Kundenzeitschriften

Anzeige: Mutti lächelt aus der Umschau

, Uhr
Berlin -

Während die Umschau mit ihren Retro-Motiven wirbt, wartet die aktuelle Ausgabe mit einer Neuerung auf: In der Mitte ist eine relativ dicke Werbebroschüre eingeheftet – von der Bundesregierung. Eine Regierungssprecherin erklärt gegenüber APOTHEKE ADHOC, was es mit dem Heft im Heft auf sich hat.

Die erste August-Ausgabe der Umschau widmet sich dem Thema Achtsamkeit: „So stärkt Meditation Körper und Seele.“ Mit dem Thema Vermeidung von Zuzahlungen wird auch die finanzielle Achtsamkeit in den Blick genommen. Doch das Besondere wartet in der Mitte, nach den ersten Rätseln: 20 Seiten „schwarzrotgold – Das Magazin der Bundesregierung“. Thema der eingehefteten Einlage: „Wie uns künstliche Intelligenz hilft.“

KI und der aktuelle Forschungsstand werden kurz erklärt, am Fallbeispiel des Ortes Betzdorf-Gebhardshain die Chancen der Digitalisierung im ländlichen Raum erläutert. Im Statistik-Teil erfährt der Leser unter anderem, dass Deutschland weltweit den 6. Platz bei der KI-Forschung einnimmt und dass sich die Mehrheit der Bevölkerung den Einsatz in der Medizin wünscht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schreibt im Editorial über die Vorzüge der Digitalisierung, etwa, dass der Rasenmäher seinen Weg alleine findet. „Künstliche Intelligenz bietet große Chancen in allen Bereichen des Lebens. Wenn in der Medizin große Datenmengen ausgewertet und verglichen werden können, wird es leichter, gezielte Therapien zu entwickeln“, so die Kanzlerin. Das Bildungssystem werde noch stärker auf das digital geprägte Leben ausgerichtet – mehr als fünf Milliarden Euro sollen etwa zur Verbesserung der digitalen Ausstattung der Schulen zur Verfügung gestellt werden. Merkel will Deutschland zu einem führenden Standort für künstliche Intelligenz machen.

„Schwarzrotgold“ wird seit Dezember 2018 herausgegeben und erscheint viermal im Jahr. Warum das Magazin diesmal in der Apotheken Umschau enthalten ist, erklärt eine Sprecherin der Bundesregierung: „Die Verteilung erfolgt nach mediaplanerischen Aspekten. Hierzu unterbreitet unsere Mediaagentur Vorschläge, die genau auf die Zielgruppe der jeweiligen Ausgabe zugeschnitten sind. Darunter sind auch so genannte ‚special interest-Titel‘“.

Eine Teilauflage von rund 450.000 Exemplaren der aktuellen Ausgabe ist in der Apotheken Umschau eingeheftet. Zu den Schaltkosten darf die Regierungssprecherin „zur Wahrung legitimer Geschäftsgeheimnisse“ keine Angaben machen. Nur so viel: „Die reinen Schaltkosten der aktuellen Ausgabe betragen bei einer verteilten Ausgabe von rund 5 Millionen Exemplaren rund 668.000 Euro.“

Wird die Kanzlerin jetzt regelmäßig aus der Umschau lächeln? Das kann man heute noch nicht sagen, ist aber eher unwahrscheinlich: „Um Streuverluste zu vermeiden, wird jede Ausgabe individuell geplant, das heißt: Für die nächste Ausgabe von schwarzrotgold wird der Mediaplan an die dann angesprochene Zielgruppe angepasst“, so die Sprecherin.

Apotheker Alois Dittrich fühlt sich von der ungewohnten Werbung belästigt. Er hat einen wütenden Leserbrief an die Herausgeber der Umschau geschrieben: „Wir sind mittelmäßig entsetzt wie der Wort & Bild Verlag seine Abonnenten missbraucht, heimlich eine Propaganda-Broschüre der Bundesregierung – via öffentliche Apotheke – unter das Volk verteilen lässt.“ Die Apotheken würden ungefragt „zum indirekten Sprachrohr der Kanzlerin“ gemacht. Von der ist Dittrich offensichtlich kein besonders großer Fan: „Der Kanzlerin, die soviel Unheil zu verantworten hat (auch gegenüber uns Apothekern) und den folgenden Generationen eine Bürde hinterlässt, die sie vermutlich nicht schultern können.“ Dittrich hat das Magazin nach eigenen Angaben aus seinen Exemplaren der Umschau entfernt.

Beim Wort & Bild Verlag kann man die Aufregung nicht verstehen. Es handele sich um einen ganz normalen Vorgang und eine Anzeige wie jede andere, sagte eine Sprecherin auf Nachfrage.

Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Neuere Artikel zum Thema
Mehr aus Ressort
Sonderumlage für DAV-Portal
Bayern: 5,4 Millionen Euro für Gedisa »
„Erpressung ist sicherlich keine gute Basis“
Freie Apothekerschaft: Apotheken bügeln Fehler der Praxen aus »

APOTHEKE ADHOC Debatte

Weiteres
„Überragende marktübergreifende Bedeutung“
Amazon: Kartellamt schaut genauer hin»
AHD strukturiert weiter um
Gehe in Magdeburg schließt»
Auf antibakterielle Wirkstoffe besser verzichten
Hautcremes können dem Mikrobiom schaden»
Erste Leitlinie für Diagnose & Behandlung
Vitiligo: Wenn der Haut die Pigmente fehlen»