Apotheker als Chronist des Grauens | APOTHEKE ADHOC
Tadeusz Pankiewicz

Apotheker als Chronist des Grauens

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Berlin -

Als das jüdische Ghetto in Krakau errichtet wurde, gelang es dem polnischen ApothekerTadeusz Pankiewicz, seine Apotheke weiterführen zu dürfen. Da sie an einem zentralen Platz im Ghetto lag, der unter anderem für Exekutionen genutzt wurde, wurde das Apothekenteam Zeuge der Gräueltaten, die die Nazis verübten. Obwohl strengstens verboten und lebensgefährlich, unterstütze das Apothekenteam die Ghettobewohner, wo es ging. Nun wurde das Buch von Pankiewicz  „Die Apotheke im Krakauer Ghetto“ vom Immobilienmakler Jupp Schluttenhofer neu aufgelegt.

Im Jahr 1933 hatte Pankiewicz die Apotheke im Krakauer Stadtteil Podgórze von seinem Vater übernommen. Als die Nazis im Jahr 1941 dort das Krakauer Ghetto schufen, hätte die Apotheke eigentlich geschlossen werden sollen. Als einziger nicht jüdischer Pole erhielt der Pharmazeut von den Nazis eine Sondergenehmigung, wohl auch mithilfe von Schmiergeldzahlungen, seine Apotheke „Pod Orlem“ – Zum Adler – weiter betreiben zu dürfen und dort auch zu wohnen.

Durch das Fenster seiner Apotheke, die am Friedensplatz, dem zentralen Platz des Ghettos lag, vor den Blicken der SS-Männer verborgen, sieht der Pharmazeut das brutale Vorgehen gegen jüdische Menschen. Sie müssen ihre Häuser verlassen und werden auf dem Friedensplatz zusammengetrieben und misshandelt. Wer nicht rechtzeitig da ist, dem wird kurzer Prozess gemacht. Alte Menschen werden verspottet, gequält und ermordet, die ersten Kinder im Heim erschossen. Später werden die Kinder von ihren Eltern getrennt und müssen verzweifelt zusehen, wie ihre Eltern deportiert werden.

Zweieinhalb Jahre – von der Errichtung des Ghettos bis zu seiner Liquidierung – sieht und hört der Apotheker den Nazis bei ihren Verbrechen zu. In der Adler-Apotheke treffen sich die Opfer und ihre Peiniger, der Apotheker kennt die Spitzel und die Kollaborateure, begegnet den Männern des Judenrats und der jüdischen Polizei. Und der Apotheker tut, was er kann, um das Leben der Menschen zumindest etwas zu erleichtern.

Der Pole und seine Angestellten erhalten Passierscheine und können so unter großer Gefahr Nachrichten, Pässe, Lebensmittel oder nicht vorrätige Medikamente ins Ghetto schmuggeln. In der Apotheke gibt es Tranquilizer für versteckte Kinder, damit sie sich bei Gestapo-Razzien ruhig verhalten. Oder Haarfärbemittel, damit Ghettobewohner leichter ihre Identität wechseln können. Pankiewicz nimmt er keine Bezahlung für Beruhigungs-, Schlaf- und Schmerzmittel und Verbandsmittel an. Die Apotheke am Friedensplatz ist damit Kontaktstelle, Zuflucht, Unterschlupf und konspirativer Ort.

Mit Beginn der Massendeportationen rettet Pankiewicz einigen Juden das Leben, indem er sie in der Apotheke vor den Nazis versteckt. So berichtet die später nach Israel ausgewanderte Irena Cinowicz, dass sie während einer Razzia entkommen kann, weil der Apotheker sie hinter dem HV-Tisch versteckt, mit seinem eigenen Körper verdeckt und sie so vor der Deportation bewahrt. Für seinen Einsatz bei der Rettung von Juden erhält der Apotheker 1983 den israelischen Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“.

Nach dem Krieg schreibt Pankiewicz seine Erinnerungen nieder. Er wolle „die Zeit festhalten, die im Krakauer Ghetto ein Alptraum für die Juden war“, so der Apotheker in dem Vorwort. Das Buch erscheint zunächst auf Polnisch. Er veröffentlicht die Namen der Täter und sagt als Zeuge in den Nürnberger Prozessen aus. Er hält nach dem Krieg Kontakt mit Überlebenden in vielen Ländern, vor allem in Israel. Auch nach dem Krieg arbeitet er noch viele Jahre als Apotheker. 1993 stirbt Pankiewicz in Krakau. Die erste Ausgabe in deutscher Sprache von 1995 erlebt er nicht mehr.

Nun wurde das Zeitdokument neu aufgelegt. Schluttenhofer ist gelernter Typograf und wurde im Augsburger anthroposophischen Kreis auf das Buch aufmerksam gemacht, als eine Gruppe der Teilnehmer nach ihrer Reise nach Krakau dort davon berichtete. Er sei davon so betroffen gewesen, dass er beschloss, das Buch neu aufzulegen. „Ich fand es schade, dass ein so wichtiger Augenzeugenbericht gerade in Deutschland nicht mehr verfügbar ist“, erklärt er. „Das Buch darf einfach nicht in Vergessenheit geraten und das Wissen, das darin enthalten ist, verloren gehen.“

Über ein Jahr habe es gedauert, bis er eine Lizenz zum Nachdruck erhalten habe. Mit Hilfe von Darlehensgebern und in Zusammenarbeit mit Benno und Sarah Käsmayr vom Augsburger Maro-Verlag wurde eine Neuauflage von 1500 Exemplaren gedruckt. Schon für die erste Auflage schrieb der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, das Vorwort. Der frühere Jerusalemer Oberbürgermeister Teddy Kollek steuerte ein Geleitwort bei. Beide Beiträge sind im Nachdruck zu lesen.

„Pankiewicz konnte die Welt nicht verändern. Aber alles, was ihm möglich war, hat er gemacht. Das hat mich beeindruckt“, so Schluttenhofer. „Mir läuft es noch heute kalt den Rücken herunter, wenn ich an die Schilderungen von Pankiewicz denke.“ Gerade in einer Zeit, in der es eigentlich allen gut gehe, tauchten AfD, rechte Proteste und Fremdenfeindlichkeit auf. „Es finden plötzlich wieder Bewertungen, Ausgrenzungen und Selektionen statt, die es in ähnlicher Art schon mal gab“, betont er. Gerade deshalb sei der Zeugenbericht des polnischen Apothekers so wichtig. „Wir sollten das, was passiert ist, als Mahnung nehmen und uns fragen, wie wir mit Menschen umgehen, die nicht in unser Weltbild passen", so der Herausgeber.

In der ehemaligen Adler-Apotheke in Krakau wurde in den 80-er Jahren ein Museum eingerichtet. Dort finden sich Gegenstände und Geräte einer alten Apotheke. Vor allem aber dokumentiert das Museum das Martyrium der Ghettobewohner und das helfende Wirken des Apothekers.

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