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Dorfchemnitz

Apotheker Fiedler: AfD ist normale Partei

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Berlin -

Bundesweit hat die sächsische Gemeinde Dorfchemnitz nach der Bundestagswahl große Aufmerksamkeit erfahren. Dort haben 47,4 Prozent der Wahlberechtigten der AfD ihre Stimme gegeben – mehr als anderswo in der Republik. Was bewegt die Menschen in diesem Ort und darüber hinaus? In ganz Sachsen verlor die CDU dramatisch, musste Wahlkreise an die AfD abgeben. Apotheker Frank Fiedler aus der Adler-Apotheke im benachbarten Mulda kennt den Grund: „Die Sorge vor Entfremdung mit einer Erstarkung des Islam hat die Menschen hier umgetrieben.“ Dabei liegt der Ausländeranteil in Dorfchemnitz bei lediglich 0,4 Prozent. Eine Spurensuche.

Mitte September erreichte der Wahlkampf auch die 1500-Seelen-Gemeinde im südlichen Sachsen. Weder die CDU war nach Dorfchemnitz gekommen noch die SPD. Aber Frauke Petry von AfD machte Halt in der Gemeinde. Entsprechend gut besucht war die Veranstaltung. Über die Flüchtlingskrise musste sie gar nicht sprechen. Aber eindringlich erinnert hat sie daran, was Deutschsein ausmacht, und ans Zusammengehörigkeitsgefühl appelliert hat sie auch.

Fiedler glaubt, dass Petrys Auftritt in Dorfchemnitz dafür gesorgt hat, dass die AfD hier noch mehr Stimmen erhalten hat als anderswo in Sachsen: „Die Menschen machen sich Gedanken über die Zukunft. Und wenn die anderen Parteien nicht kommen und darauf eingehen...“ Und die CDU habe den Bürgern in den letzten Jahren zu viel zugemutet: „Die haben die Energiewende nicht verstanden, die Eurokrise auch nicht“, erzählt Fiedler. „Angela Merkel hat zu viele Positionen geräumt.“

Und wenn die Bürger aus der Region mal nach Berlin oder in andere Großstädte reisten und die multikulturellen Gesellschaften dort wahrnähmen, kämen sie zurück mit dem Eindruck: „Parallelgesellschaften wollen wir hier nicht.“ Viele Bürger habe auch verärgert, dass die AfD nur auf ihre Ausländerpolitik reduziert worden sei.

„Da versuchen zwar Rechtsradikale Fuß zu fassen, aber im AfD-Programm steht auch etwas zum Schutz der Familie und des ungeborenen Lebens. Die AfD ist eine normale Partei“, so Fiedler. Vielleicht habe auch etwas Trotz bei der Wahl eine Rolle gespielt.

Wirtschaftliche Gründe sieht Fiedler nicht für den AfD-Boom. Es fehlten zwar Lehrer, beim Internetanschluss hapere es auch, „aber das war nicht ausschlaggebend“. Das sieht auch der CDU-Abgeordnete Alexander Krauß aus dem Wahlkreis Erzgebirge nebenan so: „Die Arbeitslosigkeit ist hier so stark gesunken wie sonst nirgendwo in Deutschland. Jeder, der gesund ist und will, findet einen Arbeitsplatz.“ Auch für Krauß war daher „Thema Nummer 1 für die Menschen die Flüchtlingsfrage“.

Für den besonders hohen AfD-Stimmenanteil hat der CDU-Politiker noch eine andere Begründung parat: Seit 2015, dem Jahr der Flüchtlingskrise, habe es in anderen Ländern bereits Wahlen gegeben: „Dort war das politische Ventil bereits geöffnet. In Sachsen aber nicht, hier hat sich der Frust bis zur Bundestagswahl aufgestaut und entladen.“ Die Sorge über den Zuzug von Ausländern habe die Mittelschicht erfasst. „Das ist keine Wohlstandsfrage und die Menschen hier sind auch nicht abgehängt, aber es gibt große Sorgen“, so Krauß.

Die CDU habe es versäumt, darauf zu reagieren. „Nur zu antworten, 2015 wird sich nicht wiederholen, wir haben daraus gelernt, war den Menschen nicht genug“, glaubt Krauß. „Wir hätten einen Fehler eingestehen müssen.“ Das müsse die CDU jetzt selbstkritisch hinterfragen.

1564 Einwohnern leben in Dorfchemnitz. Rund 1200 Bürger waren wahlberechtigt am vergangenen Sonntag, 865 davon haben gewählt, und davon fast jeder zweite die AfD. Jedes zweite Haus gehört einem Handwerksbetrieb: Es gibt Tischler, Friseur, Bäcker, Fleischer, Dachdecker, Gärtner, Tiefbauer. Arbeitslose kennt man nicht im Ort. Insgesamt sind es 40 Betriebe.

Doch es gibt andere Probleme: Die Busanbindung ist schlecht, Straßen sind seit Jahrzehnten unsaniert, die Mobilfunk- und Internetverbindung sehr langsam, der letzte Lebensmittelladen schloss vor zwei Jahren, die Sparkasse kommt mit einem Bus alle zwei Wochen für 45 Minuten. Besonders schlimm traf die Einwohner aber die Schließung der Schule. Mit ihr sterbe ein Stück Kultur, hieß es im Dorf, das einmal klassisches CDU-Gebiet war. Sie fühlen sich von der Partei im Stich gelassen. Daher sind die Zeiten, als Ministerpräsident Kurt Biedenkopf ohne Mühe absolute Mehrheiten für die CDU holte, vorbei.

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