die Kliniken nicht zu Hotspots geworden wie etwa in Bergamo.

Das Problem sei vielmehr, dass auch die Praxen und Apotheken allzu oft alleine gelassen worden seien. Mitunter hätten sie erst aus der Zeitung erfahren, was sie eigentlich machen sollten, während die Patientinnen und Patienten schon „auf der Matte“ gestanden hätten. „Schutzmasken musste man sich am Anfang im Baumarkt besorgen, weil es keinerlei Vorräte gab. Die Kommunikation auch in Richtung Heilberufe muss dringend verbessert werden.“

Lagerhaltung in Apotheken

Professor Dr. Wolfgang Greiner kritisierte, dass der ambulante Bereich derzeit noch nicht einmal in den Pandemieplänen berücksichtigt werde. „Das muss sich dringend ändern, denn man muss für Krisen rechtzeitig die Strukturen schaffen und die Zuständigkeiten auch regelmäßig üben können.“

Der Sachverständigenrat schlägt daher nicht nur die Lagerhaltung von Schutzausrüstung vor, sondern auch eine dezentrale Arzneimittelreserve, die nicht in Höhlen und Lagerhallen verfällt, sondern regelmäßig ausgetauscht wird. Und das sollte auch kontrolliert und sanktioniert werden – bis hin zum Entzug der Betriebserlaubnis bei Nichterfüllung. „Das geht nicht durch allgemeine Empfehlungen“, so Greiner.

Lockerungen bei Rabattverträgen

Auch die Lieferketten müssten dringend diversifiziert werden, Stichwort Lieferengpässe. Die Pläne von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) gingen in die richtige Richtung. Noch gebe es aber keinen Gesetzentwurf, und langfristig dürfe man es nicht bei den wenigen Gruppen belassen, sondern müsse nach und nach alle wichtigen Präparate berücksichtigen. Ausschreibungen gestaffelt nach Ländergruppen seien richtig, man dürfe aber nicht nur im europäischen Maßstab denken, sondern brauche einen globaleren Ansatz.

Ansonsten erneuerte der Sachverständenrat seine Kritik an der fehlenden Digitalisierung im Gesundheitswesen und am falschen Datenschutzverständnis. Professor Dr. Petra Thürmann erklärte beispielhaft, dass man für Klimaereignisse Echtzeitdaten zur Auslastung der Notaufnahmen mit Daten des Wetterdienstes verknüpfen müsse. Community Health Nurses oder auch Nachbarn könnten dann alte Menschen über die Risiken informieren. Bei Verknüpfung mit der elektronischen Patientenakte (ePa) könnten dann Risikofaktoren berücksichtig werden und relevante Medikamente dann in der Dosis angepasst oder ganz abgesetzt werden. Sie fordert eine schnelle Umsetzung eines Gesundheitsdatennutzungsgesetzes.

Das Gutachten wurde heute an Bundesminister Karl Lauterbach (SPD) übergeben. Das nächste Mal werden andere Experten ihre Reformvorschläge zu Papier bringen, denn die Berufung des amtierenden Sachverständigenrats läuft Ende Januar ab. Gerlach, Thürmann und Greiner treten nicht noch einmal an.

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